Blaue Bohnen auf kurz vor 12!

„Wenn Sie sich vorstellen, der Teller ist eine Uhr, auf welchen Zahlen liegt dann das Essen?“
Mit genau dieser präzise und knapp formulierten Bitte wendet sich die von Geburt an blinde Lily vom Rehabilitationszentrum für Blinde an die Kellnerin eines Landgasthofs irgendwo in Mecklenburg-Vorpommern.
Die etwas verunsicherte Dame versucht, ihre Sache so gut wie möglich zu machen. Aber anstatt genauso präzise und knapp anzusagen, welches Stündlein den Kartoffeln, dem Fleisch und dem Gemüse schlägt, dreht sie nicht am Zeiger, sondern immer wieder am Teller.
Als sich beispielsweise das Schnitzel gemütlich zur „Tagesschau“ hinfläzt, ziehen die Kartoffeln sicherheitshalber schon einmal kurz vor High Noon aus Angst vor den blauen Bohnen die Köpfe ein. Nur die Erbsen kichern eine Stunde zu früh vor dem Nachmittagstee. Um die Erbsen zu disziplinieren, dreht die Kellnerin wieder am Teller, Lily und ihr ebenfalls blinder Begleiter Jakob drehen durch.
Nachdem der Teller einige Runden gedreht hat, meint der erst vor kurzem durch einen Verkehrsunfall erblindete Jakob ein bißchen sarkastisch, die Dame könne wohl die Uhr nicht lesen.
Um der Prozedur ein Ende zu machen, einigt man sich schließlich auf „Erbsen auf halb 6“. Das ist dann auch der Titel des im Jahr 2004 erschienenen deutschen Spielfilms, dem ich diese Szene entnommen habe.

Seit dem 16. Jahrhundert wird in Europa von Tellern gegessen, zunächst an den Höfen des Adels. Der Teller ist ein meist runder flacher Teil des Eßgeschirrs mit einer Vertiefung in der Mitte, jedenfalls war das während der letzten fünf Jahrhunderte so.
Es wird zwar auch heute noch von Tellern gespiesen, aber rund ist seit einigen Jahren wohl mega-out!
In mittlerweile fast allen Restaurants bekommt man sein Essen auf wahnsinnig gezackten quadratischen oder rechteckigen Ungetümen serviert.
Abgesehen davon, daß ich diesen Designs nichts abgewinnen kann, erleichtert mir der stylische Teller nicht unbedingt das entspannte Genießen der weitläufig darauf drapierten kulinarischen Köstlichkeiten.
Mir kann zwar immer noch die Anordnung der Speisen mit der entsprechenden Uhrzeit erklärt werden, aber wenn solch ein Monsterteller einmal vor mir steht, dann steht er. Ich bin den „Zeitansagen“ des Küchenchefs ausgeliefert und habe keine Chance, wie beim runden Teller mit einer kleinen Drehung die Zeit um ein paar Stunden vor- oder zurückzustellen.
Die Zacken ragen häufig bedenklich weit über die Tischkante und sind oft mit kleinen Gläschen, Schüsselchen und Löffelchen bestückt. Gern wird der Teller dazu am Rand kunstvoll mit irgendwelchen Flüssigkeiten verziert, kommt also sozusagen schon verkleckert aus der Küche. Deshalb kam es auf dem Weg zu meinem jetzt viel weiter entfernten Weinglas entlang des Tellerrandes schon zu dem ein oder anderen Zwischenfall.

„A rose is a rose is a rose is a rose” schrieb 1922 die US-amerikanische Schriftstellerin Gertrude Stein, die neben Virginia Woolf zu den ersten Frauen der klassischen literarischen Moderne zählte.
Ich bediene mich dieses Zitates in abgewandelter Form und plädiere dafür:
Ein Teller ist ein Teller ist ein Teller ist ein Teller, also ein Gebrauchsgegenstand, der mir das kultivierte genießerische Zuführen der Speisen zum Munde ermöglichen und erleichtern, aber auf keinen Fall verkomplizieren soll.
Auch das Besteck sollte an der gewählten Position liegen bleiben und keinen eigenmächtigen spontanen Abgang machen, nur weil das höchst anspruchsvolle Design die Grundsätze der Gewichtsverteilung ignoriert.

Aber unabhängig von seiner Form ist jeder Teller, den ich nicht selbst bestückt habe, immer wieder für eine Überraschung gut.
Wenn das Auge eben nicht mitisst, landet ruck zuck ein nicht zum Verzehr vorgesehener Deko-Kräuterstrunk, die Deko-Zitrone oder Orangenscheibe im Mund.
Beim Abziehen der Fleischstücke von einem Spieß, der zuvor vielleicht auch noch ein Bad in der Soße nahm, bin ich schon das ein oder andere Mal über das Ziel hinausgeschossen. Da bekommt der grundsätzlich positiv gemeinte Spruch „über den Tellerrand hinausschauen“ einen eher peinlichen Beigeschmack.
In dem Film „Pappa ante Portas“ kann man die Filmgemahlin von Loriot, Evelyn Hamann, sehr schön bei ihrem verzweifelten Kampf mit solch einem Spieß beobachten. Obwohl sie genau sehen konnte, was sie tat, hat sie, glaube ich, den Kampf nicht ganz unbeschadet überstanden.
Weinbergschnecken werden vor dem Verzehr irgendwie aus ihren Behausungen gelockt, wahrscheinlich gekocht und anschließend mit Knoblauchbutter wieder in Deko-Schneckenhäuser gestopft.
Im Restaurant müssen die Tierchen mit Spezialwerkzeugen wieder herausoperiert werden.
Das lehne ich kategorisch ab. Ich habe keine Lust, daß mir das schlüpfrige Scheißerchen wie Julia Roberts in „Pretty Woman“ sonstwohin flutscht.

Aber abgesehen von Schneckenhäusern kann mir der noch so wild gestylte Teller mit den abenteuerlichsten Kreationen meine Freude am Essen und der guten Küche nicht nehmen.
Neben der, wie ich finde, oft zu Unrecht unterschätzten deutschen liebe ich vor allem die französische und italienische Küche, gelegentlich auch einmal mit einem leicht asiatischen Einschlag.
Aber jetzt ist sowieso erst einmal Schluß mit den allabendlichen Restaurantbesuchen. Der Urlaub ist rum und auf den runden Teller kommt das von mir Gekochte nach meinem Zeitgefühl. Der arme Lektor!

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