Eddie the Eagle – Alles ist möglich

Milch verleiht dem Konsumenten zweifellos genauso wenig Flügel wie der allseits bekannte klebrig-süße Drink aus der schmalen blausilbernen Büchse. Das Einzige, was der Hersteller dieses Produktes seit 1987 mit solch einer Behauptung beflügelt, sind wohl seine weltweiten Umsätze.
Der britische Ausnahme-Skispringer „Eddie the Eagle“ bevorzugte für seine körperliche Fitness das laktose- und kalziumhaltige Naturprodukt, mit dem er sich in jeder freien Minute stärkte.

Milch statt Dope, oder ausschließlich Dopen mit Milch, das wäre doch einmal eine sympathische Devise für alle künftigen nationalen wie internationalen sportlichen Wettkämpfe!

Ob der wirkliche Eddie the Eagle, mit bürgerlichem Namen Michael Edwards, dessen Biographie dem Film zugrundeliegt, genauso oft wie seine Filmfigur zum Milchglas griff, wissen wir nicht.
Jedenfalls stahl er als erster britischer Skispringer bei den Olympischen Winterspielen von 1988 im kanadischen Calgary den Medaillengewinnern beim Skispringen mit seinem spektakulären Sprung die Show. Er belegte zwar mit gerade 71 Metern Sprungweite den letzten Platz, wurde aber vom Publikum für seinen Mut gefeiert. Wegen seines recht unorthodoxen Stiles, in dem er sich mit den Armen rudernd um Stabilität im Flug bemühte, kürte man ihn zu „Eddie the Eagle“.
Diese Sensation muß damals an mir vorbeigeflogen sein. Aber dank des Filmes konnte ich diese Wissenslücke nun schließen und hatte meinen Spaß dabei.

Über den olympischen Gedanken „Dabei sein ist alles“ hinaus war ich im Kino nicht nur einfach so dabei. Mit der Hörfilmbeschreibung, die Eddie bei seinen 13 Sprüngen mit und ohne Bruchlandung begleitete, konnte ich jede kritische wie unkritische Phase genau verfolgen. Das gilt auch für seine Sorgenfalten, wenn er unschlüssig auf dem Startbalken sitzt und mit Unbehagen in den Abgrund schaut. Genauso wird beschrieben, wie er nach einem geglückten Sprung über das ganze Gesicht strahlt.
Seine letzte Amtshandlung, bevor er sich von dem Balken abstößt, ist jedes Mal das Zurechtrücken der Skibrille mit dem Zeigefinger. Die Musik kündigt an, wenn er sich schließlich in die Tiefe stürzt und unüberhörbar heben beide, Eddie und die Filmmusik, gleichzeitig vom Schanzentisch ab.
What goes up must come down!
Und genauso bekommen Musik und Eddie wie gewollt gleichzeitig wieder festen Boden unter die Füße, bei den ersten Versuchen recht unsanft und schmerzhaft, später auch elegant gleitend.

Erfunden und in die Welt getragen haben diese nicht ganz ungefährliche Variante des Skifahrens die Norweger. Die älteste bildliche Darstellung, daß und wie sie das tun, ist auf den 16. Februar 1862 datiert.
Knapp 30 Jahre später sprang man im steirischen Mürzzuschlag beim ersten europaweiten Wettbewerb im Skispringen über einen verschneiten Misthaufen.
Geruchsneutral wird es dagegen 1924 bei den olympischen Winterspielen zugegangen sein.
In diesem Jahr durften zum ersten Mal auch die Wintersportler inklusive der Skispringer im Wettkampf um olympische Medaillen gegeneinander antreten. Die Skispringerdamen sind allerdings erst seit zwei Jahren dabei.

Wiedererfunden und mit Leben erfüllt wurde die olympische Idee der Antike nach einer über zwei Jahrtausende langen Pause maßgeblich von dem französischen Baron Pierre de Coubertin.
Er gründete 1894 das Internationale Olympische Komitee und zwei Jahre später fanden unter Ausschluß des weiblichen Geschlechts die ersten Olympischen Spiele der Neuzeit in Athen statt. Frauen wollte der Erfinder und Herr der fünf Ringe nicht dabei haben, wurde aber im Jahr 1914 überstimmt.

Neuerfunden hat die Olympischen Spiele der Neurologe und Neurochirurg Ludwig Guttmann.
In Oberschlesien geboren und 1938 nach England emigriert, ist er der Begründer der Paralympischen Spiele, die ihre Premiere 1960 in Rom feierten. Seit 1992 finden die Paralympics am selben Ort wie die Olympischen Spiele statt, jeweils drei Wochen später.
Ohne Guttmanns großartige Verdienste auch nur ansatzweise schmälern zu wollen, fände ich es schöner, wenn behinderte wie nichtbehinderte Sportler vor demselben Publikum antreten könnten.

Blinde Skispringer konnte ich übrigens nicht ausfindig machen.
Manchmal ist es von Vorteil, der Gefahr nicht ins Auge schauen zu können, und ich bin bestimmt nicht ängstlich. Aber niemals würde ich in einer Schußfahrt diese langen steilen Hänge hinunter rasen und abheben, um vielleicht irgendwo und irgendwie wieder herunterkommen.
Genauso ging es dem Darsteller des Eddie. Taron Egerton machte sich zwar mit der Hockposition während der Abfahrt, der Absprungbewegung am Schanzentisch und der Technik der Telemark-Landung vertraut. Für die Ausführung der kritischen Phasen dazwischen ließ er sich doubeln.
Sein kettenrauchender Trainer Bronson Peary (Hugh Jackman), immer mit einem Flachmann in der Tasche, kam dafür ohne Double aus.

Beide Eddies faßten erst mit Anfang 20 den Entschluß, mit dem Skispringen zu beginnen und nach einer Trainingszeit von nicht einmal zwei Jahren an den Olympischen Spielen in Calgary teilzunehmen.
Eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit!
Das olympische Motto „citius, altius, fortius“, streng übersetzt „schneller, höher, stärker“, aber im deutschen Sprachgebrauch als „schneller, höher, weiter“ eingeführt, war für beide nicht von Belang. Sie hielten sich an den anderen ebenfalls von Coubertin erwähnten Grundgedanken:

„Wichtig ist nicht, bei den Olympischen Spielen zu gewinnen, wichtig ist es, teilzunehmen.
Im (Sportler-)Leben geht es nicht darum, den Gegner zu besiegen, vielmehr darum, sich wacker zu schlagen.“

Dies ist den Eddies, beflügelt von ihren Träumen und mit eisernem Willen und Durchhaltevermögen mehr als gelungen!

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