Ein Hologramm für den König…

…und für Arne Elsholtz!

Wie Sie sehen, sehen Sie nichts. Aber wenn Sie mal schauen wollen, Sie sehen ja selbst!
Das betrifft aber nicht den Kinobesucher, ganz im Gegenteil.
Nur der vom Jetlag geplagte Amerikaner Alan Clay steht in der saudi-arabischen Wüste und staunt. Von dem, was er hoffte, dort vorzufinden, ist weit und breit nichts zu sehen und diese Erkenntnis erwischt ihn trotz glühender Hitze eiskalt.

Nach einer knapp zweistündigen Autofahrt von der Stadt Djidda über eine menschenleere Wüstenstraße taucht plötzlich wie aus dem Nichts ein Straßenschild auf mit der verheißungsvollen Aufschrift:
„King’s Metropolis of Economy and Trade“
Alans Fahrer Yousef lenkt nun seinen schicken Wagen auf die Zufahrtsstraße zu dem Firmengelände, auf der ein gelangweilter Kontrollposten sitzt und sich die Füße in einem Planschbecken kühlt. Nachdem dieser die beiden durchgewunken hat, setzen sie ihre Fahrt durch das Nichts fort. Der einzige Unterschied ist, daß jetzt der Sand von der Straße gefegt wird.
Endlich taucht ein gewaltiger runder futuristischer Gebäudekomplex am Meer auf und einige Meter entfernt ein großes schwarzes Zelt. In diesem notdürftig eingerichteten Brutkasten ohne Klimaanlage, Telefon- und Internetverbindung ist zu Clays Entsetzen sein Team untergebracht.

Schlechter könnten die Voraussetzungen nicht sein, dem saudischen König persönlich eine US-amerikanische Zukunftstechnologie, ein holographisches Telefonkonferenzsystem, zu präsentieren und zu verkaufen.
Als er wütend hinüber in das futuristische Gebäude marschiert, um sich über diese Mißstände zu beschweren, hat er Mühe, überhaupt jemanden anzutreffen. Und der König hat sich auch seit mindestens 18 Monaten nicht mehr blicken lassen.

Diese Kulisse am Roten Meer, die Alans Hoffnungen auf einen für ihn überlebenswichtigen erfolgreichen Geschäftsabschluß sehr dämpft, ist nicht frei erfunden, sondern Realität in der Region zwischen den heiligen Städten Mekka und Medina.
Dort legte der saudische König Abdullah ibn Abd al-Aziz im Dezember 2005 den Grundstein für das gigantische Projekt „King Abdullah Economic City“, kurz KAEC genannt. Knapp zwei Autostunden entfernt von der wichtigsten saudi-arabischen Hafenstadt Djidda sollte in wenigen Jahren für 22 Milliarden Euro eine Mega-Stadt, eine strahlende Wirtschaftsmetropole nach dem Vorbild Dubais, mit über 2 Millionen Bewohnern aus dem Boden gestampft werden.
Realisiert wurden in den darauffolgenden acht Jahren allerdings nur einige verwaiste Bürogebäude und riesige leerstehende Apartmentkomplexe. Der Rest des ehrgeizigen Projektes ist noch auf dem Reißbrett.
Vielleicht aus diesem Grund wurde der Drehbuchautor und Regisseur Tom Tykwer jedenfalls für die Dreharbeiten der Spielfilmszenen von den Saudis aus ihrer Wüste verjagt.
Eine geeignete Ersatzwüste fand er dafür in Marokko.
Erlaubt wurden ihm aber die Aufnahmen vom architektonisch hochinteressanten Stadtbild Djiddas. Die Bilder aus Mekka stammen von muslimischen Kameraleuten, weil Nichtmuslimen das Betreten der heiligen Stadt verboten ist.

Kein Ersatz, sondern Wunschkandidat für die Rolle des Alan Clay, des 54-jährigen Geschäftsmannes und Pechvogels aus Boston, ist Tom Hanks. Der Schauspieler schätzt sich, wie er in einem Interview sagte, glücklich, nur im Film jemanden zu verkörpern, dem in jeder Hinsicht der Boden unter den Füßen weggezogen wurde. Aber auch der Neustart in Saudi-Arabien steht unter keinem guten Stern. Sogar diverse Sitzgelegenheiten haben sich gegen ihn verschworen und brechen bei den unpassendsten Gelegenheiten unter ihm zusammen.
Und täglich grüßt nicht das Murmeltier, sondern neben einem zerbrochenen Stuhl sein Fahrer Yousef, weil Alan wieder einmal verkatert den Zubringerservice vom Hotel in den Brutkasten verschlafen hat. In dem Land der allgegenwärtigen Wasserflaschen gelingt es ihm doch immer wieder, an alkoholische Getränke zu kommen.
Ähnlich wie Bill Murray kämpft auch Tom Hanks mit dem Phänomen einer Art Zeitschleife, nur mit viel mehr Tempo. Wie auf einem Laufband in einem Fitnessstudio hetzt er immer wieder durch den Tag, ohne seinem Ziel auch nur einen Schritt näher zu kommen.
Welches war das noch gleich?

Aber zu Alans Glück ist die saudi-arabische Ärztin Zahra kein Hologramm, also keine technisch hochkompliziert erstellte photographische Aufnahme, die ein echtes dreidimensionales Abbild des Ursprungsgegenstandes wiedergibt. Sie ist aus Fleisch und Blut und dazu auch noch wunderschön.
Auch der Fahrer Yousef (Alexander Black) ist mit Haut und Haar und für den gestreßten Amerikaner ein Glücksfall. Von dem witzigen, charmanten und oft sprunghaften und widersprüchlichen jungen Mann lernt Alan viel über Land und Leute.

Für die Beschreibung der Bilderflut lassen die Filmfiguren, besonders der mitteilungsbedürftige Yousef, nicht viel Zeit. Aber die Zeit, die blieb, wurde optimal genutzt und ich hätte keine der Informationen missen mögen. Nur als Alan und die Schöne vor den indiskreten Blicken der Nachbarn im wahrsten Sinne des Wortes einmal abtauchen und für eine gefühlte Ewigkeit die Luft anhalten müssen, konnten sich die Hörfilmbeschreiber einmal richtig austoben.

Tom Hanks darf sich damit rühmen, daß ihm gleich zwei der besten deutschen Synchronsprecher und beide aus Berlin ihre Stimme leihen bzw. liehen. Arne Elsholtz, der unter anderem auch Bill Murray synchronisierte, ist leider vor zwei Wochen gestorben.
Jetzt wird Joachim Tennstedt, der im Film „Ein Hologramm für den König“ zu hören ist, den Job wohl alleine übernehmen.

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