Ein Mann namens Ove

Klappt’s mit dem oder noch besser mit allen Nachbarn, dann ist das schon die halbe Miete.
Harmonische und gut funktionierende Mietergemeinschaften sind keine Seltenheit. Man sitzt in einem Boot, und das nicht nur bei Wasserschäden. Der gemeinsame Gegner ist entweder der Vermieter oder die von ihm beauftragte Hausverwaltung. Beide lassen gefühlt keine Gelegenheit ungenutzt, den Mietern das Leben schwer zu machen.

Bei Eigentümergemeinschaften tilgt der einzelne Wohnungs- oder Hauseigentümer seinen Kredit bei einer Bank. Das Wohngeld zur Begleichung der laufenden Kosten überweist er an die von der Gemeinschaft ausgewählte und einstimmig oder per Mehrheitsbeschluß bestellte Verwaltung.
Es fehlt also das gemeinsame Feindbild.
Ich wage zu behaupten, daß es in jeder Eigentümergemeinschaft mindestens einen Stinkstiefel gibt, der den Miteigentümern und der Verwaltung mit den absurdesten Ideen auf die Nerven geht. Vorausgesetzt, man muß in solch einer Gemeinschaft nicht wohnen oder diese verwalten, kann man darüber nur verwundert den Kopf schütteln oder einfach darüber lachen.
Als ob nicht jede Minute Streit verschenkte Lebenszeit wäre und gerade Nachbarn sich helfen und zusammenhalten sollten!

Zu dieser Einsicht kommt „Ein Mann namens Ove“ zwar spät, aber nicht zu spät.
In die deutschen Kinos kam er für die Kinoblindgänger gGmbH aber leider zu früh!
Ove aus Schweden hat mich sehr begeistert. Zu gern und bestimmt auch zu Maries großer Freude hätte ich ihn mit einer Hörfilmbeschreibung und Untertiteln ausgestattet und über die Apps Greta und Starks im Kinosaal ins Ohr bzw. vors Auge gebracht (Wer ist Marie? www.kinoblindgaenger.com)
Die erste Spende (250,00 Euro) ist übrigens schon eingegangen!

Über die Dialogpausen hat mich mein freundlicher Nachbar mit diskretem Zugeflüster vom Kinosessel nebenan so gut es ging hinweggerettet.
Ove stützt meine oben aufgestellte These mit dem Stinkstiefel allerdings nur in abgeschwächter Form.
Er wohnt in einem hübschen Holzhäuschen in einer sehr gepflegten Einfamilienhaus-Siedlung irgendwo in Schweden. Jeden Morgen dreht er seine Runde, um zu kontrollieren, ob die Siedlungsbewohner die überall angebrachten kleinen gelben Verbotsschilder auch respektieren.
Das tun sie natürlich nicht und es scheint ihm großes Vergnügen zu bereiten, seine Nachbarn ruppig und mürrisch zurechtzuweisen.
Das klingt eigentlich nicht unbedingt nach einem Sympathieträger, aber trotzdem mochte ich Ove von Anfang an.
Er ist gradlinig, konsequent und hat einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn.
Ausgestattet mit einem gesunden Menschenverstand und einer Portion Witz und Wortwitz läßt er sich auch nicht von seinen Vorgesetzten oder staatlichen Autoritäten auf der Nase herumtanzen.

In Schweden scheint es üblich zu sein, daß sich Hauseigentümer wie hier in der Siedlung in einem Verein zusammentun, um ein gesittetes Miteinander auf den gemeinsam benutzten Straßen und Flächen zu organisieren und diese auch zu pflegen.
Ove stand dem Nachbarschaftsverein solange als Präsident vor, bis er von seinem besten Freund Rune – wie er meint – „weggeputscht“ wurde.
Aber auch schon vor diesem Drama standen sich die Freunde als Kontrahenten gegenüber und veranstalteten in ihren Garagen ein Wettrüsten. Saab oder Volvo, das muß wohl eine hochideologische Grundfrage gewesen sein.

Ob man bei 59 Lebensjahren von einem jüngeren oder älteren Menschen spricht, hängt auch maßgeblich vom Alter des Betrachters ab.
Von einem „alten Schweden“ möchte ich bei Ove daher nicht sprechen, er ist allenfalls ein bißchen lebensmüde.
Im wahrsten Sinne des Wortes steinalt ist ein Findling, der vor 17 Jahren bei Baggerarbeiten in der Elbe entdeckt und auf den Namen „Alter Schwede“ getauft wurde. Der 217 t schwere Koloss hat einen Umfang von fast 20 m und wanderte während der „Elster-Eiszeit“ vor 320.000 bis 400.000 Jahren mit einem Gletscher Richtung Hamburg.

Ein bißchen kann man Ove, wunderbar gespielt von Rolf Lassgård, dem Ur-Wallander, sogar mit dem Findling vergleichen.
An seiner rauhen, etwas grauen Schale scheint alles abzuprallen.
Sein Kern ist allerdings wachsweich. Er kann seine fünf Selbstmordversuche nur deshalb nicht erfolgreich beenden, weil er sie vorher abbricht, um jemandem zu helfen oder jemanden zu retten. Er ist eben ein Macher und kann einfach nicht anders.
Nur ein Versuch scheitert ausschließlich an Materialermüdung.
Er gab Sonja, der viel zu früh verstorbenen großen Liebe seines Lebens, das Versprechen, ihr so bald wie möglich zu folgen.

Daß er dieses Versprechen nicht wie geplant einhalten kann und sogar wieder Freude am Leben gewinnt, verdankt er seinen neuen Nachbarn. Anfangs ist er entsetzt, daß sich ausgerechnet direkt neben ihm ein Ehepaar mit zwei Kindern einnistet.
Seine neue Nachbarin Parvaneh (Bahar Pars) ist zu allem Überfluß nicht einmal Schwedin und auch noch schwanger. Aber gegen ihr herzhaftes Lachen ist auch ein Mann namens Ove nicht gewappnet.

Zum Glück hatte und habe ich immer tolle Nachbarn, man hilft sich, hat Spaß miteinander, ohne sich zu eng auf die Pelle zu rücken.
Wenn es bei mir nur mit auf Hochglanz polierten Gläsern beim Nachbarn klappen würde, hätte ich ganz schön trübe Aussichten!

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