Familiäre Angelegenheiten…

…kommen in den besten Familien vor und müssen geregelt werden, wie z.B.:

Sehr originell und witzig in „Wohne lieber ungewöhnlich“

Tierisch gut in „Isle of Dogs – Ataris Reise“

Rau, aber auch herzlich in „Familiye“!

Die Familie ohne y, in die ich hineingeboren wurde, ist weitverzweigt und verästelt sich ohne mein Zutun munter weiter. Die Empfehlung der Universitätsklinik Heidelberg, vom Kinderbekommen wegen einer möglichen Weitervererbung meines Augenleidens abzusehen, hat damit nichts zu tun. Als damals 17-Jährige konnte und wollte ich mir ein Leben mit eigenen Kindern sowieso nicht vorstellen und dabei blieb es auch. Meine hochgradige Sehbeeinträchtigung war für diese Entscheidung nur ein Grund. Und jetzt meine Empfehlung:
Lydia Zoubek ist blind und Mutter und schreibt darüber: www.lydiaswelt.com

Die Familie, die ich mir ausgesucht habe, ist demzufolge klein, aber fein. Wir sind zu dritt.
Der Zweibeiner ist seit über 30 Jahren derselbe. Bei den Vierbeinern ist das aus biologischen Gründen leider unmöglich und es gab schon zweimal riesengroßen Katzenjammer. Jetzt ist ein kleiner schwarz-weißer Kater bei uns eingezogen, ich nenne ihn Partout. Der hat nur Quatsch im Kopf und ist blitzschnell gleichzeitig überall, eben „partout“, wie der Franzose sagt!
Familiäre Angelegenheiten zu klären haben wir natürlich auch, das gehört aber nicht hierher.

„Wohne lieber ungewöhnlich“

klingt wie die Empfehlung eines hippen Lifestyle-Magazins, ist aber der Titel von Gabriel Julien-Laferrières temporeicher Familienkomödie aus Frankreich!

Die Familie als Keimzelle der Gesellschaft, in der Eltern und Kinder bis zum Auszug der Jugend unter einem Dach wohnen, scheint ein Auslaufmodell zu sein. Auch in der Tierwelt sind Familien die Ausnahme. Die süße Blesshuhnfamilie auf dem Foto konnten wir lange beobachten, vom Nestbau bis zu den ersten gemeinsamen Ausflügen. Blesshuhneltern kümmern sich gemeinsam um ihren Nachwuchs und bleiben mindestens so lange zusammen, bis die Küken flügge sind!

Die erwachsenen Filmprotagonisten haben so oft geheiratet und sich wieder getrennt und dabei Kinder in die Welt gesetzt, daß auf sieben Kinder acht Erziehungsberechtigte kommen. Das klingt anstrengend. Vor allem für die Kinder, die wie bei Patchworkfamilien gewöhnlich ständig woanders wohnen müssen.
Eines Tages macht die Kinderschar die ungewöhnliche Beendigung dieses stressigen Zustands zu ihrer familiären Angelegenheit. Und zwar mit einen raffinierten Plan und einem ziemlich gut durchdachten und innovativen Konzept!

Acht Elternteile macht theoretisch acht Großmütter, die sind hier jedoch stark unterrepräsentiert. Dieses Manko macht die einzige Oma, die auftaucht, mehr als wett. Sie ist von allen Erwachsenen mit Abstand die Coolste!
Eine weitere Großmutter wird nur erwähnt, kann aber nie mehr in Erscheinung treten. Dafür hinterläßt sie eine wunderschöne große Siebenzimmerwohnung. Und dort läßt es sich nach Meinung der Kinder ganz prima lieber ungewöhnlich wohnen!

Gerne hätte ich über das Gewusel der Kinder und das der überforderten Eltern auf der Leinwand genauso oft gelacht wie die anderen im Kinosaal. Leider gibt es für den französischen Film ohne deutsche Beteiligung keine Audiodeskription. Ich bekam aber vom freundlichen Kinosessel nebenan so viel Informationen wie möglich zugeflüstert!

So viel Zugeflüster, wie zum Verstehen von Wes Andersons Animationsfilm nötig gewesen wäre, hätte kein Kinosessel der Welt leisten können. Aber bei

„Isle of Dogs – Ataris Reise”

übernahm das die Greta und Starks App!

Für mich hatten die fünf Hunde, die sich in Isle of Dogs aus der Not heraus zusammenraufen und selbst als Rudel bezeichnen, irgendwie etwas von einer Familie. Vielleicht, weil die herrlich animierten Tiere sprechen können. Das übernehmen fünf von den ganz großen deutschen Synchronstimmen, ein Ohrenschmaus!
Auch die Zweibeiner sind wie alle Tiere nicht aus Fleisch und Blut, sondern Puppen. So oft es die Zeit zuließ, wurden mir die verschiedensten Hundeblicke beschrieben, das war rührend!

Unter den Tierfreunden gibt es eine Hunde- und eine Katzenfraktion.
Der Bürgermeister von Megasaki City gehört wie ich zur letzteren. Aber ich liebe auch Hunde und die Hunde mich. Kobayashi dagegen ist ein fanatischer Hundehasser.

Eines Tages spielt ihm der Ausbruch des Schnauzenfiebers in die Hände. Gegen diese Epidemie ist, wie er glauben machen will, kein Kraut gewachsen.
Der Bürgermeister bedient sich eines bei gewissen politischen Führungskräften sehr beliebten Mittels, er erläßt eine Notverordnung.
Alle Hunde, ob krank oder gesund, müssen ins Exil auf die Insel Trash Island!
Was die armen Kreaturen dort erwartet, will man gar nicht so genau wissen: Neben vergammelten Essensresten z.B. radioaktiver Müll und toxische chemische Abfälle. Als ein Hund der Fünferbande seinen Durst an einem Rinnsal löschen will, wird ihm empfohlen, dies besser sein zu lassen.

Sein grausames Exempel statuiert der Bürgermeister öffentlich wirksam ausgerechnet an dem, wie ich mich zu erinnern glaube, gesunden Wachhund seines Mündels Atari Kobayashi. Der 12-jährige Junge ist Vollwaise und sein treuer Begleiter Spots quasi seine Familie!
Als Spots in einen Käfig gesperrt mit einem Seilbahnsystem auf die Insel deportiert wird, bricht es einem fast das Herz!
Aber der Bürgermeister hat die Rechnung ohne sein Mündel gemacht.
Atari landet wie ein Bruchpilot auf der Insel und gerät an den fünfschnauzigen chaotischen Hundehaufen. Der beschließt, dem Jungen bei seinem familiären Problem zu helfen!

Wes Anderson muß ein großes Herz für Hunde haben und für Bären jetzt bestimmt auch. Er bekam bei der Berlinale einen Silbernen Bären für das Drehbuch seines tierisch guten Films!

Und jetzt die Familie mit y!
Die wäre wahrscheinlich an mir vorbeigerauscht, hätte nicht ein Freund vor über einem Jahr erzählt, daß er bei einem Film von zwei Kumpels mitmacht. Daß die

„Familiye“

ein Jahr später allein in Berlin in 12 Kinos startet, hat sich damals keiner der Beteiligten träumen lassen. Die Kumpels sind angehende Regisseure, Deutsch-Kurden und heißen Sedat Kirtan und Kubilay Sarikaya.

Der Drehort, der sogenannte Lynar-Kiez in Berlin Spandau, ist nur ca. zwei Kilometer Luftlinie von mir entfernt. Dieses y hat aber nichts mit der kurdischen Sprache zu tun. Lynar ist der Name einer preußischen Adelsfamilie. In dem Kiez, in dem die beiden mit ihren Freunden den Film über Drogen, Armut, Familie, Gewalt und Spielsucht machten, findet man alles außer Adlige.

Danyal, der älteste von drei Brüdern, wohnte während der letzten fünf Jahre in einer Berliner Justizvollzugsanstalt. Als er in die Wohnung zu seinen jüngeren Brüdern zurückkommt, findet er alles andere als ein annähernd geordnetes Familienleben vor. Miko verzockt Kohle, die er nicht hat, und wird massiv von Geldeintreibern bedroht. Der – auch im wirklichen Leben – mit dem Downsyndrom geborene Muhammed wird immer dicker und es steht eine amtlich verfügte Einweisung in eine entsprechende Einrichtung ins Haus. Das sind nur zwei der dringlichst zu regelnden familiären Angelegenheiten. Und hier wird nicht empfohlen, sondern nicht lange gefackelt und zugeschlagen. Bei einer Szene ging mir das zu lange und zu heftig vor sich. Ich war ein bißchen froh, die blutigen Details nur hören zu müssen. Das war schon schlimm genug!
Ansonsten wäre eine Hörfilmbeschreibung, die es leider nicht gab, bei den manchmal wirren Handlungssträngen und irre vielen Mitwirkenden schon sehr hilfreich gewesen.

Die Filmemacher stemmten die Kosten für die Produktion alleine und privat, mit Unterstützung von Moritz Bleibtreu. Fördergelder flossen keine und damit gibt es auch keine barrierefreie Fassung. Nur bei geförderten Filmen besteht eine Pflicht, für Barrierefreiheit zu sorgen, dabei kann die Hälfte der Kosten geltend gemacht werden.
Die Leute von „Familiye“ hätten diesen Aufwand aber komplett allein bezahlen müssen.

Es ist höchste Zeit, über eine Lösung für solche Fälle in Form eines neuen extra Geldtopfes nachzudenken!
Ansonsten rauschen die immer zahlreicheren frischen, lebendigen, privat finanzierten Filme von jungen Leuten an den Zielgruppen ungehört und ungesehen vorbei.

Und jetzt wird‘s höchste Zeit, daß ich mich empfehle!

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