In Zeiten des abnehmenden Lichts

Nicht einmal das kleinste neu erstandene Minimöbel kann man sich fertig montiert und in einem Stück unter den Arm klemmen und nach Hause tragen, es ist immer ein Bausatz. Sind endlich keine Schräubchen und Winkelchen aus dem Paket mehr übrig, schaut der Mensch zufrieden auf sein Werk. Oft hört man ihn dann sagen:

„Sitzt, paßt, wackelt und hat Luft“

Zwar nicht ganz zu 100 % nach den Regeln der Handwerkskunst zusammengebaut, kann man das gute Stück dennoch bestimmungsgemäß nutzen.

Bei „In Zeiten des abnehmenden Lichts“ ist das gute Stück ein alter, immens großer Tisch. Normalerweise in seine Einzelteile zerlegt, wird er nur einmal im Jahr im Haus der Familie Powileit aus der Versenkung geholt und zusammengebaut. Und seine einzige Bestimmung ist es, bei Wilhelm Powileits Geburtstagsfeiern das kalte Buffet zu tragen.

In diesem Jahr zur Feier seines Neunzigsten legt Wilhelm beim Aufbau des Tisches zum ersten Mal und zum großen Entsetzen seiner Frau Charlotte selbst Hand an. Wütend und voller Ungeduld drischt er mit Hammer und Nagel die widerspenstigen Teile zusammen.
Frei nach dem Motto „Was nicht paßt, wird passend gemacht“.

Nur Wilhelms einziger Enkelsohn hätte dem Monsterteil auch ohne Einsatz von Brachialgewalt auf die vielen Beine helfen können.
Aber Sascha hat die Platte geputzt!
Wie so viele im Frühherbst 1989, hat sich auch der junge Mann mit Anfang 30 in den Westen abgesetzt.
Das ist für den Großvater, ein hochdekoriertes SED-Parteimitglied, eine echte Hiobsbotschaft.

Aber wenigstens der notdürftig zusammengenagelte Tisch tut seinen Dienst und erträgt die riesigen Bulettenberge des kalten Buffets. Bei den bestellten Hühnerbeinen gab es leider gerade einen Engpaß!
Dafür fließen Wodka und Rotwein um so reichlicher.

Die Parteigenossen, Nachbarn, Freunde und natürlich die Familie geben sich an Wilhelms Ehrentag in seinem Haus in einem wohlsituierten Stadtteil Berlins, der Hauptstadt der DDR, die Klinke in die Hand.
Nicht erst jetzt, wo alle um den alten Herrn kreisen wie Motten um das Licht, zeigt Bruno Ganz, was er kann, nämlich in allen Gefühlslagen großartig schauspielern!
Als Wilhelm macht er kein Hehl daraus, was er von den Menschen um sich herum hält, und das gilt ganz besonders für einzelne Familienmitglieder.

Ob mit Hohn, Spott, Zynismus, Ungeduld, Wut, aber genauso auch warmherzig, großzügig und liebevoll, er begegnet jedem einzelnen so, wie dieser das seiner Meinung nach verdient.
In meiner Erinnerung überwiegen allerdings die negativen Gefühlsausbrüche und manchmal hat’s mich schon geschaudert.
Dafür waren die Auftritte der Genossinnen und Genossen, die dem nahenden Untergang der DDR mehr oder weniger klar und natürlich auch wodkageschwängert ins Auge sahen, umso komischer. Besonders schön war die Idee, die Bevölkerung mit heimischem, in Brandenburg produzierten und gereiften Camembert von der Ausreise abzuhalten, so ein Käse!

Die Rollen dieser Parteifunktionäre waren genauso wie die aller anderen Gratulanten inklusive der Familienmitglieder hochkarätig besetzt.
Besonders erfreut war ich, die israelische Schauspielerin Evgenia Dodina so schnell wieder auf der großen Leinwand zu sehen.
Vor ein paar Wochen spielte sie in „Ein Tag wie kein anderer“ die weibliche Hauptrolle der Vicky und hier genauso überzeugend Wilhelms russische Schwiegertochter Irina.
Auch Wilhelm schien sich über Irinas wenn auch verspätetes Erscheinen zu freuen. Und das nicht nur, weil sie ihm ein Päckchen Papirossy zusteckte, die am bestialischst stinkenden Zigaretten überhaupt, kann ich aus eigener Erfahrung bestätigen!

Daß mein 24-jähriger Neffe das Buch von Eugen Ruge, das hier verfilmt wurde, als Lektüre gewählt hätte, ist wohl eher unwahrscheinlich. Aber den Film hat er sich mit mir im Kino begeistert angeschaut!
Zum Glück gab Ruge seine anfänglichen Bedenken, sein Buch verfilmen zu lassen, auf. Bei dem Drehbuchautor Wolfgang Kohlhaase und Regisseur Matti Geschonneck war sein Werk ja auch in den besten Händen!

Mein junger Kinobegleiter aus Westdeutschland war von dem kurzen Ausflug in die Zeiten des Aufbruchs in der DDR im Herbst 1989 sehr fasziniert. Genauso beeindruckt hat ihn aber auch, wie ich dem Filmgeschehen folgen konnte.
Dank der Audiodeskription über die App Greta konnten wir uns auf Augenhöhe sehr detailliert über den Film austauschen. Mein Neffe Lukas hat sogar ausführlich auf Facebook über unser gemeinsames Kinoerlebnis geschrieben!

Ich geb‘s zu, ich habe die ganze Zeit auf die Erwähnung des „Mufutis“ gelauert, aber leider vergebens.
Der Multifunktionstisch war höhenverstellbar und konnte mit einer Einschubplatte vergrößert werden. Je nach Bedarf funktionierte er als Coach- oder Eßtisch.
Wer den Mufuti nicht kennt, hat entweder keinen Kontakt zu Bewohnern eines DDR-Haushalts oder den Film „Sonnenallee“ aus dem Jahr 1999 verpaßt!

Der Tisch im Film mit seiner einzigen Bestimmung konnte sich übrigens nicht ganz bis zum Schluß auf seinen Beinen halten und entledigte sich der wahrscheinlich nicht mehr so ansehnlichen Reste des kalten Buffets.
Ein bißchen weniger „Wackeln und Luft“ hätte das vielleicht verhindern können.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Zurück