James Bond 007: Spectre

„Je suis Paris!“
Am Montag, dem 16. November 2015, um 12.00 Uhr verstummte für eine Minute mein Radio als einzige Geräuschquelle. Wer sich nicht an die zum Gedenken an Paris europaweit ausgerufene Schweigeminute hielt, war mein Handy, um mir idiotischerweise genau in diesem Moment seine Bildschirmsperre mitzuteilen.

Ich fühle mich den Franzosen und Frankreich, das inzwischen meine zweite Heimat ist, von jeher sehr, sehr eng verbunden. Die Grausamkeiten vom letzten Freitag sind mir deshalb ganz besonders nahegegangen, auch wenn sich Ähnliches täglich irgendwo auf der Welt abspielt.
Jeder hat wahrscheinlich schnell vor seinem geistigen Auge Revue passieren lassen, ob sich jemand aus dem Freundes- oder Familienkreis gerade in Paris aufhält. Ich mußte sofort an eine meiner besten Freundinnen denken, die beruflich während der letzten Woche auf einer Fotomesse in Paris zu tun hatte. Aber dank der sozialen Netzwerke bekam ich noch in derselben Nacht eine beruhigende Nachricht.

Ans Schreiben meines Artikels über den aktuellen James Bond-Film war am Wochenende schon deshalb nicht zu denken, weil die Handlung teuflische Berührungspunkte mit den Ereignissen in Paris hat. Aber nichtsdesto-
trotz…!

„Spectre“, der Filmtitel, heißt übersetzt Schreckgespenst. Zugleich war das bereits in früheren Bond-Filmen die Abkürzung für die gegnerische Terrororganisation, „Special Executive for Counterintelligence, Terrorism, Revenge and Extortion“.
Aktuell erfährt Bond erst später im Film, daß er dieses Mal vor der Organisation namens Spectre die Welt retten muß.

Zunächst ist der Film mehr oder weniger ein Stummfilm.
Zwischen fast martialisch und ohrenbetäubend lauter lateinamerikanischer Percussion ist gelegentlich ein undefinierbares Stimmengewirr zu hören. Nach einer gefühlten Ewigkeit fragt eine Frau mit südamerikanischem Akzent: „Wo gehst du hin?“
Die vertraute Stimme von James Bond antwortet. „Ich bin gleich wieder zurück!“
Ich denke, die Dame wartet heute noch.
Kurz darauf gibt es noch ein paar Sätze auf Spanisch, einen mächtigen Knall, wieder Stimmengewirr und Motorengeräusche.
Vom Nachbarsitz bekam ich zugeraunt, daß sich mit Totenmasken verkleidete Menschenmassen durch die Straßen einer mexikanischen Stadt in Richtung auf ein riesiges Stadion walzen.
Genau dieses Stadion haben die spanisch Sprechenden im Visier, um es, natürlich erst wenn alle Menschen sich dort eingefunden haben, in die Luft zu jagen.

Das ist das bei allen Bond-Filmen übliche Vorgeplänkel.
Bevor es richtig zur Sache geht, hat der Titelsong seinen Auftritt und Sam Smith erhebt zu dramatischer, getragener Orchestermusik seine Stimme.
Erheben kann hier wörtlich genommen werden. In dem Song „Writing’s on the Wall” singt er den höchsten Ton seiner bisherigen Karriere.
Smith wollte ein dichterisch erzählendes Liebeslied und zugleich einen angemessen klassischen Bond-Song schreiben. Ersteres ist ihm gelungen.
Wenn er auch den noch so hohen Ton trifft, erhebe ich den Song dennoch nicht in meine persönliche Bond-Song-Hitliste.
Die wird angeführt von Adele mit „Skyfall“, Tina Turner mit „Golden Eye“, „Live and Let Die“ von Paul McCartney, „Dance into the Fire“ von Duran Duran und, der Erste soll der Letzte sein, „Goldfinger“ von Shirley Bassey.
Daniel Craig hätte wohl gerne den Song aus dem Hause seiner Lieblingsband Radiohead gehabt.
Nach jetzigem Stand wird er auch beim nächsten Bond-Film die Welt retten und vielleicht kann er sich dann mit seinem Wunsch durchsetzen. Der Songtitel „Writing’s on the Wall“ geht auf ein biblisches Motiv zurück und bedeutet ein unübersehbares Omen für ein drohendes und nur sehr schwer abwendbares Unheil, wie wahr!

Um Klassen besser gefallen als der Song hat mir der Film.
Ich mag, daß sich die Bond-Filme an eine gewisse Grundstruktur halten.
Bond kommt nach dem Vorgeplänkel in seine Befehlszentrale, flirtet mit Moneypenny, bekommt von M meistens zuerst einmal eins auf den Deckel und wird von Q mit höchstraffiniertem technischen Schnickschnack und nicht ganz freiwillig den tollsten Autos ausgestattet. So ist es auch dieses Mal.
Um während des Vorspiels die Katastrophe von den Stadionbesuchern abzuwenden, sprengt Bond einen ganzen Häuserblock inklusive der spanisch sprechenden Terroristen in die Luft. Das gibt international mächtig Ärger!
Viele krachende Geräusche erklären sich erst im Nachhinein im Gespräch.

Bei „Spectre“ muß sich Bond zunächst einmal selbst retten. Er soll wegen einer drohenden Fusion der konkurrierenden britischen Geheimdienste abgeschafft werden.
Eine ganz wichtige Rolle im Film spielt ein Fingerring mit einem eingravierten Oktopus, dem Symbol der Spectre-Organisation. Da Ringe eher nicht sprechen, ist mir so ziemlich alles um dessen Bewandtnis entgangen. Bei einem Bond-Film im Kinosaal vom Nachbarn Informationen zugeflüstert zu bekommen, ist wegen des Geräuschpegels und der Ereignisdichte eine unmögliche Mission.
Nächster Tage werde ich bei dem Verleih eine vorsichtige freundliche Nachfrage starten, wie es mit einer Hörfilmbeschreibung aussieht. Etwas Schlimmeres als eine Absage kann mir schließlich kaum passieren, aber vielleicht gibt es ja doch noch die Lizenz zum Hören!

Entschädigt für das Fehlen der Audiodeskription hat mich die traditionell grandiose Bond-Filmmusik.
Die Bläser kündigen bombastisch die unmittelbar bevorstehende Entladung einer dramatischen Situation an. Indes bauen die Streicher eine nervenzerreißende Anspannung auf und der heisere Triller einer Querflöte vermittelt etwas Verschwörerisches. Verfolgungsjagden werden meistens mit rasend schnellen Percussionwirbeln auf Congas begleitet.
James hatte so viel zu tun, daß er kaum zum Trinken kam, und wurde sogar einmal mit einem alkoholfreien Getränk konfrontiert.
Der Ekel in seiner Stimme war nicht zu überhören.
Maßgeblich zum Gelingen seiner Mission tragen zwei Mäuschen bei, ein vierbeiniges und natürlich das zweibeinige Bond-Girl Madeleine Swann (Léa Seydoux).

Im Film ist am Ende jedenfalls alles gut!!!

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