Leipziger Allerlei mal anders!

„Verstecken wir den Speck und bringen nur noch Gemüse auf den Tisch, sonntags vielleicht ein Stückchen Mettwurst…“, riet der Legende nach Malthus Hempel, ein Stadtschreiber, den Stadtvätern von Leipzig um 1815 kurz nach Beendigung der napoleonischen Kriege. Das so erfundene Gemüsegericht, heute als Leipziger Allerlei bekannt, sollte die einst reiche Stadt vor Bettlern und Steuereintreibern schützen. Wenn sich das wirklich so zutrug, machte man sich damals aus heutiger Sicht mit dem Verzehr jeder einzelnen jungen Erbse, Karotte, Spargel und Morchel der Steuerhinterziehung strafbar. Zu dem Straftatbestand gesellten sich oft auch grüne Bohnen, Blumenkohl und Kohlrabi.
Das klassische Leipziger Allerlei wird mit Flußkrebsen, Krebsbutter und Semmelklößchen serviert, klingt wirklich lecker und kommt bei mir demnächst in einem garantiert runden Suppenteller auf den Tisch!

So allerlei einfallen ließen sich auch die Mitarbeiter der Deutschen Zentralbücherei für Blinde zu Leipzig (DZB) und öffneten am 5. September die Türen für interessierte Besucher.
Wie in allen Bibliotheken, ist auch in der DZB ausschließlich geistige Nahrung zu finden.
Die heute mit den modernsten Techniken ausgestattete DZB kann stolz auf eine 121-jährige Geschichte zurückblicken. Die Wurzeln gelegt wurden im November 1894, als die erste öffentliche Leihbücherei für Blinde in Deutschland gegründet wurde, unter dem Namen „Verein zur Beschaffung von Hochdruckschriften für Blinde zu Leipzig“.
Heute ist die DZB ein Staatsbetrieb des Freistaates Sachsen und wird seit 1999 von Prof. Dr. Thomas Kahlisch geleitet.

Kaum angekommen in der Gustav-Adolf-Straße 7, konnte ich mich einer der Führungen durch das Haus anschließen, untergehakt bei dem netten Herrn, der unser Grüppchen führte. Es öffneten sich unzählige Türen, hinter denen jeder einzelne in Schwarzschrift gedruckte Buchstabe technisch aufwendig ertastbar oder hörbar gemacht wird.
Hinter der ersten Tür zu einem der Tonstudios bekamen wir eine Hörprobe, wie eine geschulte Sprecherin unter der Regie eines Tontechnikers ein Buch zu einem Hörbuch vertonte. Unter den jährlich rund 100.000 Neuerscheinungen auf dem Büchermarkt haben die Mitarbeiter die Qual der Wahl und müssen sich aus Kapazitätsgründen für 300 Titel entscheiden.

Die Dame hinter der zweiten Tür hat es mit der Daisyfizierung zu tun, das klingt nur gefährlich und ist garantiert keimfrei!
Rückblickend kommt die Einweihung der Hörbücherei der DZB im März 1956 einer Revolution gleich. Bis dahin waren blinde und vor allem spät erblindete Menschen, die die Punktschrift meist nicht erlernt hatten, vom Genuß jeglicher Literatur ausgeschlossen. Den Startschuß gab „Der Lotterieschwede“ von Martin Andersen Nexø, das erste in Leipzig damals auf ein Magnettonband gesprochene Hörbuch. Meine ersten Hörbücher von der inzwischen abgewickelten Süddeutschen Blindenhörbücherei spielte ich von den inzwischen ebenso quasi abgewickelten Kassetten ab. Oft hatten die Gehäuse einen Knacks und es kam zu unzähligen Bandsalaten nicht selten bei der letzten von 30 Kassetten. Das ist, als ob die letzten Seiten eines spannenden Buches herausgerissen wären.
Diesem Drama machte eine schwedische Blindenbücherei 1992 ein Ende, als sie das DAISY-Hörbuch entwickelte, einen weltweiten Standard für navigierbar zugängliche Multimedia-Dokumente. Was da so kompliziert klingt, ist ein Datenträger im MP3-Format. Dieser kann auf einem speziell entwickelten Gerät, ähnlich einem Discman, abgespielt werden. Mit viel technischem Komfort ist das Gerät auch für Blinde problemlos zu bedienen. Das DAISY-Hörbuch hat die altehrwürdige Kassette seit 13 Jahren abgelöst und so nach und nach wird der Kassettenaltbestand „daisyfiziert“.

Neben dem Lotterieschweden und der innovativen schwedischen Blindenbücherei ist Gustav II. Adolf als Namensgeber der gleichnamigen Straße der dritte Schwede im Bund.
Mit seinem Eingreifen in den Dreißigjährigen Krieg verhinderte der bedeutendste Schwedenkönig den Sieg des kaiserlichen Lagers der Habsburger und sicherte damit indirekt die Existenz des deutschen Protestantismus. Tragischerweise führte die Beeinträchtigung seines Sehvermögens durch witterungs- und schießpulverbedingten Nebel in der Schlacht bei Lützen im November 1632 zu seinem frühen Tod. Orientierungslos lenkte er sein Pferd irrtümlicherweise in die feindlichen Truppen.

Die nächste Tür zur Reliefabteilung sollte für mich die letzte sein.
Wir bekamen ein Papier mit Erhebungen, ein sogenanntes Schwellpapier, in die Hand gedrückt. Die thermoplastische PVC-Schicht dieses Spezialpapiers läßt sich bemalen oder bedrucken. Anschließend wird das Blatt in einem speziellen Gerät beleuchtet, bis sich die geschwärzten Stellen erwärmen und anschwellen.
Punkt, Punkt, Komma, Strich, und fertig ist das Mondgesicht, das sich aber erfolgreich weigerte, von mir ertastet zu werden.
Neben Mondgesichtern können mit dieser Technik einfach und kostengünstig Bilderbücher für Kinder und Graphiken aller Art tastbar gemacht werden.
Die spannende Führung war für mich damit leider zu Ende, ich hatte ja noch eine Aufgabe!

In den großen Räumen des Versands hingen vor meinem Einsatz die Fußballbegeisterten an den Lippen des Blindenreporters Axel Ackermann. Dank des Engagements des Behindertenfanbeauftragten, wie er sich jetzt nennt, werden die Fußballspiele des Vereins RasenBallsport Leipzig in der Red Bull Arena mit einer live eingesprochenen Audiodeskription auch für die blinden RB-Fans zum ganz großen Fußballerlebnis.
Kurz vor dem Abpfiff gab es am Kickerautomaten eine Kostprobe der schweißtreibenden Sonderberichterstattung und deshalb hat sich Herr Ackermann auch noch zwei Co-Bildbeschreiber auf das Spielfeld geholt.

Dann hatte mein Stündlein geschlagen.
Als Demo-DVDs hatte ich mich für „M. Claude und seine Töchter“ und „Die Sprache des Herzens“ entschieden. Die Hörfilmbeschreibung dazu war nicht live, sondern kam aus der Konserve. Sie war auf der App von Greta geparkt und wurde über mein an einen Lautsprecher angeschlossenes Smartphone laut in die Runde geflüstert.
Nach einigen Filmminuten mußte ich die gemütliche Kinovorstellung aus Zeitgründen abbrechen und beantwortete nach bestem Wissen und Gewissen alle Fragen über Audiodeskription im Allgemeinen und über die App von Greta mit dem Smartphone im Besonderen.

Vom Kino ging es direkt nach England ins Schloß Fotheringhay, wo Mary Stewart auf ihr Todesurteil und dessen Vollstreckung wartete.
Diese Szene aus dem Theaterstück „Maria Stuart“ von Friedrich Schiller wurde von einem Beamer auf die Leinwand im Versandraum projiziert und Beatrix Hermens sprach dazu live mit ihrer schönen, warmen und ruhigen Stimme die Bildbeschreibung, die auch ihrer eigenen Feder entstammte. Im Schauspiel Leipzig gibt es seit 2013 monatlich eine Vorstellung, bei der die Bildbeschreibung über Kopfhörer in die Ohren der Theaterbesucher kommt. Die Dramaturgin des Schauspiel Leipzig, Christin Ihle, hatte ein Modell des Bühnenbildes zum Ertasten mitgebracht und die in den Kostümen steckenden Puppen durften in Ruhe untersucht werden.
Die große Herausforderung an die Sprecher bei einer live eingesprochenen Bildbeschreibung im Theatersaal ist, daß kein Abend wie der andere verläuft. Im Gegensatz zum Kino bestimmen das sehende wie das nicht sehende Publikum und das Schauspielerensemble gemeinsam den Rhythmus der Audiodeskription.
So verschieden wie ein Fußballspiel, ein Film im Kino oder ein Theaterbesuch sind, so unterschiedlich sind auch die technischen und inhaltlichen Anforderungen an die jeweilige Bildbeschreibung.

Von Beatrix Hermens und Gabi Schulze, der Redakteurin des Online-Magazins „in puncto DZB“ bekam ich anschließend noch eine private Live-Bildbeschreibung der im Garten aufgebauten kulinarischen Köstlichkeiten vom Kuchenblech, vom Grill und vom Faß und so weiter. Dazu gab es Allerlei aus Pop und Rock von der vierköpfigen Band „Blind Foundation“ auf die Ohren. Allerdings mußte ich dann doch die Heimreise nach Berlin antreten.

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