Nichts passiert

Und wer hat’s erfunden?
Nur ein Schweizer, und zwar der Drehbuchautor und Regisseur Micha Lewinsky.
Es passierte aus heiterem Himmel. Als er vor sechs Jahren mit dem Fahrrad durch die Straßen Berlins radelte, ereilte ihn von einem Augenblick zum anderen die Idee für die komplette Filmgeschichte. Abgesehen von einigen Notizen passierte wegen der Ereignisdichte in seinem Leben während der darauffolgenden Jahre mit dem Filmstoff jedoch erst einmal nichts.

Aber jetzt endlich geht es für die dreiköpfige Familie Engel aus Deutschland bei strahlendem Sonnenschein und idealen Schneeverhältnissen zum Skiurlaub ins Prättigau in die Schweizer Alpen.
So wie man den Seefahrern immer eine Handbreit Wasser unter dem Kiel wünscht, gibt man den Wintersportlern ein „Ski Heil“ mit auf den Weg.
Schweren Herzens habe ich vor einigen Jahren meine uralten Skistiefel entsorgt. Nicht, daß ich mir das Skilaufen nicht mehr zutraue, aber die Pisten sind nicht größer, aber dafür umso voller geworden. Das Risiko, von einer sogenannten Pistensau über den Haufen gefahren zu werden, ist mir einfach zu hoch.
Diesbezüglich braucht man sich bei der Hauptfigur des Films keine Sorgen zu machen. Ob nun gerade nichts oder viel passiert, zum Skilaufen kommt Thomas Engel sowieso kaum.
Der Grund dafür heißt Sarah, ist 15 Jahre alt und die Tochter seines Chefs.
Der Kameramann muß übrigens ein exzellenter Skiläufer sein, der beim Filmen vor den Schauspielern auf Brettern rückwärts abi fuhr.

Eine erste Ahnung, daß der Urlaub unter keinem guten Stern steht, bekommt man schon während der Autofahrt auf dem Weg in das weiße Paradies.
Thomas sitzt fröhlich am Steuer, in freudiger Erwartung auf schöne Tage im Schnee. Weder die ständigen Vorhaltungen seiner entnervten Frau Martina noch das Genörgel der gemeinsamen Tochter Jenny vom Rücksitz können ihm etwas anhaben.
Einig sind sich Mutter und Tochter in ihrem Unmut darüber, daß Thomas sich von seinem Chef hat breitschlagen lassen, dessen Tochter in die Ferien mitzunehmen.
Schon kurz nachdem Sarah in das Auto zugestiegen ist, fallen zwischen den beiden Mädels die ersten Spitzen. Auch die wohl hübschere und auf jeden Fall verwöhnte Tochter des Chefs ist nicht gerade begeistert, bei den Engels für eine Woche geparkt worden zu sein.
Aber das Gezeter aller drei Damen prallt an Thomas‘ Frohsinn einfach ab.

Kaum haben sich die vier in dem angemieteten Châlet eingerichtet, werden sich die Eheleute nicht einig, ob die Mädchen zu einer Feier der heimischen Jugend unten im Dorf gehen dürfen.
Trotz der Einwände seiner Frau macht Thomas den Chauffeur. Im Nachhinein würde er das bestimmt kein zweites Mal tun.

Was sich auf der Party genau abspielt und was Sarah auf der Rückbank des geparkten Autos widerfährt, in das sie zunächst freiwillig eingestiegen war, kommt nur sehr scheibchenweise zutage. Ganz aufgeklärt wird erst am Schluß.

Fast alle europäischen Staaten außer Italien, Polen und Ungarn haben inzwischen auf Empfehlung der WHO die „Pille danach“ aus dem Katalog der rezeptpflichtigen Medikamente gestrichen. In Deutschland ist dieses Präparat erst seit März 2015 rezeptfrei und darf an Jugendliche ab 14 Jahren auch ohne Einwilligung der Erziehungsberechtigten abgegeben werden. Die Schweiz schaffte die Rezeptpflicht schon im Jahr 2002 ab. Allerdings müssen die Apotheker mit der mindestens 15-jährigen Betroffenen ein Aufklärungsgespräch führen, das in einem Formular festzuhalten ist.

Thomas gibt dem Flehen der völlig aufgelösten Sarah nach, ihrem Vater nichts zu sagen und ihr zu der Pille danach zu verhelfen. Mit seiner Unterschrift auf dem Formular in der Dorfapotheke schafft er eine Tatsache. Jetzt gibt es für ihn kein Zurück mehr. Er tut so, als sei nichts passiert, und erwartet das auch von Sarah.
Aber die seelischen Folgen lassen sich mit der Pille nicht mal eben so einfach mit herunterschlucken. Also nimmt das Drama seinen langsamen, aber gewaltigen und auch gewalttätigen Lauf.

Der Darsteller des Thomas, Devid Striesow, ging in einem Interview mit seiner Filmfigur sehr hart zu Gericht. Er verurteilte scharf, wie Thomas jedes Mittel recht ist, um aus seinem anfänglichen Fehlverhalten unbeschadet herauszukommen.
Jeder, der sich auf den Film einläßt, kann nun für sich entscheiden, wie er sich verhalten hätte. Das hat der Drehbuchautor gut hinbekommen.

Keine Sekunde hätte ich in Thomas‘ Haut stecken mögen.
Dann kriselt es auch noch in der Ehe. Um die Wogen zu glätten, schlägt er einen gemütlichen Fondue-Abend am Kamin vor.

Eine Hörfilmbeschreibung gab es für den ausschließlich mit Schweizer Fördermitteln produzierten Film leider nicht.
Zwar taten die Darsteller ihr Bestes, um mich darüber hinweg zu retten, und haben allein durch ihre Dialoge reichlich Bilder in meinem Kopf produziert. Viele Details werden mir aber verborgen geblieben sein.
Besonders beeindruckend ist Devid Striesows Wandel von einem fröhlichen, harmlosen und übertrieben harmoniebedürftigen Familienmenschen zu jemandem, der auch vor Gewalt nicht zurückschreckt, um die Kontrolle zurückzugewinnen.
Auch die 15 und 17 Jahre jungen Lotte Becker als Jenny und Annina Walt als Sarah haben ihre Figuren schon fast erschreckend glaubhaft gespielt.

Ich werde jetzt genau das tun, was Thomas nicht vergönnt ist:
Einen gemütlichen Abend am Kamin mit Original Schweizer Käsefondue verbringen!
Die dazu nötigen Zutaten gibt’s im „Chuchichäschtli“. Das heißt Küchenschrank und ist ein kleines Fleckchen Schweiz mitten in Berlin-Wilmersdorf.
Dort wird man allerliebst von Schwiizern beim Kauf von Schwiizer Leckerlis und diverser Küchenutensilien beraten!

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