Raum

Die Ebstorfer Weltkarte gilt als die größte und umfangreichste Weltkarte des Mittelalters. Sie ist rund, weil die Erde bekanntlich eine Scheibe war, und hat einen Durchmesser von etwa 3,6 m. Die ganze Welt auf einer Fläche von gut 10 m²!
Noch weniger Platz steht Joy und ihrem Sohn Jack in ihrer ganzen Welt, dem „Raum“, zur Verfügung.
Die vier fensterlosen Wände des Raumes bilden ein 9 m² großes Rechteck und die einzige natürliche Lichtquelle ist eine in die Decke eingelassene Glasscheibe.
Die Tür zum Raum fiel vor sieben Jahren hinter der damals 17-jährigen Joy ins Schloß.
Nach zwei Jahren Einzelhaft der jungen Frau erblickt dort ihr Sohn Jack nicht das Licht der Welt, sondern nur das spärliche Tageslicht im Raum, jedenfalls für seine ersten fünf Lebensjahre.
Kurz vor seinem fünften Geburtstag beginnt die Filmgeschichte und zumindest für den Zuschauer öffnet sich die Tür schon einmal einen Spalt breit.
Ebenfalls durch diesen Spalt spähen die Hörfilmautoren und lassen Jack und Joy bis zum Schluß nicht mehr aus den Augen.
Ohne die beiden beim Schlafen, Waschen und Essen zu stören, wird informativ, aber knapp beschrieben, wie sie sich in ihrem kleinen Lebensraum eingerichtet haben.

Der Einzige, der von den beiden Gefangenen weiß und die Tür jederzeit mit einem Zahlencode ganz öffnen kann, ist Old Nick.
Seitdem er Joy vor sieben Jahren in einen Hinterhalt lockte, um sie einzusperren, macht er von dieser Möglichkeit auch jede Nacht Gebrauch.

Sprachlich hat der Raum seine Wurzeln im althochdeutschen „rumi“, was soviel wie „weit und geräumig“ heißt.
Von geräumig kann man bei diesem 9 m² kleinen Gefängnis wohl kaum sprechen.
Die Ausstattung und Größe des Raumes unterscheidet sich nur unerheblich von der einer Zelle im deutschen Strafvollzug. Weil dazu auch eine Toilette gehört, kam im Gefängnisjargon die Wortschöpfung des „Wohnklos“ auf.
Gefangene haben allerdings den großen Vorteil, durch ein wenn auch vergittertes Fenster nach draußen schauen zu können und ihr Wohnklo gelegentlich verlassen zu dürfen, um an der frischen Luft einmal tief durchzuatmen.

Aber für Jacks Welt ist im Multifunktionsraum dank seiner jungen Mutter ausreichend Platz.
Mit ihrer grenzenlosen Liebe und Geduld versucht sie mit wenigen bescheidenen Mitteln, aber umso mehr Fantasie, Jacks Welt in dem trostlosen Karton so bunt und abwechslungsreich wie möglich zu gestalten.
Als Ersatz für ein Haustier bastelt sie eine Eierschlange, die aus auf einer Schnur aufgefädelten Eierschalenhälften besteht. Diese Kreativkreatur wohnt unter dem Bett und wird wie alle Gegenstände im Raum von Jack jeden Tag mit einem fröhlichen „Guten Morgen!“ begrüßt.

Das Gefühl von Beklemmung, das sich immer stärker in mir breit machte, konnte ich leider nicht mit dem Gedanken bekämpfen, daß ja alles nur im Film geschieht.
Das Drehbuch für den Film schrieb Emma Donoghue nach der Vorlage ihres Romans „Raum“ aus dem Jahr 2010, bei dem sie sich an den grauenvollen österreichischen Kriminalfall Josef Fritzl anlehnte.
Allerdings läßt sie es ihren Figuren nicht ganz so schrecklich wie in der Realität ergehen.
Vor allem die Art und Weise, wie der kleine Jack fröhlich und unbekümmert die Filmgeschichte aus seiner Sicht erzählt, läßt den traurigen Hintergrund manchmal vergessen.
Bei seiner Mutter Joy merkt man dagegen deutlich, wieviel es ihr abverlangt, dem Jungen das Leben in der Enge erträglich zu machen. Es fällt ihr immer schwerer, auf Jacks Fragen plausible Antworten zu finden.
Auch die Bilder von der Welt draußen, die der Fernseher als einziger Luxusgegenstand in den Raum bringt, kann sie ihm kaum noch als Fantasiewelt verkaufen.

Menschlich wie schauspielerisch sind die beiden ein sympathisches, unschlagbares und perfekt eingespieltes Team.
Deshalb können sie auch den Teufel überlisten und fliehen.
Old Nick, wie die beiden ihren Peiniger nennen, ist nicht dessen Name, sondern eine englische Bezeichnung für den Teufel.
Obwohl ich bereits vor dem Kinobesuch von der geglückten Flucht wußte, pochte mein Herz vor Aufregung bis zum Hals.

Nach der anfänglich übergroßen Freude und Erleichterung wird sehr schnell deutlich, wie schwierig und lang der Prozeß für die beiden sein wird, sich in den vielen Räumen und Freiräumen, die ihnen jetzt offenstehen, zurecht zu finden.
Auch die ausschließliche Zweierbeziehung zwischen Mutter und Sohn gibt es von einem auf den anderen Tag so nicht mehr.
Während Jack allmählich besonders die schönen Seiten der unverschlossenen Welt entdeckt und zu schätzen lernt, fällt Joy zunächst in ein tiefes Loch.
Sie hat zwar ihr Leben zurückbekommen, aber die letzten sieben Jahre sind unwiederbringlich verloren. Aber sie hat Jack und mit seiner Hilfe schöpft sie wieder ein bißchen Lebensmut.

Weil der Drehbuchautorin beide Lebensphasen ihrer Filmfiguren gleich wichtig sind, platziert sie die Flucht exakt in die Mitte des Filmes.
Genau diese gleiche Gewichtung ist nur eine der großen Stärken des „Raums“, auch wenn ich mich in meinen Artikel nicht daran gehalten habe.

Wäre der Hörfilmbeschreibung kein Platz auf der Liste der App Greta eingeräumt worden, hätte ich mich nicht auf den „Raum“ eingelassen.
Es gab so viele wortlose, aber umso gestenreichere Szenen mit ausdrucksstarker Mimik, deren Beschreibung mir dank Greta nicht vorenthalten wurde.

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