Tag der offenen Tür im Berufsförderungswerk Halle (Saale)

Ich halle an der Saale, Du hallst an der Saale, er, sie, es hallt an der Saale usw. läßt der Schriftsteller Curt Goetz die Patientin Maria Violetta Höllriegel im Bühnenstück „Dr. med. Hiob Prätorius“ die gleichnamige Stadt konjugieren. Wahrscheinlich wurde aus diesem Grund in Halle nach ihm eine Straße benannt.
Ich hallte letzte Woche Donnerstag an der Saale, und zwar als das Berufsförderungswerk Halle (Saale) als Kompetenzzentrum „Rund um das Sehen“ zum 25. Mal seine Tore für die Allgemeinheit öffnete.

Anfang März stellte ich meinen Blog www.blindgaengerin.com und damit mein Anliegen, Blinde, Sehbehinderte und alle anderen fürs Kino zu begeistern, per Mail bei Herrn Stemmler vor. Mein Gedanke war, in dem BFW viele Blinde und Sehbehinderte zu erreichen, die oft nicht in Vereinen organisiert sind. Herr Stemmler meinte wortwörtlich, da hätte ich voll ins Schwarze getroffen, und lud mich zum Tag der offenen Tür ein.

Am 28. Mai um 10.00 Uhr begrüßte die Geschäftsführerin Kerstin Kölzner in der Aula im Haus 1 die sehr sehr zahlreich erschienenen Gäste und eröffnete den Tag der offenen Tür unter dem Motto „Steigende Sehanforderungen am Arbeitsplatz – Wir liefern Lösungen“.
Anschließend referierte Herr Matthias Benninghofen über den Stand der Forschung bei dem von „Second Sight“ entwickelten Netzhautchip.
Immerhin gelingt es unter gewissen Voraussetzungen, Vollblinden ein Hell-/ Dunkelsehen zu ermöglichen.
Mein Sehrest ist zwar minimal, aber ich kann Kontraste sehr gut wahrnehmen. Ich falle also durchs Raster, aber Herr Benninghofen versprach, daß an der Weiterentwicklung der Technik fieberhaft gearbeitet werde.
Dann hatte mein Stündlein geschlagen. Unter dem Motto „Smart mit dem Phone – Kino über die Ohren erleben“ stellte ich mich als Blindgängerin aus Berlin und meinen Blog so knapp wie möglich vor und verwies auf die Bibliothek eine Etage tiefer, die für vier Stunden mein Reich war.
Die Audiodeskription war dort über mein an einer Lautsprecherbox angeschlossenes Smartphone zu hören. Ein Abspielgerät sorgte für das Bild und den Originalton der DVD des Filmes „Wir sind die Neuen“ in Dauerschleife.
Ich konnte die Lautstärke der Audiodeskription und die des Films getrennt regeln und meinen Besuchern, die manchmal auch die Augen zukniffen, so sehr plastisch den Unterschied eines Filmerlebens mit und ohne Bildbeschreibung vorführen.
Während der vier Stunden gesellten sich ungefähr 50 Sehende, Blinde und Sehbehinderte jung wie alt, zu mir, um sich über die Audiodeskription im Allgemeinen zu informieren und zu erleben, wie einfach es sein kann, diese mit der App von Greta und Starks in die Ohren zu bekommen.
Alle verließen begeistert die Bibliothek, bedankten sich, und vereinzelt konnte ich auch die Berührungsängste vor dem Smartphone wenigstens ein bißchen nehmen. Das war schön!
Zwischendurch kamen die Herren Stemmler und Küchler und die Damen Frau Scheibe und Frau Sander nach mir schauen und sorgten für mein leibliches Wohl.
Kurz bevor ich meine Zelte abbrechen mußte, erschien plötzlich das Fernsehteam von TV Halle in der Tür. Sie wollten einen kleinen Beitrag für die Sendung „Hallo Halle“ über mich drehen. Bevor ich nervös werden konnte, war schon alles vorbei.

Es blieb leider keine Zeit, eine Runde über das parkähnliche Gelände des BFW zu drehen, auf dem bereits am 01. April 1898 die Provinzial-Blindenanstalt ihrer Bestimmung übergeben wurde. Die unter Denkmalschutz stehenden Gebäude wurden liebevoll restauriert und die Mitarbeiter behaupten durchweg mit Stolz, das bundesweit kleinste, aber schönste BFW zu sein.
In der Turnhalle war die größte Hilfsmittelausstellung des mitteldeutschen Raumes untergebracht.
Dort war ich eigentlich locker mit Jette Förster und Andy Chyla, beide auch aus Berlin angereist, verabredet. Herr Chyla präsentierte das Hörfilmprojekt des DBSV (Deutscher Blinden- und Sehbehindertenverband) und Frau Förster informierte als Jugendreferentin des Blinden- und Sehbehindertenvereines Sachsen-Anhalt.
Die treuen vierbeinigen Begleiter durften natürlich auch nicht fehlen. Eine Blindenführhundschule zeigte die Arbeit und Ausbildung mit Führhunden. Ich habe zwar keinen Führhund, liebe aber Hunde und die Hunde eigentlich auch immer mich.
Am nächsten Tag erfuhr ich über die im Internet noch bereitgestellte Sendung „Hallo Halle“ von den ungeahnten Möglichkeiten, den an sich schmucklosen weißen Langstock aufzupeppen. Den Griff und die Kugel passend zum Outfit und Anlaß austauschen, vielleicht auch einmal eine Diskokugel?
Ich kenne da jemanden, die, wenn man sie ließe…, mon dieu!!!

Das ist ein nur sehr kleiner Ausschnitt aus dem vielfältigen und bunten Programm, das über 500 Besucher nutzten, um sich über die Arbeit des BFW Halle zu informieren.
Ich hoffe für meinen Teil, in Halle nicht verhallt zu sein, und fuhr gegen 16.00 Uhr, um in der Sprache der gelesenen Emoticons zu sprechen, mit glücklichem Gesicht und halbgeschlossenen müden Augen zurück in die Hauptstadt.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Zurück