The Danish Girl

Ein Gelehrter spazierte einst in seinem Alltagsgewand über den Marktplatz und wurde zu seiner Verwunderung von keinem gegrüßt. Als er daraufhin die Probe aufs Exempel statuierte und denselben Weg noch einmal im Festgewand zurücklegte, zog auf einmal jeder vor ihm den Hut. Wütend machte er sich auf den Heimweg, zog sich aus, trampelte auf seinen Kleidern herum und beschimpfte diese mit den Worten: „Bist du dann der Doktor, oder bin ich er?“
Diese Episode wurde schon in der Mitte des 16. Jahrhunderts niedergeschrieben und so das bis heute bekannte Sprichwort „Kleider machen Leute“ dargestellt.

Ungefähr drei Jahrhunderte später ist genau diese alte Redensart der Titel der 1874 erstmals veröffentlichten Novelle des Schweizer Dichters Gottfried Keller.
Was den Gelehrten einst in Rage versetzte, macht sich die Hauptfigur in Kellers „Kleider machen Leute“, der Schneidergeselle Wenzel Strapinski, zunutze. Aus Sehnsucht nach einem würdigen Dasein hüllt er sich in einen noblen Radmantel, eine Art Cape, und bedeckt sein Haupt mit einer Pelzmütze. Mit dieser Verkleidung gelingt ihm ein bemerkenswerter und beachtlicher sozialer Aufstieg in gutbürgerliche Verhältnisse.

Auch bei „The Danish Girl“ wird sich natürlich gekleidet und vor allem verkleidet.

In seinem ersten Leben heißt das dänische Mädchen Einar Wegener, ist von Beruf Landschaftsmaler und mit der amerikanischen Malerin Gerda verheiratet.
Die jungen Leute genießen glücklich verliebt und ziemlich unbeschwert das Leben im aufregenden und lockeren Künstlermilieu Kopenhagens der frühen 20er Jahre des letzten Jahrhunderts. Weit und breit ist nichts und niemand in Sicht, was sich zwischen die beiden drängen könnte.

Wäre da nicht ein wunderschönes Ballkleid neben Gerdas Staffelei, das das Zeug hat, ein Aschenputtel in eine Prinzessin zu verzaubern.
Sehr verallgemeinert ist Kleidung und Bekleidung die Gesamtheit aller Materialien, die als künstliche Hülle den Körper des Menschen mehr oder weniger eng anliegend umgibt.
Diese sehr nüchterne Definition wird der Macht, Magie und Wirkung, die ein Kleidungsstück entfalten kann, allerdings nicht ansatzweise gerecht.

Eines Tages bittet Gerda ihren Mann, für sie in dem besagten Kleid zu posieren, da ihr Modell verhindert ist.
Die Magie des Kleides vermag es nicht, Einar in eine Ballprinzessin zu verzaubern. Sie ist aber letztlich der Auslöser eines schleichenden und langwierigen Wandlungsprozesses zur Lili Elbe, der zweiten Identität des Danish Girl.

Seine schauspielerische Wandlungsfähigkeit bewies der Oscargewinner Eddie Redmayne schon vor einem Jahr als Darsteller Stephen Hawkings und dessen Bemühungen, allen körperlichen Widrigkeiten zum Trotz die Unendlichkeit der Welt zu entdecken.
Hier entdeckt er als Einar allmählich seine wahre geschlechtliche Identität als Frau, die schon seit seinem Knabenalter in ihm schlummert.
Er verkleidet sich und versucht sich in der Öffentlichkeit als Lili, anfangs sehr unsicher auch schon wegen der ungewohnten Beschuhung.
Diese Momente sind mit Abstand die komischsten des Filmes.
Was spielerisch beginnt, hat aber vor allem seine Schattenseiten.
Je mehr Lili die Oberhand über Einar gewinnt, umso schwieriger gestaltet sich das Leben und vor allem das Liebesleben des Paares.

Genauso wie Eddie Redmayne in seiner Doppelrolle, brilliert auch Alicia Vikander als Gerda bei dem verzweifelten Kampf um ihren über alles geliebten Mann.
Gewinnerin bei diesem Kampf ist übrigens die Liebe!

Zuerst ist da das Paar Gerda und Einar, dann gibt es das Trio mit Gerda, Einar und Lili, bis zuletzt Gerda und Lili bleiben.
Eine große Symbolik für diese Beziehung hat bis zur letzten Minute ein Schal in den dänischen Landesfarben rot-weiß.

Im Hintergrund immer dabei war die Stimme des Sprechers der Hörfilmbeschreibung in meinem Ohr. Mit ruhiger und angenehmer Stimme begleitete er sehr diskret und sensibel das Duo wie das Trio durch all ihre schönen wie schwierigen und nervenaufreibenden Lebensphasen.
Alles in allem ein gelungener Balanceakt zwischen detaillierter Beschreibung und genügend Zeit für mich, mir auch einmal im Stillen eigene Bilder machen zu können.

Lili Elbe erfüllt sich sowohl im Film als auch im wirklichen Leben den Wunsch, als Frau zu leben und anerkannt zu werden, und geht dafür ein hohes gesundheitliches Risiko ein.
Kaum zu glauben, daß sich beide für die dafür notwendige Behandlung Anfang 1930 in Fachkliniken nach Berlin und Dresden begeben.
An der wahren Lili wurden dort die Operationen zur Geschlechtsumwandlung weltweit zum ersten Mal durchgeführt.
Wer hätte solch eine Revolution auf medizinischem Gebiet im sich zu dieser Zeit schon braun färbenden Deutschland für möglich gehalten?

Der Regisseur und Produzent Tom Hooper nahm an der gleichnamigen Biographie von David Ebershoff einige chirurgische Eingriffe vor. Ich kann mich nicht einmal entscheiden, ob zum Vor- oder Nachteil. Auf jeden Fall hat er meine Neugierde geweckt, mich mit der realen Lili einmal näher zu beschäftigen.

Heute gibt es in unseren Breitengraden glücklicherweise so gut wie keine konventionellen Maßregeln, womit man seinen Körper wie zu welchem Anlaß zu umhüllen hat.
Das war 1963 noch etwas anders, als Rita Pavone und später Nina Hagen schmetterte:

Wenn ich ein Junge wär, das wäre wunderschön,
dann könnte ich jeden Tag in langen Hosen gehen.
Und käm ich abends spät nach Haus,
machte mir kein Schwanz ein Drama daraus.

Ich bin zwar nicht mehr so ganz taufrisch, halte es aber lieber mit Lucie van Org, die Anfang der 90er Jahre ins Mikrophon kokettierte:
Ich bin so froh, daß ich ein Mädchen bin!

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