Tod den Hippies!! Es lebe der Punk!

Das West-Berlin der 80er Jahre und die Landeier!

Bis zum Mauerfall waren für den West-Berliner alle, die jenseits der Transitstrecke, also im Wessiland lebten, die Wessis.
Wenn der West-Berliner auf seiner Insel mit der Spezies Wessi in Kontakt kam, belächelte er diese als Landeier. Nach dem Fall der Mauer wurde der West-Berliner, ob er wollte oder nicht, allerdings selbst zum Wessi. Nur für die Ossis hat sich da nichts geändert.
In den 70er und 80er Jahren sind sehr viele junge Landeier nach West-Berlin ausgewandert, zumeist Wehrdienstvermeider und Lebenshungrige, die sich auf der Insel der Glückseligkeit fern der heimatlichen Kontrolle einmal richtig austoben wollten.
Auch Robert und ich sind als Landeier Anfang der 80er, wenn auch aus völlig unterschiedlichen Beweggründen, in West-Berlin eingereist.

In dem Film „Tod den Hippies!! Es lebe der Punk!“ ist Robert (Tom Schilling) die Hauptfigur, an welcher der Autor und Filmemacher Oskar Roehler seine eigene West-Berliner Zeit abarbeitet.

Nach dem Absolvieren des Abiturs an einem Internat im ländlichen Franken hat Robert genug von den ihn dort umgebenen sanftmütigen, verständnisvollen, friedliebenden, in Jesuslatschen und selbstgemachten Batikklamotten schwebenden und „Om“ rufenden Althippies.
Mit Irokesenschnitt und versunken in einen schwarzen Ledermantel mutiert er zum Punker.
Wenig gefühlvoll bringt er kurz vor seinem Verschwinden die bürgerlichen Zukunfts- und Familiengründungspläne seiner Freundin zum Platzen. Was er sucht, sind Exzesse in jeglicher Hinsicht.

Während dieser Zeit war es in Berlin noch unmöglicher als heute, an eine bezahlbare Wohnung zu kommen, und so schlüpft Robert zunächst bei seinem Freund Schwarz, gespielt von Wilson Gonzales Ochsenknecht, unter.
Dieser betreibt eine Peepshow, den „Dschungel der Lust“, und um an Bares zu kommen, darf Robert dort die Kabinen vom umhergeschleuderten Sperma reinigen.
Der Reinigungsvorgang wird ziemlich detailliert gezeigt und ist, wie auch so manch andere Szene, nicht unbedingt etwas für zartbesaitete Gemüter.
Auch Robert leidet unter diesem Anblick. Er sei doch Künstler, er liest anspruchsvolle Literatur und schreibt Gedichte, die in seinem Umfeld jedoch ziemlich verständnislos abgenickt werden.
Quasi als Entschädigung führt Schwarz ihn in das Berliner Szene-Nachtleben ein und so trifft Robert in dem Club „Risiko“ auf Szene-Legenden wie Blixa Bargeld, Frontmann der Einstürzenden Neubauten, und Nick Cave.
Der Club „Risiko“ war neben dem SO36 in Kreuzberg und der Music Hall in Steglitz einer der angesagten Orte, wo sich die seit Ende der 70er in Berlin entstehende New Wave-Szene tummelte.
In der Peepshow windet sich die Tänzerin schlangenhaft zu den Klängen von Sandras Song „In the Heat of the Night“ und bringt die Kundschaft zum Überkochen. Im „Risiko“ dröhnt die mit ganzen drei Akkorden auf der E-Gitarre auskommende Punkmucke mit Grölgesang.
Dagegen haben sich „This Is Not a Love Song”, hier in der Version von den Sex Pistols, und „I Wanna Be Your Dog” von Iggy Pop noch als melodiös abgehoben.
Die Musik der 80er Jahre war in ihrer Abartigkeit so vielfältig oder in ihrer Vielfältigkeit so abartig, daß für jeden Geschmack etwas dabei war.

Wir dürfen dann noch Zeuge von Exzessen jeglicher Art werden, bis die Westberliner Zeit Roberts ein jähes Ende findet, für dessen Gesundheit nur förderlich.
Unbedingt erwähnenswert sind Roberts Erzeuger. Die Mutter, einmalig gespielt von Hannelore Hoger, hat trotz gezielten Komasaufens die Geburt ihres Sohnes nicht verhindern können und begegnet ihm mit einer unmöglich zu beschreibenden Abscheu und Ekel.
Der vom Alkoholkonsum gezeichnete Vater, ehemaliger Kassenwart der RAF, träumt nur von den guten alten Zeiten und seiner Gudrun Ensslin.

Mit der Punkszene hatte ich nichts, mit der Punkmusik nur sehr bedingt etwas am Hut. Trotzdem habe ich mit meinem damaligen Äußeren nur für kurze Zeit wohl so ein bißchen das Klischee des Landeies bedient.
Nach den ersten blöden Sprüchen, wie sie nur von Urberlinern kommen können, habe ich sehr schnell gelernt, mich zu wehren, und mittlerweile sprüchekloppe ich mich mit den Berlinern auf Augenhöhe.
Für das erste Jahr durfte ich mich bei Benno, einem schwulen Medizinstudenten, in einer Wohnung in Schöneberg einnisten.
Wir waren beide illegale Untermieter und nach der „Kündigung“ hat es mich in den Wedding verschlagen.
Ins tiefste Kreuzberg, der Nische und dem Tummelplatz der Wessis, habe ich mich nur selten verirrt. Daß sich Roberts und meine Wege gekreuzt hätten, wäre also auch schon von daher höchst unwahrscheinlich gewesen.
Aber auch ich habe, wenn ich nicht gerade mit dem Studium beschäftigt war, so meine Erfahrungen in und mit der Stadt gemacht, die ich nicht missen möchte und die in Heidelberg so nicht möglich gewesen wären.

Dieser Film sowie „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ und „Herr Lehmann“ könnten den Schluß zulassen, daß West-Berlin damals nur von auf Staatskosten stets partymachenden jungen Leuten bevölkert wurde, die allmählich im Drogen-, Alkohol- oder sonstigem Szenesumpf versanken. Aber das Leben der „normalen“ Mehrheit bietet naturgemäß kein überwältigend aufregendes Filmmotiv.

Wenn sich die Möglichkeit bietet, den Film mit Hörfilmbeschreibung zu sehen, bin ich ein zweites Mal dabei, da waren die Hörfilmbeschreiber sicher ganz schön gefordert!!!

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