Und wo ist jetzt mein Handtuch?

Statt in dunkle Kinosäle stürze ich mich gerade in Südfrankreich bei hochsommerlichen Temperaturen an einem kilometerlangen Sandstrand in die Fluten des Mittelmeeres.
Wasser ist mein Element und ich schwimme leidenschaftlich gerne und gut. Im Meer kann ich nach Herzenslust ohne Kollisionsgefahr drauflos kraulen und allenfalls im Eifer des Gefechts zu weit ins offene Meer gen Afrika, genauer gesagt Algerien, abdriften.

Der längst verstorbene Genosse und SPD-Politiker Herbert Wehner schnauzte einst in den 70er Jahren bei einer hitzigen Bundestagsdebatte den Mitgliedern der Opposition, die empört den Plenarsaal verließen, hinterher:
„Das ist der Nachteil derer, die herausgehen, sie müssen auch wieder hereinkommen“, und zwar spätestens zur Abstimmung.
Dieser in die Geschichte eingegangene Spruch gilt jetzt auch für mich, allerdings in umgekehrter Reihenfolge.
Den Einstieg ins Meer zu finden ist unproblematisch, aber irgendwann muß ich auch wieder heraus, und das ist an einer völlig anderen Stelle als der Einstieg.
Ich stehe also knietief am Ufer, die Wellen umspielen sanft meine Beine, ich suche natürlich vergebens kritischen Blickes den so langen Strand ab und frage mich:
„Wo ist jetzt mein Handtuch?“

Einen Strandläufer nach dem Weg zu fragen kommt nicht in Frage. Wenn ich jemanden anspreche, wie beispielsweise „Pardon Monsieur, könnten Sie mir vielleicht sagen, wo ich hinwill“, ernte ich höchstwahrscheinlich nur ein befremdetes Schulterzucken.

Bleiben also Geruchssinn, Tastsinn und die Ohren.
Ein Handtuch, das ich über diese Entfernung noch erriechen kann, möchte ich erst gar nicht wiederfinden.
Sich mit dem Langstock tastend eine Route zu erarbeiten, könnte wie folgt aussehen:
10 Schritte geradeaus, an der Sandburg nach links und bei der vierten Muschel noch fünf Schritte nach rechts.
Aber bei so vielen sich stets ändernden Spuren im Sand ist das keine gute Idee. Die Sandburg kann jederzeit geflutet und die Muschel verbuddelt werden. Der Teleskopstock reagiert auf das kleinste Sandkörnchen höchst allergisch und bleibt zudem auf dem Handtuch zurück.

Jetzt bleiben nur noch die Ohren, aber Handtücher geben an sich leider oder glücklicherweise keine Geräusche von sich.
Ich könnte einen Hund darauf Platz nehmen lassen und als freudig bellenden Abholservice einsetzen.
Aber isch abe gar keinen Hund.

Gibt es vielleicht eine Handtuchaufspür-App?
Oder könnte man in das Handtuch einen GPS-Sender einnähen und über die wasserdichte Applewatch anfunken? Aber bis dies technisch realisiert ist, wird mein Handtuch mit den Gezeiten wohl verappt sein.

Der Rettungsanker ist wie so oft im Leben die Bar, am Strand die Strandbar.
Mit dem Handtuch wie die Touristen auf Malle einen Barhocker blockieren und nach dem durstig machenden Bade die Bar dank der Musik erhören und notfalls einen Strandläufer befragen. Nach einem Getränk wäre ich dann wieder einmal direkt auf dem an die Bar angrenzenden Holzweg zur Düne und hätte so das perfekte taktile Leitsystem für den Rückweg.

All diese Überlegungen sind ehrlicherweise rein hypothetischer Natur.
Derjenige, der mich fotografiert, geleitet mich zu meinem Handtuch, das praktischerweise neben seinem liegt, und dann geht’s erst einmal in die Strandbar.
Hab ich ein Glück!!!
Allerdings hat mich vor vielen Jahren genau an diesem Strand der Fotograf, damals der Lesende, einmal vergessen. Das Buch war zu spannend, um sich mit mir abzukühlen und um, wie versprochen, gelegentlich nach mir Ausschau zu halten. Ich saß wie bestellt und nicht abgeholt sehr lange an der Waterkant, die Erfrischung war längst hinüber und mein rechtes Ohr von der Sonne feuerrot und elefantös angeschwollen. Der Lesende hatte dafür einen geschwollenen rechten Knöchel, wir waren damit quitt!

Einen hab ich noch, der ist allerdings nicht von mir (der oft Lesende ist manchmal auch der Schwafelnde):
Zum Schwimmen einen Blindenseehund mitnehmen und vorher neben das Handtuch einen leckeren Fisch als Köder auslegen. Dann mit dem Seehund sozusagen als Blindensehhund das verdammte Handtuch finden. Man darf also keinen blinden Seehund nehmen.
Aber nicht zu lange im Wasser bleiben, sonst haben die Möwen inzwischen den Fisch geklaut!

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