Wir sind jung. Wir sind stark.

Von Samstag, dem 22.08., bis Dienstag, dem 25.08.1992, versank Lichtenhagen, ein Stadtteil von Rostock, in das totale Chaos.

Der Film „Wir sind jung. Wir sind stark.“ hat sich den Montag, 24.08.1992, und damit den Höhepunkt der vier Tage andauernden pogromähnlichen Ausschreitungen vorgeknöpft, um die Ereignisse noch einmal in Erinnerung zu bringen.
Tatort ist ein Wohnblock im Plattenbaustil, genannt das „Sonnenblumenhaus“. Dort ist die Zentrale Anlaufstelle für Asylbewerber, kurz „ZAST“ genannt, untergebracht und ein Wohnheim für 120 Vietnamesen, ehemalige Vertragsarbeiter der DDR.

Der Zuschauer kann verfolgen, wie von morgens bis spät in die Nacht sieben Jugendliche, ein vietnamesisches Geschwisterpaar, das politisch und polizeilich leitende Personal und die Einsatzkräfte der Polizei mit jeder verstreichenden Minute stetig und leider unaufhaltsam der abendlichen Katastrophe entgegenschlittern.

Die Jugendlichen hängen tagsüber mehr oder weniger gelangweilt rauchend und biertrinkend in der Stadt oder am nahegelegenen Ostseestrand ab und grölen mal Nazigesänge und zwischendurch auch einmal „Die Internationale“…
Geraucht wird übrigens immer und von allen überall, ständig ist das Schnippen der Feuerzeuge zu hören. Das waren noch Rauchzeiten!
Wer in der Gruppe das Sagen hat, hängt davon ab, wie viele und welche der Jugendlichen gerade zusammen sind. Daß nur zwei Mädchen dabei sind, führt zu kleinen Eifersüchteleien und trägt so nicht gerade zur Entspannung der Lage bei.
Wenn gerade kein Polizist oder Ausländer in Reichweite ist, muß auch einmal ein Gruppenmitglied als Opfer herhalten.
Die sieben sind ein wild zusammengewürfelter Haufen, sowohl hinsichtlich der Bildung als auch des sozialen Hintergrundes. Gemeinsam ist ihnen nur die Enttäuschung über ihre unerfüllten Erwartungen und Träume.

Die zuständigen Politiker von Kommune und Land schieben sich gegenseitig die Verantwortung zu und es bleibt auch noch Zeit für inner- und überparteiliches Geklüngel. Deshalb wird die „ZAST“, in der überwiegend Asylbewerber rumänischer Herkunft untergebracht sind, viel zu spät geräumt. Wegen der dramatischen Überbelegung des Gebäudes kampieren die Asylanten seit Monaten in den raren Grünanlagen. Das sorgt, wie man sich denken kann, für Zündstoff. Sogar die im selben Wohnblock wohnenden Vietnamesen fühlen sich gestört. Diese werden bei der Räumung allerdings vergessen.

Die Polizeiführung ist überfordert und fühlt sich von der Politik alleingelassen. Die Eskalation der Gewalt ist auch auf die Unterbesetzung der Einsatzkräfte zurückzuführen. Kaum mehr als 50 Polizisten stehen Hundertschaften grölender Gewaltbereiter gegenüber und die Einsatzkräfte haben sich während der Krawalle mehrmals zurückgezogen, was verständlich ist.

Bei der Einschätzung ihrer Lage sind die vietnamesischen Geschwister verschiedener Meinung. Er möchte lieber gestern als heute mit seiner hochschwangeren Frau zurück nach Vietnam. Sie hingegen will sich in Deutschland eine Existenz aufbauen, hat bereits einen Job und fühlt sich von den Krawallen nicht bedroht. Sobald die Asylanten verschwunden seien, kehre wieder Ruhe ein.

Sie hat insofern recht, als daß nicht die Vietnamesen, sondern die kampierenden Roma der Anlaß für die sich über Monate aufbauende Spannung und Wut der Lichtenhagener sind.

Aber der Bruder sollte Recht behalten!
Am Abend ist die Stimmung vor dem „Sonnenblumenhaus“, auch verstärkt von Nazitourismus, so aufgeheizt, daß der Gegner egal ist. Die hätten sich notfalls wahrscheinlich auch gegenseitig mit Molotowcocktails beschossen.
Während die Vietnamesen ausgeräuchert werden und sich in letzter Minute vor den Flammen in Sicherheit bringen können, feiert der grölende Mob ein Volksfest mit Musik, spontan aufgebauten Imbiß- und Bierständen.
Da läuft’s einem eiskalt den Rücken runter!

Einer der Kommunalpolitiker hat sich unter „das Volk“ gemischt. Er hat erst kurz zuvor erkannt, in welchen Kreisen sich sein Sohn bewegt und versucht nun, das Schlimmste zu verhindern. Seine verzweifelten Versuche, an den Sohn heranzukommen, sind kläglich gescheitert. Jetzt muß er fassungslos und machtlos mit ansehen, wie sein Sohn andere und sich selbst ins Verderben treibt.

Das hat mir dann endgültig den Rest gegeben. Ich bin in den nächsten, natürlich falschen Bus gestiegen und habe das auch erst nach diversen Stationen bemerkt!

“Jung“ sind die wirklich. „Stark“ ist aber vor allem der Film!

Stark ist auch die Hörfilmbeschreibung, dieses Mal von einer Frau gesprochen.

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