Das Mädchen Hirut

Der von der UN-Botschafterin Angelina Jolie mit produzierte Film gewann letztes Jahr auf der Berlinale den Panorama-Publikumspreis. Die Geschichte beruht auf einer wahren Begebenheit in Äthiopien in den 90er Jahren.

Äthiopien wurde so, wie es heute besteht, 1995 gegründet und ist eine parlamentarische Bundesrepublik mit einem Präsidenten.
Das klingt erst einmal ziemlich modern und aufgeklärt, aber das Schicksal des Mädchens Hirut zeigt, daß die Mädchen bzw. Frauen verachtenden Traditionen gerade auf dem Land noch allgegenwärtig sind.

Die 14-jährige Hirut lebt mit ihren Eltern und ihrer zwei Jahre jüngeren Schwester in der Nähe der äthiopischen Hauptstadt Addis Abeba. Ihre Eltern bewirtschaften dort einen kleinen Bauernhof.
Obwohl auf dem Hof jede Arbeitskraft dringend benötigt wird, setzt sich ihr Vater, der selbst nicht lesen kann, gegen die Mutter durch und erfüllt Hirut ihren sehnlichsten Wunsch, eine Schule besuchen zu dürfen.
Was sich für viele Schüler manchmal als lästige Selbstverständlichkeit darstellt, ist für Hirut ein absolutes Privileg, sie ist ja nur ein Mädchen vom Land.

Sie lernt fleißig und hängt ihrem Lehrer an den Lippen. Als der ihr mitteilt, daß sie wegen ihrer guten Leistungen eine Klasse überspringen könne, macht sie sich beseelt auf den Weg nach Hause.
Diesen Weg geht sie alleine zu Fuß durch eine wunderschöne, aber auch menschenleere Landschaft.
Plötzlich kommen mehrere Reiter wie aus dem Nichts auf sie zu galoppiert, treiben sie in ihre Mitte und einer der jungen Männer zieht sie zu sich auf sein Pferd.
Diese Bilder kennt man aus Filmen, wenn geflohene Sklaven eingefangen werden, nur daß hier alle dieselbe Hautfarbe haben.

In eine dunkle Hütte eingesperrt, wird sie erst geschlagen und anschließend vergewaltigt.
Stunden später kommt ihr Peiniger, ein junger Mann, zu ihr in die Hütte, bringt ihr Kaffee und versucht fast zärtlich, sie zu beruhigen. Es sei alles in Ordnung und er werde sie demnächst heiraten.
Hirut kennt ihren Peiniger. Er lebt im selben Dorf und hat bereits vergebens bei ihrem Vater um ihre Hand angehalten. Um doch noch an sein Ziel zu kommen, bedient er sich des althergebrachten und auf dem Land immer noch praktizierten Brauches, seine Erwählte einfach zu entführen.

Hirut gelingt es, aus der Hütte zu entkommen und sich ein Gewehr zu greifen. Sie versucht zu fliehen. Als ihre Verfolger sie fast eingeholt haben, lädt sie professionell das Gewehr durch und warnt zuerst verbal und dann mit zwei Warnschüssen.
Der dritte Schuß sitzt und ihr Peiniger liegt tot im Gras.

Und wieder sitzt Hirut in einer dunklen Hütte, natürlich ohne vorherige ärztliche Versorgung, und zwar im dörflichen Polizeigewahrsam.
Auf dem Dorfplatz wird ihr in ihrer Abwesenheit der Prozeß gemacht. Der Vater des Getöteten fordert die Todesstrafe. Hirut müsse dem Brauch entsprechend neben seinem Sohn beerdigt werden.
Die meisten teilen diese Ansicht und daß Hirut aus Notwehr gehandelt haben könnte, kommt niemand in den Sinn.

Die Anwältin Meaza arbeitet für eine Organisation, die Frauen und Kindern in Not kostenlos Rechtsbeistand leistet. Als sie von Hiruts Schicksal erfährt, macht sie sich sofort von Addis Abeba auf den Weg, um dem Mädchen zu einem ordentlichen Gerichtsverfahren zu verhelfen.
Sie verhandelt mit der dörflichen Polizei, um Hirut auf Kaution freizubekommen und ärztlich versorgen zu lassen. Dann ringt sie dem analphabetischen Vater die Unterschrift zur Vertretungsvollmacht ab. Schließlich muß sie Hiruts Alter beweisen und Zeugen für die Tat finden, um nur ein paar Schritte zu nennen.
Immer wieder werden ihr von den Männern, ob bei Gericht oder bei der Polizei, Steine in den Weg gelegt. Aber sie schreckt nicht einmal davor zurück, den Justizminister zu verklagen.
Sie sieht den Fall Hirut als Musterprozeß, der auf keinen Fall verloren werden darf.

Ich glaube, daß der Film nicht nur mich mit einem unguten Gefühl entlassen hat.
Auch wenn Hirut freigesprochen wird, weil sie aus Notwehr gehandelt hat, lauert da immer noch die rachesuchende Familie des Toten.

Genau am Tag des Kinostarts wurden an einem Berliner Strafgericht der Vater und Onkel eines jungen Deutsch-Libanesen zu einer Geldstrafe verurteilt. Dieser hatte als 15-jähriger seiner Familie gegenüber seine homosexuelle Neigung offenbart. Darauf beschlossen Vater und Onkel, den Jungen ins Ausland zu entführen, um ihn dort in eine Ehe zu zwingen. Unglaublich!!!
Im Gerichtssaal war der Autor und Filmemacher Rosa von Praunheim unter den Zuschauern.
Mal sehen, vielleicht verfilmt er dieses Schicksal und ich kann irgendwann einen Artikel darüber schreiben.

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