Ganz Ohr beim DOK Leipzig…

…war ich vor kurzem drei aufregende Tage lang beim

60. Internationalen Leipziger Festival für Dokumentar- und Animationsfilm,
kurz dem DOK Leipzig!

So spontan wie begeistert hatte ich die Einladung angenommen, mir die mit Audiodeskription angebotenen Filme des Festivals anzuschauen und darüber zu schreiben.

Doch dann ging es mir wie dem braunen Hund, dem einzigen Protagonisten des DOK Leipzig-Trailers 2017: Ich mußte mich kräftig schütteln, genau gesagt, etwas abschütteln!
Der Vierbeiner schüttelt sich Wassertropfen aus seinem nassen Fell. Bei mir waren es langsam aufkommende Bedenken, wie ich drei Tage und Nächte auf mich allein gestellt in Leipzig klarkommen sollte. Im nachhinein völlig unbegründete Bedenken!

Nach dem erfolgreichen Geschüttel heben sich die Pfoten des Hundes vom Boden ab, er setzt zum Laufen an und bellt.
Ich habe mich, bestens vorbereitet, aber ohne zu bellen, auf den Weg nach Leipzig gemacht.

„Wir wollen, daß möglichst viele Menschen DOK Leipzig besuchen können.“

Diese wunderbar inklusive, schnörkellose Devise hat sich das Festival ganz groß auf die Fahne geschrieben und setzt damit für andere Filmfestspiele wegweisende Maßstäbe.  Und in diesem Jahr setzt das DOK Leipzig noch einen drauf!

Denn während sich die barrierefreien Angebote bisher schon an Besucher mit Mobilitäts- oder Hörbeeinträchtigungen richteten, kamen nun zum ersten Mal auch Leute wie ich, die Kinoblindgänger, voll auf ihre Kosten!

Für 13 Kurz- und Langfilme wurden extra für das Festival Audiodeskriptionen produziert.
Die Mammutaufgabe, unter 340 Filmen aus 53 Ländern ein möglichst vielfältiges Spektrum abzudecken, wurde, wie ich finde, mit Bravour gelöst!
Auf der App Greta bereitgestellt, ließen sich die Audiodeskriptionen zu den Filmen auf das Smartphone herunterladen und im entsprechenden Kinosaal per Kopfhörer diskret abspielen.

Die Kinobesucher mit Hörbeeinträchtigungen hatten die Wahl unter zehn Filmen mit erweiterten Untertiteln. Damit kamen auf den Apps Greta und Starks 23 barrierefreie Angebote zu den Filmen zusammen.
Wer kein eigenes Smartphone hatte, konnte sich unkompliziert ein bereits präpariertes Gerät ausleihen.

Und was bestimmt alle Besucher des DOK bestätigen werden: Die Serviceleute vor und in den Sälen waren durchweg sehr freundlich, aufmerksam und hilfsbereit!

Zu Beginn jeder der vielen hundert Kinovorführungen bellte der Dog des DOK Leipzig- Trailers 2017 auf der Leinwand und im Netz bellt er sogar barrierefrei. Einen Festivaltrailer mit Audiodeskription hat es bis jetzt noch nicht gegeben, einfach phänomenal!

Und hier ist der Link zum Nachhören und -sehen:

DOK Leipzig Trailer 2017

Gefördert wurden diese barrierefreien Maßnahmen durch das Sächsische Staatsministerium für Wissenschaft und Kunst und mit hierfür vorgesehenen Landesmitteln.

Mein Festivalprogramm, vorgeschlagen und liebevoll zusammengestellt vom DOK Pressebüro!

In drei Tagen nicht um die ganze Welt, aber in 13 Filmen und drei Veranstaltungen viele fremde Welten zu entdecken und kennenzulernen, das war sportlich!
Aber mit Julia, einer Kunststudentin aus Leipzig, an meiner Seite, mußte ich nichts auslassen und bin auch nicht verhungert. Wir waren auf Anhieb ein super eingespieltes Team!
Zu verdanken hatte ich die extrem sympathische Begleitung Gerald Schuster, zuständig für Programmassistenz und Inklusion beim DOK.

Julia und die Blindgängerin vor einer Glaswand mit dem Logo des DOK Leipzig

Foto: DOK Leipzig/ Susann Jehnichen

Und jetzt Film ab mit „Sog“, einem zehnminütigen Animationsfilm!

Wer oder was schreit hier eigentlich so schrecklich von der Leinwand?
Die folgende Antwort bekam ich prompt über meinen Kopfhörer auf die Ohren:
Es seien nach einer Flut in Bäumen gestrandete Fische, die nach Luft schnappen.
Denn gleich die ersten Schreie dieser armen Kreaturen aktivierten die App Greta zum Abspielen der Audiodeskription. Diese war zum Verständnis des absolut dialogfreien Kurzfilms unverzichtbar und hat wunderbar funktioniert.
Mir wurde genauestens das plötzliche Auftauchen schlecht gelaunter zotteliger Bewohner einer benachbarten Höhle beschrieben und wie die sich dann anbahnende Katastrophe unaufhaltsam ihren Lauf nimmt.

Bei dem Dokumentarfilm „Sandmädchen“, der mich sehr berührte, fehlt es nicht an Gesprächen. Das Besondere ist die Art und Weise, in der sie geführt werden.
Denn Veronika Raila kann hören, aber nicht sprechen. Die junge Frau, eine Autistin, ist von Geburt an körperlich schwer behindert und zu schwach, die Tastatur eines Computers alleine zu bedienen.
Von der Hand ihrer Mutter gestützt, schreibt und veröffentlicht sie Prosa und Lyrik. Die im Film vorgetragenen Auszüge ihrer Texte haben mich umgehauen!
Nur dank der Audiodeskription, die mit sehr viel Feingefühl eingesprochen war, hat sich für mich die Tür zu Veronikas Welt, in der es sehr behutsam und ruhig zugeht, einen Spalt breit geöffnet.

Kontrastreicher als mit dem Animationsclip „Scratchy“ hätte es nicht weitergehen können, nämlich drei Minuten lang laut und chaotisch!
Mein Hirn war ganz schön gefordert, aus den vielen präzisen und knackigen Infos der Hörfilmbeschreibung vor meinem geistigen Auge Bilder entstehen zu lassen. Aber es hat geklappt und ich konnte mich über mein Ergebnis mit anderen Kinobesuchern austauschen.
Julia war von der schillernden Figur des Filmemachers so fasziniert, daß ich eine spontane Live-Audiodeskription vom Outfit des um die 70-jährigen Herrn bekam.

Zu Ende ging der erste Abend krachend laut mit „Wildes Herz“, einem Film über die Punkband „Feine Sahne Fischfilet“ aus Mecklenburg-Vorpommern.
Im Fokus steht vor allem der Frontmann und Sänger Jan „Monchi“ Gorkow.
Hier waren das Sortieren der vielen gleichzeitig agierenden Beteiligten und die zahlreichen schnellen Ortswechsel eine Herausforderung an die Hörfilmbeschreiber. Die Informationen mußten dann oft knappgehalten und in die sehr lauten Musikeinlagen plaziert werden, ohne diese zu zerpflücken. Das ist gelungen!
Es gab aber auch ruhige Momente, wenn z.B. alte Fotoalben und Familienvideos herausgeholt wurden und auch ich mir diese dank der Beschreibung mit anschauen konnte.

Resümee des ersten Tages:
Ohne die durchweg sehr gut gemachten Audiodeskriptionen hätte ich mir die Animationsfilme schenken können und bei den Dokumentarfilmen wäre mir mehr als die Hälfte verborgen geblieben.

Das gilt auch für alle neun noch ausstehenden Filme, von denen ich mir jetzt nur noch drei herauspicke.

In diesen drei Dokumentationen wird nicht ein deutsches Wort, sondern arabisch, hebräisch oder spanisch gesprochen.
Die Audiodeskription muß also nicht nur die Bilder vermitteln, sondern zusätzlich mit jeweils mindestens zwei Sprechern die deutschen Untertitel über die Originalstimmen vorlesen.

Die saudi-arabische Dichterin Hissa Hilal ist “The Poetess”, eine bewundernswert starke und mutige Frau. Sie erzählt, wie ihr Gedicht gegen die blinde Wut der religiösen Fanatiker, das sie im Fernsehen bei einem Dichterwettstreit vorträgt, ihr Leben und das ihrer Familie verändert hat.
Hier hat mich besonders die Sprecherin beeindruckt, die u.a. für Hissa spricht, und wie sie bei einer Szene mühelos gefühlt hundert arabische Namen hintereinander vorliest.

Für den Bullen nimmt es in “When the Bull Cried“ kein gutes Ende.
Mit einem blutigen Ritual, dessen Hergang ich detaillierter beschrieben bekam, als mir lieb war, versuchen die Bergarbeiter eines Dorfes in den bolivianischen Anden den bösen Gott des Berges zu besänftigen. Mir wurden aber auch wunderschöne Bilder von dem schroffen, gigantischen, 4.000 Meter hohen Felsgebirge vermittelt und immer wieder das ganz besondere Blau des Himmels und das Spiel der Wolken beschrieben.
Die Schönheit dieser Natur täuscht aber nicht über das harte und eintönige Leben der Bergleute und ihrer Familien hinweg, dem die Jugend zu entfliehen versucht.
Irritiert war ich hier allerdings von dem Sprecher, der die letzten Worte jedes Satzes aushauchte, als ob er mit den Menschen mitlitt.

Bei „Muhi – Generally Temporary“, meinem Favoriten, war neben dem sechsjährigen Jungen Muhi aus dem Gazastreifen der kleine Junge mein Held, der Muhi seine deutsche Stimme lieh. Das war so herzerfrischend natürlich, wie es wahrscheinlich nur Kinder können.
Mehr möchte ich zu dem Gewinner der „Goldenen Taube“ im Deutschen Wettbewerb Langfilm nicht sagen, den muß man sich, wie die anderen Filme natürlich auch, unbedingt anschauen!

In diesem Sinne komme ich jetzt mit dem folgenden Fazit zum Schluß:

Das DOK Leipzig war ein FEST für meine Ohren!

 

  1. Liebe Barbara,
    herzlichen Dank für Deine lobende Erwähnung von unserem Film Muhi – generally temporary. Wir freuen uns sehr, dass die Audiodeskription auf dankbare Ohren trifft! So hat sie sich schon gelohnt.
    Ich habe gelesen, dass sie aus Mannheim stammen, ich komme aus Heidelberg und lebe nun in Leipzig. Also sende ich sozusagen heimatliche Grüße
    Jürgen Kleinig
    Produzent

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