Eine Taube ohne Greta

„Eine Taube sitzt auf einem Zweig und denkt über das Leben nach“ von dem schwedischen Regisseur Roy Andersson!

Der Titel und eine Radiokritik haben meine Neugierde geweckt, und so habe ich mich ohne Greta, dafür mit menschlicher Begleitung auf den Weg ins Kino gemacht.

Ich wußte, daß der Film überwiegend ein „Augenfilm“ ist, der Regisseur seine Darsteller in bis ins kleinste Detail sorgsam gestalteten Kulissen in Szene setzt, aber trotzdem…!

Bei der Aneinanderreihung diverser etwas düsterer Episoden meist aus dem heutigen Schweden tauchen nur zwei gescheiterte traurige Gestalten immer wieder auf. Die beiden Vertreter versuchen ziemlich erfolglos, völlig aus der Mode gekommene Scherzartikel zu verkaufen. Und dann kommt plötzlich der schwedische König Karl XII. mit einem Heer von 100.000 Soldaten auf dem Weg zu einer Schlacht gegen Rußland durch die Kulisse geritten, trinkt in einer Kneipe ein Mineralwasser mit Kohlensäure, um dann gegen Ende des Films mit dem kläglichen Rest seiner Truppe geschlagen zurückzukommen.

Der König verlangt also nach etwas zu trinken. Was er also trinken möge, ein Wasser, ein Mineralwasser und dann schließlich ein Mineralwasser mit Kohlensäure, das allein ist schon eine dreiminütige Szene. Schließlich bestellt seine Majestät den jungen hübschen Kellner gleich mit, fürs königliche Zelt.

Die traurigen Vertreter bemühen sich weiterhin, ihre Scherzartikel zu verkaufen und ihre Außenstände einzutreiben, während sie doch selbst von Schulden gedrückt werden. Inzwischen empfindet man schon Mitleid mit den beiden.

Der König kommt ohne Pferde mit seiner lädierten Kompanie an die Kneipe zurück, übrigens ohne den Kellner. Jetzt verlangt er nach einer Toilette, die dann ärgerlicherweise auch noch besetzt ist. Man könnte meinen, der König hätte während der zurückliegenden Zeit keine Gelegenheit gehabt, sich des Mineralwassers mit Kohlensäure zu entledigen. Sein Bedürfnis geht ihm auch näher als das Leid der Frauen, die nun vom Gastwirt erfahren, daß sie allesamt Kriegswitwen geworden sind. Während der Weg in die Schlacht noch unter lautem Absingen militärischer Marschlieder erfolgte, werden jetzt die düsteren Szenen der Rückkehr eines geschundenen Haufens von melancholischer Musik begleitet. Das paßt nun auch zum Rest des Filmes: Aus den Stimmen der Darsteller wie aus der Filmmusik springt mir förmlich die Schwermut, Hilflosigkeit oder Apathie ins Gesicht.

In den langen Pausen zwischen den raren und oft ungemein langsam gesprochenen Dialogen war genug Zeit, nachzufragen, was gerade passiert. Ich wollte vermeiden, daß sich in meinem Kopf ein völlig anderer Film abspielt als auf der Leinwand.

Die Taube hört man immer zwischendurch gurren, zu Gesicht bekommt man sie aber nur einmal ganz am Beginn des Films. Da sitzt sie tatsächlich auf einem Zweig, aber ausgestopft in einer Vitrine im Museum. Vielleicht denkt sie dort nicht nur über den Sinn des Lebens, sondern auch über den des Films nach?

Mir ist erst beim Schreiben allmählich klar geworden, daß die Aneinanderreihung der Episoden wohl einen Sinn hat.

Der Mensch kommt nicht allzu gut weg dabei!

Er ist gefühlskalt gegenüber Mensch und Tier und unfähig oder unwillig, aus seinen eigenen Fehlern oder aus der Geschichte zu lernen.

Die Tristesse wurde aber dank vieler satirischer Einlagen aufgelockert und nicht nur ich konnte mir des öfteren ein Lachen nicht verkneifen!

Jetzt mache ich es der Taube gleich und sitze, allerdings nicht auf einem Zweig, sondern irgendwo rum. Und denke!

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