„Hello, I am David!“ – Eine Reise mit David Helfgott

Gibt es wirklich einen Zusammenhang zwischen den Positionen und Bewegungen von Sternen und Planeten und irdischen Ereignissen wie insbesondere dem Leben der Menschen?
Die Astrologen sagen ja!

Der Tag, an dem sich zwei Menschen treffen, die füreinander bestimmt sind, ist für diese auf jeden Fall in erster Linie ein unermeßlicher Glückstag.
Solch ein Glückstag muß es gewesen sein, als sich der Pianist David Helfgott und die Astrologin Gillian Murray im Haus eines gemeinsamen Freundes im Jahr 1984 zum ersten Mal begegneten. Bis heute sind sie ein außergewöhnliches und außergewöhnlich glückliches Paar.
Im selben Jahr lief übrigens auch ich meiner großen Liebe über den Weg, allerdings nicht in Australien, sondern in Berlin.
Ich glaube zwar nicht so recht daran, aber wer weiß, vielleicht hatten die Gestirne jedenfalls im Jahr 1984 doch ihre Finger mit im Spiel!

David ergriff an diesem Glückstag zunächst die Initiative und dann Gillians Hand, die er nie wieder loslassen wollte.
In dem Film „Hello, I am David“ kann man sich davon überzeugen, welch glückliches und damals übrigens klatschnasses Händchen er bei dieser Entscheidung hatte, als er sich direkt aus dem Swimmingpool zu Gillian gesellte.
Aber eigentlich geht es ja um seine beiden Hände, wie sie in atemberaubender Geschwindigkeit über die Pianotasten fliegen.

Der Ausnahmemusiker war mir bislang kein Begriff und ich habe mich von seinem Spiel einfach mitreißen lassen.
Für seine Spielkunst hat David einen hohen Preis gezahlt, nämlich jahrelange harte und entbehrungsreiche Arbeit.
In dem Film „Shine – Der Weg ins Licht“ von 1996 kann man sich ein Bild davon machen, wie hoch dieser Preis war, beispielsweise seine verlorene Kindheit und Jugend als „Wunderkind“. Der Regisseur Scott Hicks war vom Leben des Pianisten inspiriert und arbeitete bei seinem Oscar-prämierten Film mit verschiedenaltrigen Darstellern Davids. Ärgerlicherweise ist dieser Film, in dem auch noch Armin Müller-Stahl mitspielte, bis jetzt an mir vorbeigerauscht.
Ansonsten wüßte ich bestimmt mehr über die Umstände und Folgen seines Nervenzusammenbruchs kurz nachdem er 1970 seinen ersten großen Triumph feierte.
Als 23-jähriger spielte er in der Londoner Royal Albert Hall das 3. Klavierkonzert von Rachmaninow.
Seine gerade begonnene musikalische Karriere hatte mit der kurz danach diagnostizierten schizoaffektiven Störung, einer schrecklichen Allianz von Wahn, Halluzinationen, Depressionen und Manie, ein jähes Ende. Über zehn Jahre mußte er sich bis 1981 in Nervenkliniken in psychiatrische Behandlung begeben.

Aber er hat es geschafft, wieder ins Leben zurückzufinden. Geholfen haben ihm dabei bestimmt seine Liebe zur Musik, dem Klavier und vor allem seine Frau Gillian.
Seine wiedergewonnene Lebensfreude teilt er seitdem mit jedem, der in seine Nähe kommt, mit dem Spruch „Hello, I am David“. Dann erkundigt er sich nach dem Namen und Befinden des anderen und meistens kommt es noch zu begeisterten Umarmungen.
Geschafft hat er es bewundernswerterweise auch wieder als Solopianist auf die Bühnen der großen Konzerthäuser, immer in ein rotes Seidengewand gehüllt.
Und ein zweites Mal inspirierte er nun mit seinem Spiel gleich zwei Menschen, sich mit ihm zu beschäftigen.
Der Orchesterleiter der Stuttgarter Symphoniker, Walter Schirnik, engagierte David für eine Konzerttournee und konnte Cosima Lange dafür gewinnen, diese Reise dokumentarisch zu begleiten.
Auch Cosima Lange beweist ein glückliches Händchen, wie sie auf David zugeht und versucht, in seine Gedankenwelt einzutauchen. Dazu taucht sie vor allem gemeinsam mit ihm in die Fluten diverser Swimmingpools. Nach dem Klavierspielen ist Wasser seine zweite Passion. Überlebenswichtig scheinen für ihn auch Tee, Kaffee, Coca Cola und Pizza aus Kartons zu sein.
Nicht nur immer ein ruhiges Händchen, sondern mehrere Male auch flinke Füße mußte die Kamerafrau beweisen. Am Klavier ist David ruhig, souverän und hoch konzentriert. Im Alltag und wenn er nicht gerade in einem Pool krault, macht er einen etwas fahrigen und unruhigen Eindruck. Man muß jederzeit darauf gefaßt sein, daß er losflitzt, jemandem die Teebeutel stibitzt oder sonst irgendetwas anstellt.

Dank der Hörfilmbeschreibung konnte ich mir ein ganz gutes Bild von David und Gillian und ihrem sehr abwechslungsreichen Alltag machen. Zum Glück wurden auch die Untertitel vorgelesen, sonst hätte ich von Davids englischem Gemurmel kaum etwas verstanden. Gut gefiel mir, daß sowohl Sprecher als auch Sprecherinnen im Einsatz waren, je nachdem, wer gerade untertitelt wurde. Während der Konzerte machten die Beschreiber eine Pause, um den Musikgenuß nicht zu beeinträchtigen.

Es gibt aber auch kritische Stimmen, die sich vor allem an Davids Gemurmel während des Konzertes stören. Mich hat das überhaupt nicht irritiert.
Mit seiner Spielfreude steckt er den Dirigenten Matthias Foremny, die Orchestermusiker und vor allem das Publikum an.
Das Zusammenspiel zwischen dem Solisten und dem Orchester ist perfekt und auch bei noch so konzentriertem Lauschen konnte ich keinen einzigen mißlungenen Ton heraushören. Notenblätter sucht man am Notenhalter seines Flügels übrigens vergebens.
Mit seiner freudigen Daumen-hoch-Geste zum Schluß und den anschließenden Umarmungen der Musiker und auch einzelner Konzertbesucher lockert er die üblicherweise steife Atmosphäre in den Konzerthäusern etwas auf, es darf eben auch einmal gelacht werden!

David Helfgott ist jetzt 68 Jahre alt. Ich wünsche ihm und seiner 15 Jahre älteren großen Liebe Gillian, daß sie noch viel Zeit miteinander verbringen können!

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