Ich bin dann mal weg

So also sprach der vor allem als Komiker bekannte Hape Kerkeling.
Er löste sich vor 15 Jahren von seiner Couch, nahm Abschied von seiner Katze Beatrice und machte sich auf den Weg zu einer garantiert käsekuchenfreien Zone, dem Jakobsweg.
Hätte er nicht in seinem Buch über die Strapazen und Freuden des Pilgerns und seine für ihn teilweise einschneidenden Begegnungen berichtet, wäre wahrscheinlich nicht nur mir der Jakobsweg im Verborgenen geblieben.
Und, ohne Buch natürlich kein Film!

Die Jakobsmuschel, das Symbol des Jakobsweges, habe ich aber lange bevor mir Hape aus seinem Buch vorlas, kennen und genießen gelernt.
Sie ist die größte eßbare Muschel und verweist ihre kleineren Konkurrentinnen, was den Geschmack angeht, auf die hinteren Plätze.
Man kann sie gratinieren mit der Gefahr, ihren feinen Geschmack mit dem Käse zu erschlagen, zu Ragout verhackstücken oder brutal auf Spieße pieken. Ich bevorzuge sie mit einem Hauch Knoblauch und kleingehackter Petersilie, liebevoll in Butter geschwenkt und dann auf einem knackigen Salat drapiert.

Der Namensgeber für die Muschel und den Weg war nicht einfach irgendein Jakob, sondern kein Geringerer als der Heilige Jakobus, ein Weggefährte und Jünger Jesu Christi. Seine Existenz als Apostel Jakobus ist im neuen wie im brandneuen Testament unstreitig belegt. Wie Muschel und Weg zu ihrem bedeutungsschwangeren Namen kamen, hat mehr mit Glauben und weniger mit Tatsachen zu tun.
Ein junger Adliger soll einst dem Schiff entgegen geritten sein, in dem der Leichnam des gewaltsam ums Leben gekommenen Jakobus nach Spanien überführt wurde. Als der Reiter dabei zu ertrinken drohte, wurde er auf wundersame Weise vom toten Jacobus und der im Atlantik heimischen Muschel Pecten maximus gerettet.
Seitdem nennt man diese Meeresfrucht Große Pilgermuschel bzw. Jakobsmuschel. Ihre Schale ist das Schutz- und Erkennungszeichen der Jakobspilger, die diese bis heute an Hutschnüren und Rucksäcken befestigen.

Erst ungefähr 900 Jahre nach diesem wunderlichen Ereignis soll der heilige Jakobus in einer Grabstätte in Santiago de Compostela seine letzte Ruhestätte gefunden haben.
Zwischen seinem Tod und der endgültigen Beisetzung liegt erstaunlicherweise fast ein Jahrtausend. Man könnte daran zweifeln, ob es wirklich die sterblichen Überreste des Apostels sind, die dort begraben wurden. Dennoch strömen seit dem Mittelalter Pilger aus aller Welt zu dem bedeutenden Wallfahrtsort Santiago de Compostela und so entwickelte sich quer durch Europa ein System von Wegen der Jakobspilger.

Hape entschied sich damals für den Camino Francés, den klassischen Jakobsweg, der 1993 in das UNESCO-Welterbe aufgenommen wurde.
Er startete an der französischen Grenze von Saint-Jean-Pied-de-Port und pilgerte dann auf dem knapp 800 km langen Weg quer durch Nordspanien über die Pyrenäen nach Santiago de Compostela.

Weil Hape sich das nicht ein zweites Mal zumuten wollte, schickt die Regisseurin den u.a. als Tatortkommissar bekannten Devid Striesow auf den Weg. Ich finde, Julia von Heinz hätte keinen Besseren finden können.
Beide fluchen, leiden, freuen sich zum Verwechseln ähnlich und kommen so ganz allmählich mit sich ins Reine. Auch von der Stimme her hätte man mir den einen für den anderen verkaufen können.

Warum sich so viele Leute als Jakobspilger Tag für Tag 30 km lang bei sengender Hitze oder im strömenden Regen mit mindestens 13 kg Gepäck auf dem Rücken bergauf und -ab schleppen, hat sich mir auch durch den Film nicht erschließen können. Ich schwanke zwischen Bewunderung, Mitleid oder einfach für verrückt erklären.
Nach meinen Einkäufen kann ich gar nicht früh genug meinen meist 10 kg schweren Rucksack abwerfen und an die wundgelaufenen Pilgerfüße und die Blasen möchte ich erst gar nicht denken.
Eine Entschädigung für die Strapazen ist bestimmt die atemberaubend schöne und abwechslungsreiche Landschaft Nordspaniens mit den hübschen alten Dörfchen und Städtchen am Wegesrand.
Aber anstatt sich dort abends in einem gemütlichen Hotelzimmer einzumieten, kann man sich glücklich schätzen, in der Pilgerherberge eine unkomfortable Schlafgelegenheit in einem riesigen überfüllten Schlafsaal zu ergattern.
Zu einer dieser Herbergen pilgere ich übrigens mehrmals im Jahr. Eine Szene wurde in der Zitadelle Spandau „vor den Toren Berlins“ und damit etwa vier km von meiner Haustür entfernt gedreht.

Zwischen den Dialogen und den von Striesow zitierten täglichen Erkenntnissen Hapes war genug Zeit für eine sehr detaillierte Beschreibung von Land und Leuten. Diese Zeit hat der Autor der Hörfilmbeschreibung perfekt genutzt. Vor meinem geistigen Auge entstanden unendlich viele tolle Bilder, nachdem mir der Sprecher dank der App Greta die Schlüsselworte in mein Ohr geflüstert hat.
Hape stürzte sich damals zwar alleine in sein Pilgerabenteuer, blieb es aber nicht lange.
Immer wieder kreuzt sich sein Weg mit dem der herzerfrischend kecken Lena und der nachdenklichen und etwas geheimnisvollen Stella.
Auch diese beiden Frauen sind toll besetzt mit Karoline Schuch und Martina Gedeck.
Ein Extra-Bonbon ist Katharina Thalbach als Hapes Omma, die bei den Rückblenden in dessen Knabenalter gar nicht oft genug auftauchen konnte.

Mehrmals brachte es den echten Hape auf die Palme, wenn er unterwegs an Hunden vorbeipilgerte, die in der prallen Sonne ohne Wasser angekettet waren. Eine dieser armen Kreaturen, die er Pepe nannte, nahm er einfach mit und versuchte, für sie ein neues Zuhause zu finden.
Dieses traurige Thema kommt im Film glücklicherweise zu kurz. Ich würde von der Pilgerschaft garantiert mit einem Tross geretteter Katzen und Hunde im Schlepptau zurückkehren.

Schade, daß Hape sich im Dezember 2014 noch einmal verabschiedete, und zwar bis auf weiteres aus dem großen Showgeschäft!

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