Beim DOK 2022 in Leipzig

Als Aperitif oder dezent dosiert in Cocktails, Soßen und Desserts, ist Wermut mit seiner leicht bitteren Note eine feine Sache. Das kann man von dem sprichwörtlichen Wermutstropfen allerdings nicht behaupten, der auch noch so schöne Augenblicke zu trüben vermag.

Eigentlich wollte ich der Einladung des DOK folgen und wieder einmal die inzwischen liebgewonnene, ganz besondere Festival-Atmosphäre in vollen Zügen genießen beim

„Internationalen Leipziger Festival für Dokumentar- und Animationsfilm 2022“

Aber ein riesiger Wermutstropfen namens „Corona“ machte mir gnadenlos seinen Strich durch die Rechnung, das war bitter!
Deshalb übergebe ich kurz das Wort an Felix Brückner von der befreundeten Initiative „Barrierefrei feiern“ und zitiere seinen Facebook-Post vom 21.10.2022:
„Ihr Lieben, gestern war ich auf dem DOK Leipzig Festival, um mir einen Eindruck über die Barrierefreiheit zu verschaffen. Ich bin begeistert, die Programmauswahl ist sehr spannend und vielfältig und mit dem Rollstuhl ist man zwischen den beteiligten Kinos größtenteils problemlos unterwegs. Außerdem gibt es Filme mit Audiodeskription und erweiterten Untertiteln. Und für eine sensible Umgebung das Wichtigste, das Festival-Team ist sehr zuvorkommend und unterstützt, wo Bedarf ist. Klare Empfehlung für alle Kinofans aus dem Raum Leipzig.“

Wieder einmal blieb das Festival seinem großartigen Motto treu: „DOK Leipzig für alle“!
Und das funktionierte glücklicherweise ganz wunderbar auch bei mir zu Hause!

Über den DOK-Stream für Akkreditierte konnte ich auf das gesamte Programm mit 255 Filmen zugreifen. Die Qual der Filmauswahl blieb mir aber zum Glück erspart. Das Inklusions-Team des Festivals hatte ein kleines, aber feines Programm von zehn Filmtiteln aus den verschiedenen Wettbewerben geschnürt und für diese die Produktion einer barrierefreien Fassung beauftragt. Und auch bei Letzterem bewies das Team ein sehr glückliches Händchen.
Trotz der knapp bemessenen Zeit arbeiteten an jeder Audiodeskription (AD) zwei sehende und eine blinde Person und fast alle Beteiligten sind Mitglieder des Hörfilm e.V., der Vereinigung deutschsprachiger Filmbeschreiberinnen und Filmbeschreiber. Das ist von Hause aus ein sehr gutes Zeichen.

Die in lebendiger Sprache wohlformulierten Texte der ADs fügten sich ohne Wortwiederholungen und ohne verschachtelte Sätze geschmeidig in die Dialogpausen ein.
Je nachdem, ob im Film mehr männliche oder weibliche Stimmen zu hören waren, wurde für die AD ein Sprecher beziehungsweise eine Sprecherin ausgesucht. Alle fanden den richtigen Rhythmus mit nicht zu viel und nicht zu wenig Emotion in der Stimme.

Etwas mehr Gefühl darf und muß es sogar sein, wenn über fremdsprachige Dialoge gesprochen wird. Das war bei den sechs Filmen mit ausschließlich englischen, französischen oder polnischen Dialogen der Fall. Ich bekam das sogenannte Voice Over von einem tollen Aufgebot von Sprecherinnen und Sprechern in allen Altersgruppen in mein Ohr, die alle den richtigen Ton entsprechend der Gefühlslage der Protagonistinnen und Protagonisten trafen.

Auf den Punkt gebracht: Nicht der kleinste Wermutstropfen trübte meinen Filmgenuß.
Das war im letzten Jahr anders, ich zitiere aus meinem Bericht:
„Nur einen Wermutstropfen gibt es.
Bei meinen beiden vorherigen Besuchen des DOK (2017/ 2019) waren die Audiodeskriptionen durchweg gut bis sehr gut gemacht, bis auf jeweils einen Ausrutscher. Dieser Jahrgang (2021) kann da leider nicht so recht mithalten.“

Und im Jahrgang 2022 gab es nicht einmal einen Ausrutscher!

Jetzt aber Filme ab auf meinem Rechner mit angeschlossenen Boxen!
Die bei der Greta App verfügbaren ADs, die ich mir auf mein Handy heruntergeladen hatte, hörte ich wie gewohnt über Kopfhörer. Das hat alles prima geklappt.

Interessant und horizonterweiternd waren alle zehn und bei
„The Mechanics of Fluids“
von Gala Hernández López taten sich für mich ganz neue Abgründe der menschlichen Seele auf.
Ich beschränke mich nun auf fünf Filme und verweise auf folgenden Link, unter dem alle zehn mit einer kurzen Inhaltsbeschreibung aufgelistet sind:
https://www.dok-leipzig.de/filme-mit-audiodeskriptionen

In den ersten drei Filmen dreht sich alles um das Thema rund um die Familie.
Die Regisseurin Faustine Cros hat in ihrem Dokumentarfilm
„A Life Like Any Other“
vor allem ihre Mutter Valérie im Blick.

Gefilmt hat mein Vater auch. In den 60ern hin und wieder ohne Ton und mit etwas verwackelten Bildern, aber nur bei besonderen familiären Anlässen oder einmal meine Schwester und mich beim Skilaufen.

Faustines Vater dagegen scheint jeden Augenblick mit der Familie, seiner Frau Valérie und den beiden Kindern mit der Kamera festhalten zu müssen, sehr professionell und natürlich mit Ton. Die ersten Videos stammen aus der Zeit vor der Geburt seiner Tochter.

Die inzwischen 30-jährige Faustine sichtete das umfangreiche über ungefähr zwei Jahrzehnte zusammengekommene Filmmaterial für ihren sehr persönlichen Dokumentarfilm. Im Fokus hatte sie dabei vor allem ihre Mutter, wie sie sich über die Zeit veränderte und sich in ihre eigene düstere und unnahbare Welt zurückzog. Ich hatte den Eindruck, daß Faustines Vater diesen Prozeß hilflos und fast ein bißchen unbeteiligt durch seine Kameralinse beobachtete.

Aber Faustine gelingt es, mit viel Fantasie und vielen Gesprächen ihre Mutter wenigstens ein bißchen aus ihrem Loch herauszuholen und ihren Vater aus der Reserve zu locken.
Der zweifach ausgezeichnete Film, in dem ausschließlich französisch gesprochen wird, und an dem auch Faustines Bruder mitwirkte, ist ein wunderschönes Familienprojekt und mein Favorit!
Und erwähnen muß ich unbedingt die Sprecherin, die mit ihrer jungen Stimme Faustine zum Verwechseln ähnlich klang, nur daß sie nicht Französisch, sondern Deutsch sprach!

Mit der 38-jährigen Regisseurin Astrid Menzel geht es in
„Blauer Himmel, weiße Wolken“
auf eine zehntägige Kanufahrt über norddeutsche Gewässer.

Das klingt jetzt nicht unbedingt spektakulär. Aber sie hat nicht nur zur Unterstützung ihren Bruder, sondern die 86-jährige Großmutter mit an Bord. Meine Großmutter hätte mir einen Vogel gezeigt!

Astrids Oma ist körperlich zwar noch recht fit, aber der Kopf spielt nicht mehr so recht mit. Sie wird immer vergeßlicher und verliert häufiger die Orientierung. Deshalb lebt sie seit kurzem in einem Heim, das scheint Astrid mindestens genauso zu belasten wie die Großmutter. Mit der Kanufahrt möchte die Enkelin die Oma noch einmal an Orte aus der Vergangenheit bringen.

Bewundernswert, wie Astrid mit Engelsgeduld jeden Tag aufs Neue auf die alte Dame einredet und ihr erklärt, was sie eigentlich vorhaben und wo sie gerade sind.
Aber bei einer Übernachtung eskaliert die Sache, die Oma wird so bockig und bösartig, daß Astrid die Aktion abbricht.
Ein trauriger Film, der sehr ehrlich das Thema aufgreift, wenn die Eltern oder Großeltern einem irgendwie abhanden kommen zu scheinen.

Marek Kozakiewicz erzählt sehr berührend in seinem Film
„Silent Love“
wie sich drei Menschen ganz ruhig und unaufgeregt im ländlichen Polen zu einer neuen Familie zusammentun.

Agnieszka lebt in einem kleinen polnischen Dorf und bemüht sich nach dem Tod der Mutter um die Vormundschaft für ihren 13-jährigen Bruder Milosz.
Das ist als alleinstehende junge Frau leichter gesagt als getan. Und wenn die Behörden dann auch noch von ihrer Beziehung zu Majka wüßten, die in Frankfurt am Main wohnt! Aber trotzdem, die beiden Frauen fassen einen mutigen Entschluß und beenden ihre Fernbeziehung.
Der Film wurde als herausragender osteuropäischer Dokumentarfilm ausgezeichnet und ich fand herausragend, wie der sehr junge Sprecher Milosz für das Voice Over seine deutsche Stimme lieh.

Und jetzt ein ganz anderes Thema, künstliche Intelligenz in
„Uncanny Me – Mein fremdes Ich“ von Katharina Pethke

Eine verlockende Vorstellung, sich einen Avatar seiner selbst zuzulegen, dem man alle unangenehmen Tätigkeiten aufbürden kann!

Genau das ist Lales Plan. Sie arbeitet als Model und hat keine Lust mehr auf die nervenaufreibenden Shootings und die viele wertvolle Zeit, die sie das Herumreisen von einem Termin zum anderen kostet. Aber unheimlich wird ihr die Sache während der Umsetzung des Plans dann doch. Ein hochinteressanter Film, der die KI von allen Seiten auch kritisch beleuchtet!

Da ich keine Avatar-Köchin möchte und auch keine habe und sehr gerne koche, mache ich jetzt den Rechner aus, gönne mir einen Wermut und halte es wie die Filmemacherin Yana Pan in ihrem toll gemachten Animationsfilm
„Now I’m in the Kitchen“

Und ich freue mich schon jetzt auf das nächste DOK Festival ohne Wermutstropfen, also wirklich in Leipzig! Und auf Filme mit gut gemachten Audiodeskriptionen!

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