Barfuß oder Anzugschuh, alles zu seiner Zeit!
Ohne Schuhe legten einst Franziskanermönche – auch Barfüßer genannt – den Weg zwischen dem Markt und ihrem Kloster im Nordwesten Leipzigs zurück. So wurde aus dem Weg die Barfußgasse.
Das Barfußgäßchen, ein 160 Meter langer Teil dieser Gasse mit vielen Restaurants und Bars, erfreut sich heute vor allem bei Touristen großer Beliebtheit.
Ein gezeichnetes Paar eleganter orangeroter Anzugschuhe ohne Schnürsenkel auf beigefarbenem Grund ist das von Stefan Ibrahim gestaltete Motiv des
„68. Internationales Leipziger Festival für Dokumentar- und Animationsfilm“
vom 27.10. bis 02.11.2025!
Zitat des Leipziger Grafikers und Illustratoren: „Das liegende Paar Schuhe ist hier die Momentaufnahme, das Standbild gewohnter Dynamiken. Immer in Bewegung zu sein, und doch im richtigen Moment stehen bleiben zu können, das ist ein Privileg und vielleicht auch eine Pflicht. Mit den Füßen abstimmen – das ist nicht nur Weggehen, das ist auch Hingehen und auch Bleiben.“
Das DOK spielt sich hauptsächlich in der Leipziger Innenstadt ab, die vom Hauptbahnhof fußläufig erreichbar ist. Bei den vielen Wegen zwischen Hotel, Spielstätten, Veranstaltungsorten und Restaurants kommen reichlich Schritte zusammen. Da ist bequemes wetterfestes Schuhwerk angesagt. Meine Füße steckten in braunen Stiefeletten.
Orangerot als Schuhfarbe ist ja eher die Ausnahme. Aber eine beeindruckende Auswahl davon kann im diesjährigen Festivaltrailer bestaunt werden. Von schräg hinten gefilmt eilen zwei Füße zielstrebig durch die Stadt, gefühlt bei jedem Schritt in anderen Schuhen, von den Gummistiefeln bis zu Sandalen.
Und ein zweiter Rotton dominierte das DOK 2025. Die Landesregierung des Freistaates Sachsen hatte einen knallroten Rotstift angesetzt!
Mit Beschluss des Doppelhaushalts 2025/26 des Freistaates Sachsen wurden die Mittel für barrierefreie Filmangebote beim DOK von 50 Tausend Euro in 2023/24 und sogar 67 Tausend Euro im Jahr 2022 komplett gestrichen.
Seit 2017 regelmäßig zu Gast beim DOK, freute ich mich über die große und interessante Auswahl von Filmen mit Audiodeskription und schrieb in meinem Blog über die Barrierefreiheit und Zugänglichkeit der jeweiligen Festivalausgabe. Für das Jahr 2024 lautete mein Fazit: „Das DOK Leipzig ist und bleibt ein Schwergewicht in beiden Aspekten!“
Dank des großartigen Engagements des Festivals unter der Leitung von Christoph Terhechte konnten mit einer im Sommer gestarteten Crowdfunding-Kampagne zehntausend Euro eingesammelt und damit das Schlimmste abgewendet werden!
„Mit dem Spendengeld aus unserem Crowdfunding können wir letztendlich für 3 Filme erweiterte Untertitel (SDH) und für 2 Filme Audiodeskriptionen anfertigen lassen. Durch die großartige Unterstützung von D-Facto Motion GmbH, Greta und Starks und Kinoblindgänger gemeinnützige GmbH wird es darüber hinaus eine Audiodeskription für einen Film aus der Sektion „Young Eyes“ geben, der auch in einer Schulvorstellung gezeigt wird. Vielen Dank an alle, die uns geholfen haben!“ heißt es in einer Pressemitteilung des DOK.
Noch einmal zum Vergleich: In den vergangenen Jahren waren durch die Projektförderung des Freistaates Sachsen pro Festivalausgabe bis zu 35 Filme barrierefrei zugänglich.
Dieses Ziel sollte auch weiterhin anvisiert werden, keine leichte Aufgabe für Aleksandra (Ola) Staszel, die neue Intendantin des DOK und Geschäftsführerin der Leipziger DOK-Filmwochen GmbH.
Nichtsdestotrotz, ich hatte mich auf drei Tage in Leipzig gefreut und war sehr gespannt auf den Dokumentarfilm aus Frankreich
„Writing Life: Annie Ernaux Through the Eyes of High School Students“ von Claire Simon,
mit dem das Festival feierlich eröffnet wurde.
Hier der Vollständigkeit halber auch der französische Filmtitel:
„Écrire la vie – Annie Ernaux racontée par des lycéennes et des lycéens“.
Schülerinnen und Schüler eines französischen Gymnasiums lesen aus dem Werk der Feministin, Schriftstellerin und Nobelpreisträgerin Annie Ernaux vor, natürlich auf französisch. Zu meiner Überraschung konnte ich den wunderschön vorgetragenen Texten und den anschließenden Diskussionen in der Klasse sehr gut folgen. Und wieder bestätigte sich meine These: Dokumentarfilme erweitern den Horizont, jedenfalls meinen.
Sehr wortkarg, aber um so geräuschvoller, ging es am nächsten Tag weiter mit
„The Inheritors“ von Serge-Olivier Rondeau.
Aber Nino, der wieder einmal bei jedem Schritt an meiner Seite war, hatte mich vorgewarnt. Ich ließ mich auf das Rauschen des Meeres ein, lauschte dem tosenden Wind und zuckte zusammen, wenn gefühlt Millionen Möwen auf einmal losschrien. Dieser bildgewaltige Film über eine der weltweit größten Ringschnabelmöwen-Kolonie auf der kanadischen Insel „Île Deslauriers“ schrie gerade so nach einer Audiodeskription! Leider vergeblich.
Genauso schön wie Filmeschauen ist es, Leute zu treffen, sich auszutauschen und zu vernetzen.
Eine schöne Gelegenheit dazu bot der erste Empfang der Deutschen Filmakademie während des DOK im „Pilot“, meinem Lieblingsrestaurant in Leipzig. Eingeladen waren Mitglieder, Freunde und Fördermitglieder der Akademie. Nino und ich wurden sehr herzlich von den Vorständen der Sektion Dokumentarfilm, Kathrin Lemme und Enrique Sánchez Lansch begrüßt. Und schon waren die zwei Stunden mit schönen Gesprächen bei leckeren Snacks vorbei.
Dann kam endlich die Greta App zum Einsatz bei
„Intersection – Alles ist politisch“ von Karoline Rößler,
einer der drei Filme mit Audiodeskription.
Sechs Menschen sitzen mal zusammen an einem Tisch oder werden einzeln interviewt. Sie sprechen darüber, wie sie gesellschaftliche Ungleichheit und Diskriminierung klar benennen und beidem öffentlich entgegentreten. Aber wie kann Diskriminierung besonders für nichtbetroffene Menschen erfahrbar werden? Zum Beispiel mit einem interaktiven unfairen Videospiel auf dem Handy.
Ein Dreieck, ein Kreis und ein Quadrat in verschiedenen Farben und unterschiedlich groß treten gegeneinander an, die eine Form mit Privilegien, die anderen unter erschwerten Bedingungen.
Mir gefiel das Zusammenspiel von Gesprächen und den vielen Videospielen. Die Regisseurin Karoline Rößler erhielt den film.land.sachsen-Preis für Filmkultur im ländlichen Raum, verliehen in Kooperation mit dem Filmverband Sachsen e.V.!
Ob die Audiodeskription preisverdächtig war, kann ich jetzt nicht mehr sagen. Aber ohne wäre ich vor allem bei den Videospielen hoffnungslos aufgeschmissen gewesen.
Und jetzt nur kurz zu den weiteren zwei Filmen mit Audiodeskription:
Der Preis der Jury aus Strafgefangenen der Jugendstrafvollzugsanstalt Regis-Breitingen ging an
„Sedimente“ von Laura Coppens!
Bis jetzt waren alle Filme, die von den Jungs ausgezeichnet wurden, auch meine Favoriten. Um so trauriger, dass ich mir „Sedimente“ aus Zeitgründen nicht anschauen konnte.
„Austroschwarz“ von Mwita Mataro und Helmut Karner
kannte ich schon durch meine redaktionelle Arbeit an der Audiodeskription. Diese wurde möglich durch das Engagement von D-Facto Motion GmbH. Das Honorar der Sprecherin sponserte Kinoblindgänger gemeinnützige GmbH.
Möchte ich diese Bilder auf der Leinwand wirklich genau beschrieben bekommen?
Letztlich beantworte ich mir diese Frage immer mit einem eindeutigen JA! Und so auch bei
„Flophouse America“ von Monica Strømdahl
Ein einfaches Hotelzimmer mit Bad, eigentlich für zwei Personen gedacht, ist das dauerhafte Zuhause einer dreiköpfigen Familie plus einer Katze. Der schon über den Filmton vermittelten Enge ohne Rückzugsmöglichkeit für den Sohn und die Eltern konnte ich mich kaum entziehen. Das hatte etwas sehr Bedrückendes. Aber ein Bild, das den drei Menschen gerecht wird, konnte ich mir ohne Audiodeskription leider nicht machen.
Und jetzt zu meiner letzten Amtshandlung beim DOK Industry Talk 2025 zum brandaktuellen Thema
„Zugänglichkeit – Chancen und Herausforderungen für Filmproduktionen und Festivals“.
Auf dem Podium saßen Karoline Rößler,Studentin im Master Regie und Dokumentarfilm an der Filmuniversität Konrad Wolf, Nadja Smith von der Filmförderungsanstaltund ich.
Paula Schumann, Hörfilmautorin und Projektleiterin Inklusion beim DOK, moderierte auf englisch und hatte mir zum Glück die Fragen vorher auch auf deutsch geschickt. Nach der ersten Fragerunde wurde die englische Fassung von Kinoblindgängers Video „HEROES FOR ALL – Accessible Filmversion: How does it work?“ gezeigt.
Am Ende des Festivaltrailers, leider ohne Audiodeskription, werden zwei an Schnürsenkeln zusammengebundene Schuhe hochgeworfen und hängen dann über einem Straßenschild. Ich behielt meine Stiefeletten an den Füßen. Ohne Schnürsenkel wäre das sogenannte Shoefiti sowieso zum Scheitern verurteilt gewesen.
Jetzt bedanke ich mich herzlich noch einmal bei meinem Begleiter Nino, bei Nina Kühne und Alena Flemming vom Pressebüro für die Einladung zum DOK und für das wieder einmal geduldige Warten auf den Blogbeitrag!

Danke für die Eindrücke! Macht viel Lust auf das Festival. Und hoffentlich überlegt man sich das mit dem Rotstift nochmal. Optimistisch stimmen die Kürzungen nicht.