Die perfekte Kandidatin

Meine Stimme wollte ich ihr schon gleich nach dem Kinostart am 12. März geben.
Maryam, ganz zauberhaft gespielt von Mila Al Zahrani, ist

„Die perfekte Kandidatin“!

Aber dann mußten die „Wahllokale“ leider bis Anfang Juni schließen.
Jetzt hat es endlich geklappt. Mit einem Online-Ticket feierte ich im Berliner Delphi Lux mit diesem feinfühligen Film der Regisseurin Haifaa Al Mansour meinen lang ersehnten ersten Kinobesuch in diesem Sommer. Und es ging gleich ziemlich weit weg!

In einer nicht benannten Kleinstadt in Saudi-Arabien kandidiert Maryam bei den anstehenden Wahlen zum Gemeinderat. Das geht aber nicht nur im Film!
Seit 2015 ist es auch den Frauen in dem islamisch-konservativen Königreich gestattet zu wählen und jedenfalls bei lokalen Wahlen auch selbst anzutreten.
Schon die Umstände, unter denen sie auf die Wahlliste kommt, zeigen, wie blitzschnell Maryam auf unvorhergesehene Schwierigkeiten pragmatisch reagieren kann.

Ihr anfangs etwas störrisches Wahlkampfteam rauft sich zusammen und stellt schließlich eine erfolgversprechende Kampagne auf die Beine.
Die Skepsis von Maryams etwa gleichaltriger Schwester Selma (Dae Al Hilali) verfliegt recht schnell. Sie ist Fotografin, wird regelmäßig für große Familienfeiern gebucht und weiß, wie Events zu organisieren sind.
Bei der jüngeren Schwester Sara (Nourah Al Awad) dauert es ein bißchen länger, bis der Funke überspringt. Sie ist gerade im Teenageralter und ihre Antworten kommen meistens etwas mürrisch daher. Aber dann ist sie mit Begeisterung dabei und kümmert sich um die sozialen Medien.

Ein zentrales Wahlversprechen von Maryam ist, dafür zu sorgen, daß die Zufahrtsstraße zum Krankenhaus endlich asphaltiert wird. Sie ist Ärztin in der Klinik und ärgert sich jeden Tag aufs Neue über die holprige Piste, über die sie ihr Auto auf dem Weg zur Arbeit steuert und auf der Hilfe suchende Patienten regelmäßig im Schlamm steckenbleiben.
Die perfekte Kandidatin entwickelt schnell ein Gespür, wie sie die Menschen für sich und ihre Sache gewinnen kann. Und das entgeht auch nicht der männlichen Konkurrenz!

Mir wäre ohne die Hörfilmbeschreibung über die Greta App allerdings eine Menge entgangen. Und zwar so viel, daß ich mich auf einige Details beschränken muß!

Erst viel später hätte sich mir erschlossen, daß Maryam selbst zur Arbeit in die Klinik fährt und dort ihren Schleier gegen den Arztkittel tauscht.
Das Haus, in dem sie mit ihren Schwestern und dem Vater lebt, liegt hinter einem großen Tor. Das schützt den Hof und den Hauseingang vor neugierigen und verbotenen Blicken. Zu Hause schlüpft sie in hautenge Jeans und knappe Tops und bereitet mit ihren Schwestern das Abendessen vor.
Beim Essen mit dem Vater sitzen sie auf dem Boden und die Speisen sind auf einer Decke ebenfalls auf dem Boden drapiert.

Immer wieder bekomme ich zu hören, daß Maryam den Schleier lässig über den Schultern trägt, aber jederzeit bereit, sich diesen schnell wieder korrekt über den Kopf zu ziehen.

Maryams Vater ist Musiker und unterrichtet auf einem lautenähnlichen Instrument, der Oud. Er ist viel mit seiner Band auf Reisen. Von den Fahrten und vor allem den Auftritten konnte ich mir immer sehr genau ein Bild machen. Und die deutsche Übersetzung der arabischen Liedertexte wurde vorgelesen.

Zusammengefaßt konnte ich dank der schön formulierten Audiodeskription mit Haut und Haar in die mir doch sehr fremde Welt eintauchen!
Und hier das Hörfilmbeschreiber-Team: Text Matthias Huber und Renate Lehmann, Redaktion Beatrix Hermens.
Sie ist auch die perfekte Sprecherin!

Meine Stimme für Maryam, die perfekte Kandidatin, hat natürlich rein symbolischen Charakter. Ob sie sich gegen den langjährigen Amtsinhaber, ihren scheinbar übermächtigen männlichen Konkurrenten, durchsetzen kann, erfahrt ihr im Kinosaal!

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