Bei der Anprobe mit Wechselwirkung

„Ich bin nicht ganz fertig geworden“,
meint Anna, als wir uns an der Hofeinfahrt der Crellestraße 19 in Schöneberg begrüßen.

„Macht nix“,
sag ich, hake mich bei ihr unter und wir gehen zum Aufzug im zweiten Hinterhof. Im vierten Stock angekommen, setzt sich Anna in ihrem kleinen Reich gleich an die Nähmaschine.

Ich sitze zwischen einer vollgehängten Kleiderstange, dem Bügelbrett und zwei Kleiderpuppen und lausche dem gleichmäßigen Geratter, als die Nähmaschine plötzlich piept.
„Das macht sie immer bei der Rückwärtsnaht“, erklärt Anna.

Dann beäugt sie kritisch die letzte Naht und kontrolliert, daß sich auch ja keine Nadel mehr im Stoff versteckt hat. Jetzt kann ich mir das leuchtend blaue Kleid beruhigt über den Kopf streifen und fühle mich gleich pudelwohl darin. Das liegt an dem lockeren, aber trotzdem figurbetonten Schnitt und an dem Stoff. Die Waschseide fühlt sich einfach herrlich an!
Und der Clou ist, ich kann das Kleid drehen und wenden, wie ich möchte. Falsch herum reinschlüpfen ist unmöglich, weil das Kleid einfach keine falsche Seite hat!
Dem jetzt vielleicht entstandenen Eindruck, Blinde wären nicht in der Lage, sich richtig anzuziehen, erteile ich hier sicherheitshalber aber gleich einmal eine Absage!

„Das behalt ich gleich an!“ Würde ich gerne, ich weiß aber, daß das nicht geht.
Das Kleid ist ein Prototyp, wie bis jetzt alle Teile der Kollektion des Modeprojekts

„Wechselwirkung“!

Die Initiatorin ist die Modedesignerin Anna Flemmer. Sie hat die kreative Leitung inne und bringt seit dem Frühjahr 2019 das Projekt mit viel Engagement voran!

Ich bin zwar von Anfang an dabei, jetzt aber, Anna, stelle ich mich einmal ganz dumm und frage einfach drauflos, bevor ich mich auf den Heimweg mache.
Auf den Punkt gebracht, welcher Gedanke steckt hinter dem Projekt Wechselwirkung?

Eine Kollektion zu schaffen, die Blinden und Sehbehinderten den Umgang mit Mode und Bekleidung vereinfacht und interessant ist für Sehende!

Wann kam dir dieser Gedanke und was war der Auslöser?

Während meines Studiums in Modedesign an der Hochschule Hannover betreute ich zeitweise ein blindes Mädchen mit einer geistigen Behinderung. Mir fiel auf, daß sie beim Umziehen oft rechts und links verwechselte und der Reißverschluß der Hose oft offen blieb. Das war ein Denkanstoß, wie kleiden sich Blinde und welche Designlösungen könnte ich finden? Das Mädchen inspirierte mich zu meiner Bachelor-Kollektion mit dem Namen
SAME:SAME.
Das Besondere ist, daß die Kleidungsstücke vorne und hinten, innen und außen gleichermaßen getragen werden können.

Aber Anna, du hast unterschlagen, daß deine Kollektion eine preisgekrönte ist!
Und jetzt wieder zurück zur Wechselwirkung, bei der du den kreativen Part hast. Aber wer steht eigentlich noch hinter dem Projekt?

Die Werkstatt für interkulturelle Medienarbeit e.V., kurz die WIM!
Ich konnte zum Beispiel mit Hilfe der WIM mein kleines Reich, wie du es nennst, einrichten.
Der Verein wurde schon im Jahr 1988 in Berlin-Schöneberg gegründet und vor drei Jahren hatte Karsten Hein die Idee, die WIM gemeinsam mit ein paar Leuten zu übernehmen.
Menschen sollten sich dort künstlerisch begegnen und entfalten können!
Der Schwerpunkt liegt seitdem auf der Fotografie und dem Dialog von Blinden und Sehenden über Bilder. Zu den inzwischen entstandenen Projekten zählt unter anderen das Fotostudio für blinde FotografInnen. Bei der Einweihung vor zwei Jahren hatten wir uns ja kennengelernt. Und jetzt gehört auch mein Modeprojekt dazu und Karsten ist der Schirmherr. Uns verbindet eine sehr gute und produktive Partnerschaft. Und ganz wichtig, die Aktion Mensch fördert unser Projekt!

Du hast von drei Säulen des Projekts gesprochen, welche sind das?

Erstens: Blinde wirken von Anfang an aktiv mit!

Wie für meine Bachelor-Kollektion führte ich auch für das Projekt Interviews mit Blinden.
Karstens viele Kontakte waren mir eine super Hilfe und wir konnten uns in den allen vertrauten Räumen der WIM treffen.

Ich fragte: Wie wichtig ist Mode, nach welchen Kriterien kleidet ihr euch, wie kauft ihr ein, informiert euch über Trends, und was sind eure Wünsche und Ansprüche an Klamotten?

Als Antworten bekam ich: Die Stoffe sollten sich angenehm auf der Haut anfühlen. Die Wendbarkeit und rechts-/ linksneutrale Kleidung ist eine Erleichterung. Bei Röcken kommt man besonders schnell ins Grübeln, sitzt der Reißverschluß nun hinten, vorne oder an der Seite? Wichtig sind Klamotten, die reflektieren. Also reflektierende Details für bessere Sichtbarkeit. Super wäre auch, über die Struktur eines Stoffs auf ein Muster oder die Farbe schließen zu können und bei Teilen von einer Modelinie farblich alles miteinander kombinieren zu können. Und von knitterfreien Klamotten träumen, glaube ich, alle, ob sehend oder nicht!

Zweitens: Die Kooperation mit der Näherei der Behindertenwerkstatt “Doppelpunkt“ der Diakonie in Mühlhausen/Thüringen, weil wir das Projekt so inklusiv wie möglich gestalten wollen!
In der Schneiderei arbeiten Menschen mit einer geistigen Behinderung oder einer psychischen Erkrankung. Ich fahre regelmäßig dort hin und gebe Workshops, um die Mitarbeiterinnen zu schulen. Gerade werden übrigens in der Werkstatt Korkleder-Labels mit lesbarer Brailleschrift auf die bereits fertigen Teile genäht.

Drittens: Die Mode wird von Blinden fotografiert und blinden wie sehenden Models gezeigt!
Bei unserer für Anfang Juni geplanten großen Modeschau kam leider Corona dazwischen.
Aber wir haben schon einige Fotoshootings mit blinden FotografInnen im Fotostudio der WIM gemacht, auch mit der Light Painting Technik neuerdings mit Reflexstoffen. Infos zu dieser besonderen Technik gibt’s auf der Website www.wim-berlin.de.

Was siehst du als die größte Herausforderung an?

Die total andere Herangehensweise!
Normalerweise würde ich nach einer Inspiration alle Entwürfe für die gesamte Kollektion zeichnen, dann die Schnitte konstruieren und Stoffe auswählen. Hier steht an erster Stelle, einen gut zu verarbeitenden Stoff zu wählen. Das ist wichtig für die Näherei in Mühlhausen.

Dann zeitlose und alltagstaugliche Schnitte mit fetzigen Detaillösungen zu kreieren!
Zum Beispiel mit interessanten Reißverschlüssen, reflektierenden Nähten, kontrastreichen Taschenöffnungen, bequemen Gummizügen und reflektierenden und dezenten Bändern.
Und schließlich die innovative Verarbeitung durch die Wendbarkeit und Vorne-/ Hinten- Neutralität.

Was begeistert dich an dem Projekt?

Vor allem die Freude bei den Anproben, wie zum Beispiel bei dir gerade!
Ich mache zwischendurch Termine zum Abstecken und wir freuen uns gemeinsam, wie aus einem Stück Stoff, den die Blinden vorher in den Händen hatten und ausgesucht haben, ein Shirt oder eine Hose wird.

Wie sieht es mit dem Projekt aktuell und in Zukunft aus?

Wir konzentrieren uns gerade auf die Entwicklung neuer Schnitte und die Ausarbeitung/ Verbesserung der aktuellen Designs.

Nebenbei schreiben wir an dem neuen Antrag an die Aktion Mensch für die Förderung ab August.
Der Schwerpunkt in Zukunft wird sein, Mode barrierefrei zu digitalisieren. Geplant ist u.a. ein integrierter QR-Code mit dazugehöriger Website und ein akustisches Modemagazin/Podcast. Natürlich arbeiten wir weiterhin daran, die vorne-/ hinten-neutrale und wendbare Kollektion marktreif zu gestalten.

Ich bin zwar noch nicht fertig mit meinen Fragen, aber das waren jetzt doch sehr viele Informationen und ich drücke die Daumen, daß ihr weitermachen könnt!


Wer sich über das „Projekt Wechselwirkung“ auf dem Laufenden halten möchte, kann das bei Facebook und Instagram tun.

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