Die Blindgängerin im Laufschritt vor drei großen Werbetafeln. Von einer spannt sich ein roter Faden zu ihr, das Knäuel hält sie in der linken Hand. Unter dem Arm trägt sie ein großes Paket Papiertaschentücher. In der rechten Hand hält sie ein aus Pappe geschnittenes Stundenglas, eine Sanduhr.

Aufholjagd

Zweimal mit, einmal ohne, und noch einmal mit! Mit einer Hauruckaktion habe ich meinen cineastischen Rückstand so gut wie wettgemacht. Dabei waren diese internationalen, im Original englischsprachigen Filme: „Die dunkelste Stunde“, „Der seidene Faden“, „Three Billboards Outside Ebbing, Missouri“ und „Wunder” In allen vier tragen die Protagonisten die unterschiedlichsten Kämpfe aus und bei dreien konnte ich das ganz genau mit einer Audiodeskription über die App Greta verfolgen. Mit 66 Jahren ist noch lang noch nicht Schluss! Ein halbes Jahr vor seinem 66. Geburtstag begann für Winston Churchill ziemlich überraschend seine Karriere als britischer Premierminister, am 10. Mai 1940. An diesem geschichtsträchtigen Tag wurde er von König Georg VI. in das höchste Amt berufen. Churchills Vorgänger Chamberlain, ebenso Mitglied der konservativen Partei, hatte 24 Stunden zuvor am 9. Mai nicht ganz freiwillig seinen Hut genommen. Was für ein gerade aus heutiger Sicht wahnwitziges Tempo! Aber die Tage vor und nach Churchills Ernennung wurden um so heftiger für Intrigen und parteiinternes Geklüngel genutzt. Die Dramatik dieser kurzen Phase führt uns sehr detailliert und höchstspannend „Die dunkelste Stunde“ vors Auge. Treffender hätte man die damalige Lage der britischen Nation nicht ausdrücken können! Die Filmhandlung orientiert sich an dem Werk „Fünf Tage in London“ des Historikers John Lukacs. So kämpfte Churchill als designierter und bestätigter Premier an drei Fronten: Die englische Armee vor ihrer Vernichtung retten und eine drohende deutsche Invasion abwenden, den „Kuschelkurs“ seiner politischen Gegner mit Hitler beenden und diesen um jeden Preis besiegen und schließlich das Parlament und die Bevölkerung von der Alternativlosigkeit seiner Strategie überzeugen und auf harte Zeiten einschwören! Im Film kämpft der ein paar Jahre jüngere Gary Oldman auf faszinierende Weise wie Churchills Doppelgänger! Fünfmal wurde Oldman für diese Leistung bereits ausgezeichnet, z.B. mit dem Golden Globe, nun fehlt nur noch der Oscar. Mir war es jedenfalls eine Ehre und ein großes Vergnügen, den wortgewandten Churchill auch durch die Hörfilmbeschreibung so genau und persönlich kennengelernt zu haben: Sein eiserner Wille, sein Humor und die große Liebe zu seiner Frau Clementine, wunderbar gespielt von Kristin Scott Thomas, deren Rat und Meinung er sehr schätzte. Und übrigens halten sich auch Premierminister im Badezimmer und auf dem stillen Örtchen auf. Sie laufen im langen Nachthemd durch ihre privaten Gemächer, natürlich immer mit einer Zigarre zwischen den Lippen und einem Drink in der Hand! Mit 77 trat Churchill im Jahr 1951 ein zweites Mal das Amt des Premierministers an. Da waren die Zeiten, in denen Englands Schicksal an dem sprichwörtlichen seidenen Faden zu hängen schien, längst vorbei. In diese Londoner Nachkriegszeit der 50er Jahre ist die rein fiktive Geschichte von „Der seidene Faden“ eingefädelt, in der Nadel und Faden tatsächlich zum Einsatz kommen! Die wundervollsten Kleider aus den feinsten Stoffen (Natürlich gleicht nicht ein einziges dem anderen!) werden der noblen und prominenten sehr betuchten Damenwelt auf den jeweiligen Leib geschneidert. Mit der Rolle des Reynolds Woodcock, Londons gefragtesten Meisters des seidenen Fadens, verabschiedet sich einer der gefragtesten Schauspieler! Mit 60 machte Daniel Day-Lewis letztes Jahr überraschend Schluß mit seiner Filmkarriere. Aber vorher zeigt der dreifache Oscargewinner – immer mit einem Schnittmuster, einem Maßband und Stecknadeln bewaffnet – noch einmal, was er kann, und vielleicht gibt’s dafür ja noch einen! Die Geschäfte des Modesalons „House of Woodcock“, das Reynolds gemeinsam mit seiner nicht nur im Geschäft allgegenwärtigen Schwester Cyril führt, florieren prächtig. Dem attraktiven Mittfünfziger scheint alles eher kampflos in den Schoß zu fallen und auch die Herzen der Frauen fliegen ihm einfach so zu. Gekämpft wird hier vom weiblichen Geschlecht und zwar auf eine Weise, wie es wohl nur dieses vermag. Der Name der Kämpferin ist Alma. Die junge natürliche Frau, gespielt von Vicky Krieps, begeisterte mich genauso schnell wie den Schneider Reynolds. Sie will nicht nur wie eine Schaufensterpuppe aus Fleisch und Blut als Modell für die Entwürfe seiner Kleider und Kostüme fungieren. Sie liebt Reynolds und möchte eigentlich nur das Normalste der Welt, eine Beziehung mit ihm auf Augenhöhe. Almas Waffen sind Provokation, Zurücksticheln, Reynolds Geduldsfaden zum Reißen bringen, selbst gesammelte und zubereitete Pilze und zum rechten Zeitpunkt Umgarnen. Aber das mit den Pilzen ist nur halb so wild! Jetzt bin ich jedenfalls hinsichtlich der Mode in den 50ern völlig up to date. Natürlich wurden auch die Damen, die in den Kleidern steckten, genau beschrieben und so erfuhr ich auch von Cyrils kleinen Fältchen um ihren Mund. Über das Aussehen der nächsten oscarverdächtigen Kämpferin – den Golden Globe erhielt sie bereits im Januar – konnte ich mir leider nur durch ihre Stimme ein Bild machen. Diese Spekulationen gehen sehr oft an der Realität vorbei und deshalb lasse ich es lieber sein. Mildred Hayes kämpft in der fiktiven US-amerikanischen Kleinstadt Ebbing mittels “Three Billboards Outside Ebbing, Missouri” um die Aufklärung des sieben Monate zurückliegenden grausamen Mordes an ihrer Tochter. Auf drei vor der Stadt aufgestellte Plakatwände schreibt sie kurz und knackig ihre provokanten Parolen und stellt damit den ihrer Meinung nach untätigen Sheriff an den Pranger. Ob sie diesen Weg gewählt hätte, wenn sie sich über die Folgen im Klaren gewesen wäre? Vielleicht lag es an der fehlenden Bildbeschreibung, daß ich die Begeisterung über Frances McDormand in der Rolle der Mildred und auch über den Film nicht so ganz teilen kann. Obwohl ich schwarzen Humor eigentlich sehr liebe! Dafür hat mir die ebenfalls für den Oscar nominierte Filmmusik super gut gefallen, für die ich ganz Ohr sein konnte. Und zu guter Letzt noch einmal „mit“: Mit der App Greta und auf Empfehlung auch mit einem großen Päckchen Taschentücher! Eigentlich kämpft die vierköpfige Familie Pullman gemeinsam mit Hündin Daisy schon auf sehr berührende Weise. Aber den Löwenanteil muß der zehnjährige Junge August, „Auggie“ genannt, alleine schultern und das schafft er auch in „Wunder“. Bei einer zufälligen Begegnung mit Auggie hätte ich mir gedacht, was für ein sympathischer Junge das ist, und ein pfiffiges Kerlchen obendrein! Der ist in der Schule bestimmt sehr beliebt und hat viele Freunde. Aber seine Klassenkameraden sind nicht blind. Sie sehen, was ich durch die Audiodeskription erfuhr, und Auggies erste Tage an der Schule sind alles andere

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