Ein Sandbild, es entsteht durch Streuen von Sand und Wischen mit den Händen. Rechts der Kopf eines Mädchens mit langem Haar. Links ein Mädchen, daß im Sand sitzt. Von oben strecken sich ihr zwei schützende Hände entgegen. Die Hand der Künstlerin ist zu sehen, wie sie durch Wischen im Sand das Bild zeichnet.

Sandmädchen

Neugierig geworden, wer sich dahinter verbirgt? Jedenfalls nicht das weibliche Pendant zum Sandmännchen, der Verkleinerungsform des Sandmanns, einer in der europäischen Mythologie angesiedelten Sagengestalt. Der Sandmann besucht, so ist es überliefert, des Abends die Kinder. Er streut ihnen Sand in die Augen, der sie schlafen läßt und für gute Träume sorgt. Auch die Vergrößerungsform von Sandmädchen, die Sandfrau, zielt in eine völlig falsche Richtung. Geht ein homosexueller Mann zur Tarnung seiner sexuellen Ausrichtung eine Beziehung mit einer Frau ein, wird diese als „Sandfrau“ bezeichnet. Des Rätsels Lösung, wer „Sandmädchen“ ist, gibt’s seit dem 18. Oktober im Kino! In dem Dokumentarfilm, den ich allen wärmstens ans Herz legen möchte, spielt Sand eine ganz wichtige Rolle. Gerieben habe ich mir die Augen aber vor Erstaunen und nicht wegen lästiger Sandkörnchen. Ein bißchen dauerte es, bis ich die von einer Frauenstimme behutsam und doch selbstbewußt vorgetragenen Texte mit der Protagonistin und Autorin Veronika Raila in Verbindung brachte. Aber dann verschmolzen die beiden für mich zu einer Einheit. Jana Wand spricht auf ganz natürliche Weise der 26-jährigen Veronika, die sehen und hören, aber nicht sprechen kann, im wahrsten Sinne des Wortes aus der Seele. Analytisch, philosophisch, bedrückend und doch lebensbejahend sind die Gedanken der jungen Frau, welche sie, assistiert von ihrer Mutter, zu Papier bringt. Veronika Raila ist Autistin, hypersensibel und von Geburt an schwer körperlich beeinträchtigt. Von der Hand ihrer Mutter gestützt, wählt sie zunächst mit über der Tastatur schwebendem Finger den gewünschten Buchstaben aus. Die Mutter führt den Finger ihrer Tochter dann auf die entsprechende Taste. Was uns unvorstellbar kompliziert und zeitaufwendig scheint, ist für Veronika, abgesehen von minimalen Gesten, die einzige Möglichkeit, sich der Welt mitzuteilen. So schreibt und veröffentlicht die Studentin der Literatur und Theologie ihre Texte in Prosa und Lyrik. Und das, obwohl ihr als Kind ein IQ von Null attestiert wurde. Der lange Weg zu diesem Befreiungsschlag war nur wegen des großartigen Engagements der Eltern und deren starken Glaubens an ihre Tochter möglich. Veronika Raila führt ein ziemlich selbstbestimmtes Leben. Ob sie ihr langes blondes Haar hochgesteckt, offen oder als Zopf trägt, entscheidet sie selbst. Im Film wünscht sie einmal einen Zopf und zeigt das ihrer Mutter mit einem langgestreckten Finger. Das ist vielleicht eine alltägliche Kleinigkeit. Keine Kleinigkeit ist aber dieser bewegende Film, bei dem sie mit dem Regisseur Mark Michel auf Augenhöhe arbeitete. Daß ich auf Augenhöhe über „Sandmädchen“ mitreden und vor allem schreiben kann, liegt an der von dem Sprecher sehr feinfühlig eingesprochenen Audiodeskription. Die nahm ich mit der Greta und Starks App in den Kinosaal. Mir hat sich mit dem sorgfältig formulierten Text der Hörfilmbeschreibung einen Spaltbreit die Tür zu Veronikas Alltag und dem ihrer Familie geöffnet, in dem es sehr ruhig und besonnen zugeht. Aber wir erleben sie auch an der Uni bei einer Vorlesung oder auf einer Düne am Meer. Zum Plätschern von Wellen an einem Strand und während der Wind dazu rauscht, spricht Jana Wand folgende Gedanken Veronikas aus: „Der Wind singt vom ewigen Vergehen, der Sand vom immerwährenden Aufbau. Der Wind des Lebens formt meine Körnchen immer wieder neu.“ Und immer wieder läßt die Künstlerin Anne Löper passend zu Veronikas Texten flüchtige, aber beeindruckende Sandbilder entstehen! Mehr möchte ich jetzt nicht mehr verraten und hoffe, ich konnte neugierig auf das „Sandmädchen“ machen. Aber ein Zitat von Veronika Raila muß noch sein: „Das Leben ist eine wunderbare Sache, wenn man es leben kann.“

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