Beim DOK Leipzig 2021

„Hallo, ja Sie mit dem weißen Langstock, bleiben Sie bitte kurz stehen?
Genau an dem Zaunpfosten. Da ist ein Mikrofon befestigt.
Ich bin hier oben auf meinem Balkon und hätte eine Frage, wohin gehen Sie?“

Warum interessiert Sie das und wer sind Sie überhaupt?

„Mein Name ist Pawel Lozinski. Ich mache einen Film, einen Balkon-Film über die Menschen, die hier vorbeilaufen.“

Was für eine tolle Idee! Nicht um die ganze Welt zu reisen, sondern die Leute ins Gespräch zu verwickeln, die einem direkt vor der eigenen Haustür vor die Kamera laufen.
Also ich bin gerade auf den Weg ins Kino.

„Ins Kino, habe ich das richtig gehört?“

Ja, ich weiß, niemand kann sich vorstellen, daß Blinde etwas davon haben, sich einen Film auf der großen Leinwand anzuschauen. Aber unter bestimmten Voraussetzungen klappt das ganz prima und dafür gesorgt hat auch in diesem Jahr das

Internationale Leipziger Festival für Dokumentar- und Animationsfilm

„DOK Leipzig für alle“ lautet das großartige Motto!
Es gibt 24 verfügbare Filme mit erweiterten Untertiteln auf der Leinwand, Filmvorführungen mit Induktionsschleife, Filmgespräche mit Gebärdendolmetschung und weitgehend stufenlos erreichbare Säle.
Und ich habe die Wahl zwischen sieben Filmen, für die eine Audiodeskription produziert und bei der Greta App zum Download bereitgestellt wurde!

„Jetzt haben Sie mich aber neugierig gemacht, Sie müssen auf jeden Fall wieder vorbeikommen und erzählen. Und übrigens bin ich auch auf dem Festival und stelle meinen Film „The Balcony Movie“ vor.“

Ich weiß, der steht neben drei weiteren Lang- und zwei Kurzfilmen auch auf meiner Liste.

„Da kommt gerade ein sympathisch lächelnder junger Mann auf Sie zu gelaufen, warten Sie auf jemanden?“

Das wird Nino sein. Er begleitet mich nicht zum ersten Mal während eines Filmfestivals in Leipzig. Wir sind ein super eingespieltes Team und müssen jetzt los. Bis später!

„Hallo, wie schön, Sie wieder zu sehen! Hatten Sie eine gute Zeit beim DOK?“

Ja, eine sehr gute und spannende Zeit, die rasend schnell verging!

Ich leg gleich mal los mit der Greta App, meiner im Kinosaal unverzichtbaren Begleiterin. Sie hat sich bei allen Vorstellungen blitzschnell mit dem Filmton von der Leinwand synchronisiert und mir die Audiodeskriptionen (AD) per Kopfhörer ins Ohr geflüstert, unter anderen von

„Nasim“ von Ole Jacobs und Arne Büttner
„The Balcony Movie“ von Pawel Lozinski
„A Sound of My Own“ von Rebecca Zehr
“Pa va heng“ von Franziska von Stenglin

Die Teams der ersten drei Filme zählten zu denjenigen, die am Ende des Festivals mit einer Auszeichnung nach Hause gingen. Meinen Glückwunsch, und der geht auch an das Team beim DOK für das glückliche Händchen beim Auswählen der Filme, für die eine AD produziert wurde!

Nur einen Wermutstropfen gibt es.
Bei meinen beiden vorherigen Besuchen des DOK waren die Audiodeskriptionen durchweg gut bis sehr gut gemacht, bis auf jeweils einen Ausrutscher. Dieser Jahrgang kann da leider nicht so recht mithalten. Hier ein paar Gründe aus meiner Sicht:

Daß mit „die Frau mit Kopftuch“ oder nur „die Frau“ Nasim gemeint war, erschloß sich mir erst bei dem Filmgespräch nach der Vorstellung. Dabei stand die Namensgeberin des Films von Anfang an im Fokus der beiden Filmemacher. Sie begleiteten acht Monate die Afghanin Nasim und ihre Familie im Geflüchtetenlager Moria.
Nasim hätte eigentlich gleich in der ersten Szene namentlich eingeführt werden müssen, als sie ihrem Sohn die Haare schneidet, und nicht erst, wenn ihr Name irgendwann fällt.
Dann hätte man auch einfach sagen können „Nasims älterer Sohn“ statt „der ältere Sohn der Frau“.

Ich konnte mir zwar ein ganz gutes Bild von dem Lager und den Menschen machen, aber formuliert war die AD doch ganz schön holprig und verschachtelt. Immer wieder hieß es „Ein anderer Tag“, das sollte sich eher aus der Beschreibung der anderen Bilder ergeben. Und hier ein paar etwas verunglückte Formulierungsbeispiele:
Eine ältere Frau, anscheinend die Großmutter, starrt in der Gegend herum, geht kommentarlos davon, er trägt Hose und freien Oberkörper…

Und leider konnte ich mich auch mit der Stimme des Sprechers und dem viel zu langsamen Sprechtempo nicht anfreunden.

Um so mehr gefiel mir die Sprecherin der AD von „The Balcony Movie“, die mir liebevoll die vielen Menschen vor Pawel Lozinskis Balkon beschrieb.
Ohne sein Wissen habe ich mich in die Filmidee des extrem sympathischen polnischen Filmemachers reingemogelt. Vor dem Balkon seiner Warschauer Wohnung habe ich natürlich nicht gestanden, hätte ich aber gerne!

Die deutschen Untertitel des im Original gezeigten Films, in dem vor allem polnisch gesprochen wurde, waren für das sehende Publikum auf die Leinwand projiziert. Ich bekam sie von einem tollen Aufgebot von Sprecherinnen und Sprechern in allen Altersgruppen als Voice Over über die Greta App in mein Ohr. Das war wirklich sehr gut gemacht.
Aber auch hier habe ich eine Auswahl von nicht so eleganten Formulierungen:
Immer wieder hieß es überflüssigerweise „nächste Aufnahme“, „nächste Szene“ oder „als nächstes ein bewölkter Tag“.
Eine lebendige Sprache verbietet Wortwiederholungen wie zum Beispiel: „Sie schiebt einen Kinderwagen, in dem ein Kind sitzt, sie gibt dem Kind irgendwas…“
„Der dürre Mann, dem Pawel sein Hemd geschenkt hat“, die Erwähnung des „dürren Mannes“ hätte es auch getan.
„Der Weg bleibt leer, sie kommt nicht zurück“, ohne Kommentar.
Und viel zu umständlich „Allerdings ist die Kamera so eingestellt, daß nur die Beine zu sehen sind.“

Bei „A Sound of My Own“ über die Musikerin Marja Burchard, fehlte mir die klare Ansage „Das ist ein Schwarzweißfilm“!
Die junge Frau führt als Bandleaderin das Krautrock-Kollektiv „Embryo“ ihres verstorbenen Vaters fort. Ich kannte weder die Tochter noch den Vater oder das Kollektiv und bin vor Neid erblaßt, wie sich Marja an gefühlt zehn verschiedene Instrumente setzt, jedes beherrscht und jedem tolle Töne entlockt!

Ich denke, dieser Film mit experimentellen Elementen war die größte Herausforderung beim Texten der AD und der Sprecher brachte diese auch ganz gut in mein Ohr.
Aber auch hier einige Merkwürdigkeiten:
Ein weißhaariger Pianist am Flügel, sie wippt und hastet auf und ab, ihr Blick wandert aus dem Fenster, sie guckt zum Musiker neben ihr.
Sie schlägt mit ganzer Kraft auf das Schlagzeug, ganz bestimmt nicht! Vielleicht mit ausladenden Bewegungen.

Und jetzt ein Ende mit Schrecken bei
“Pa va heng” oder „The Dust of Modern Life“

Liem, die zentrale Figur, gehört der ethnischen Minderheit der Sedang an und ist in einer abgelegenen Region von Vietnam zu Hause. Der junge Familienvater ist Anfang 30 und die Stimme für sein Voice Over war mindestens doppelt so alt.
Für die AD hätte ich bei den vielen Männerstimmen unbedingt eine Sprecherin bevorzugt.
Aber viel schlimmer ist, daß bei den Beteiligten nur Wert auf die Beschreibung der Klamotten gelegt wurde, ihr Aussehen blieb mir genau wie das Dorf, in dem sie leben, im Dunkeln.
Und hier exemplarisch einige Formulierungs-Absurditäten:
„.. kommt aus einem kleinen Haus raus“, „Ein kleiner Junge lief an einer Hauswand vorbei und macht jetzt (weiß ich nicht mehr)“, in einer AD gibt es keine Vergangenheit! „Den Bündel legt er weg“, „Liem drescht weiter“, „Der Mann im T-Shirt am Qualmen“, „Jeder hat einen Poncho über sich“, „Er verkneift sich die Lippen und lächelt nicht mehr“, „Die Sonne knallt“
Und damit komme ich zum Schluß: Als die Männer zu ihrem Ausflug in den Dschungel aufbrechen, hat nur Liem einen Namen. Die anderen Männer sind dann ein anderer oder ein weiterer anderer.

So, jetzt ist es raus, ich mußte das, wenn auch ungern, einfach loswerden.
Was auch immer da schiefgelaufen ist, knappe Zeit kann nicht der einzige Grund sein.

Aber ich habe die ganz besondere Festival-Atmosphäre in vollen Zügen genossen und schon die Bekanntschaft mit Pawel vor seinem Balkon!

Do widzenia!

  1. Hallo Barbara,
    danke für deinen Beitrag. Es ist wichtig, dass es für AD auch tatsächlich Kritik gibt, damit sich diese Form weiterentwickeln kann. Einigen deiner Kritikpunkte kann ich gut folgen, bei anderen fehlt ein wenig der Kontext bzw. eine Begründung, was an den kritisierten Aussagend as Problem ist.
    Bei einer Sache würde ich dir aber widersprechen. Ich und viele andere Kolleg:innen verwenden sehr wohl ab und an die Vergangenheitsform in der AD. Ein Beispiel: Eine Frau schimpft lautstark vor sich hin und wirft währenddessen einen Breifbeschwerer gegen die Wand. Wir hören laut das Krachen, das Geschrei geht aber noch ein paar Sekunden weiter. Weil wir das Geschrei nicht übersprechen wollen, sagen wir unter Umständen: “Sie hat einen Breifbeschwerer an die Wand gedonnert und sinkt erschöpft auf ihren Stuhl.”. Einfach weil es sehr komisch klingen würde, 3 Sekunden nach dem Geräusch und mit einem anderen Element dazwischen (dem Geschrei) im Präsens zu schreiben. Du hast aber trotzdem Recht damit, das konkrete Beispiel zu kritisieren, wenn auch aus einem anderen Grund. Das Beispiel lautete: „Ein kleiner Junge lief an einer Hauswand vorbei und macht jetzt (weiß ich nicht mehr)“. Das Problem hier ist, dass es im Präteritum verfasst ist, es müsste aber im klassischen Perfekt stehen, weil in dem Satz eine Handlungsfolge steckt, die bis in die Geganwart andauert. Zitat (auf dei schnelle nur Wikipedia): “In nichtliterarischen Texten, wie z. B. Berichten, drückt das Präteritum Handlungen und Vorgänge aus, die in der Vergangenheit abgeschlossen wurden und keinen unmittelbaren Bezug zur Gegenwart haben. Besteht ein Bezug zur Gegenwart, wird dagegen das Perfekt benutzt.” (Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Pr%C3%A4teritum). Es müsste also stehen: Ein kleiner Junge ist an einer Hauswand vorbeigelaufen und macht jetzt XYZ.”. Außerdem könnte natürlich hinterfragt werden, ob das Perfekt überhaupt nötig war. Aber in Fällen wie meinem Beispiel mit dem Geschrei wäre es das aus meiner Sicht.
    Beste Grüße
    Christian Simon

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