Don Quijote, einmal mit, einmal ohne!

Zuerst einmal ohne!

Mucksmäuschenstill ist es plötzlich im großen Saal des Deutschen Theaters.

„Sie schauten um sich, sahen das Meer, das sie noch nie erblickt hatten, fanden es weit und endlos, so viel größer als die Seen von Ruidera, die sie aus der Mancha kannten…“

Der von einer männlichen Stimme vorgetragene Monolog endet wie folgt:

„… und sie konnten sich nicht erklären, weshalb so viele Füße aus diesen Kolossen wuchsen, die sich da auf dem Meer wiegten.“

Und ich konnte mir nicht erklären, weshalb jetzt das Gekicher im Publikum anwuchs!

Nach einer gefühlten Ewigkeit meint eine zweite männliche Stimme:

„Hm.“

Und eine dritte:

„Also ich rieche nichts.“

Und ich verstand gar nichts!

Also bitte noch mal von vorne und jetzt einmal mit einer Live-Audiodeskription, in deren Genuß nur die blinden und sehbehinderten Theatergäste über Kopfhörer kommen!

Sehr geehrtes Publikum,
herzlich willkommen im Deutschen Theater Berlin zu „Don Quijote“!

Mein Name ist Charlotte Miggel. Vom Platz der Video-Regie über dem zweiten Rang aus werde ich Sie heute durch die Vorstellung begleiten. Die Autorinnen der Audiodeskription sind Charlotte Miggel und Barbara Fickert, die Endredaktion lag bei Anke Nicolai. Die Hörtheaterfassung wurde realisiert von Förderband e.V. im Rahmen des Projekts „Berliner Spielplan Audiodeskription“.

Der weinrote Vorhang hebt sich.
Längs zum Publikum, leicht schräg, steht der geschlossene Holzcontainer in fahlem kaltem Licht. Feine Nebelwolken steigen aus der Dachluke empor.

Jetzt ist der Monolog zu hören und von Charlottes Stimme über Kopfhörer zwischendurch:

Der Nebelschleier schwillt an und legt sich über die Bühne.

Dichte Dunst-Schwaden breiten sich aus.
Links aus dem Container tritt Don Quijote und schreitet aus der Dunkelheit vor ins wärmer werdende Licht. Er hält inne und sieht zum Publikum. Rechts aus dem Container zwängt sich Sancho Panza. Quijote verschwindet links wieder darin. Panza nestelt am Ledergurt des Containers. Der ist nun hell und warm erleuchtet. Auch Panza tritt wieder hinein. Don Quijote stellt sich an die linke Ecke des Containers. Sein Knappe folgt ihm durch die linke Tür und positioniert sich neben ihm.

Don Quijote schnuppert.

„Hm.“

Sancho Panza fächelt sich Luft zu.

„Also ich rieche nichts.“

Don Quijote, gespielt von Ulrich Matthes, und Sancho Panza (Wolfram Koch) bestreiten, und das im wahrsten Sinn des Wortes, das Stück bis zum Schluß allein.
Sie riechen, hören, und sehen niemals dasselbe, weil die Gerüche, Geräusche und Bilder nur in Quijotes Fantasie vorkommen. Der behauptet zum Beispiel, 30 grimmige Riesen zu sehen mit Armen, die zwei Meilen messen, und gegen die er in die Schlacht ziehen muß.
Sancho Panzas Einwände, die Riesen seien Windmühlen und die Arme deren Flügel, prallen an Quijote ab.
Während Sancho Panza vom Dach des Containers dramatisch schildert, wie Quijote auf seinem Roß gegen die Windmühle galoppiert, tut sich auf der Bühne folgendes:

Quijote fährt die Teleskopstange aus und schwingt sie über den Köpfen der Zuschauer. Dann pendelt er die Stange über den ersten Parkettreihen hin und her.
Auf dem Container: Eine verschwommene Schattenprojektion rotierender Windmühlen-Flügel. Quijote sinkt zu Boden. Panza klettert vom Dach und eilt zu ihm.

Da liegt er nun geschlagen, der Ritter von der traurigen Gestalt. Aber wie sieht er eigentlich aus?
Anders als im Hörfilm gibt es bei Theaterstücken vorweg eine Einführung ebenfalls über Kopfhörer. Es werden unter anderem die Figuren und deren Kostüme und das Bühnenbild nebst Utensilien genau beschrieben.

Quijote hat einen grauen Schnauz- und Ziegenbart und trägt ein Basecap, das von einem Hut aus Aluminium verdeckt wird. Dieser ist entlang der Krempe mit einem bunten Blumenkranz geschmückt. Sein langes weißes Gewand fällt ihm bis zu den Knien. Der rechte Ärmel steckt in einem dunkelgoldenen metallenen Schuppenhandschuh. Über dem weißen Gewand trägt er ein ärmelloses Kettenhemd mit V-Ausschnitt. Unter dem Rock kommt hin und wieder eine graue Jogginghose mit zwei weißen Längsstreifen an den Beinen zum Vorschein. Seine Füße stecken in hohen spitzen Stiefeln in Schlangenleder-Look.

So hätte ich mir Quijote jedenfalls nicht vorgestellt.
Und nicht nur das, die gemeinsame Arbeit mit Charlotte an ihrem wohlformulierten Skript hat mir die Augen darüber geöffnet, wieviel ich beim ersten Theaterbesuch „ohne“ falsch oder gar nicht verstanden habe!
Sogar der große Container war mir entgangen, in dem die beiden verschwinden, wieder auftauchen, und den sie auch umherziehen.
Charlotte hatte ein kleines Holzkästchen mitgebracht. Um zu testen, ob ich die von ihr beschriebenen Bewegungen der Figuren richtig verstanden hatte, spielte ich mit zwei Teelichtern die Bühnensituation nach. Meistens lag ich richtig!

Und jetzt noch einmal auf die große Bühne.
Sie sind nie einer Meinung und es ist eine Wonne, Don Quijote und Sancho Panza beim Philosophieren mit viel Wortwitz zu lauschen!
In den wenigen Pausen, die sie lassen, ist Charlotte mit ihrer ruhigen Stimme immer mit den entsprechenden Beschreibungen zur Stelle. Und wenn ihr die beiden einmal zuvorkommen oder eine Geste unterschlagen, bringt sie das kein bißchen aus der Fassung.
Sie hat ihre Premiere, eine Live-Audiodeskription zu sprechen, mit Bravour bestanden!
Jetzt lasse ich aber schweren Herzens den weinroten Vorhang fallen.
Ich hoffe, ich konnte Lust auf den „Don Quijote“ mit Live-Audiodeskription machen und freue mich auf viele Theaterstücke, aber bitte immer einmal mit!

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