Amy

Ach ja, Amy!
Hätte ich doch die Chance genutzt und wäre damals, ich denke 2007, zu ihrem Konzert in das Berliner Tempodrom gegangen.
Im Radio erfuhr ich, daß sie etwas fahrig und unkonzentriert wirkte, sie bekam aber dennoch eine wohlwollende Kritik.

Eine Woche bevor sich Amy Winehouses Todestag zum vierten Mal jährte, kam am 16.07.2015 der Dokumentarfilm „Amy“ in die deutschen Kinos.
Erstaunlicherweise kann der Film bis jetzt nur knapp 54.000 Besucher verbuchen, das liegt vielleicht an den sehr sparsam und zu ungewöhnlichen Zeiten angebotenen Vorstellungen. Außerdem gibt es den Film nur auf Englisch im Original mit Untertitel zu sehen.

Am dritten Tag, Samstag abends um 23.00 Uhr, habe ich im ausverkauften Clubkino des Berliner Zoopalasts von Amy Abschied genommen. Das klingt vielleicht ein bißchen theatralisch, aber so war das eben.

Ich hatte gehofft, viele ihrer Songs, und nicht nur die gängigen, noch einmal ganz bewußt genießen zu können, und wurde nicht enttäuscht.
Bei ihrem Superhit „Back to Black” bekam ich schon immer beim ersten Takt eine Gänsehaut. Im Kino bei der tollen Akustik kam die Gänsehaut gleich bei der ersten der 128 Filmminuten und blieb mehr oder weniger bis zum Schluß.

Neben vielen Wegbegleitern aus ihrem privaten wie musikalischen Leben kommt natürlich auch Amy selbst einige Male zu Wort.
Ich bin immer wieder erstaunt, wie unterschiedlich die Sprech- und Singstimmen, besonders die der Sängerinnen, klingen.
Amy spricht eher leise in einer wesentlich höheren Tonlage als beim Singen, lispelt ein bißchen und ihre Stimme klingt sehr jung, ihrem zarten Alter entsprechend.
Wenn sie aber mit ihrer schönen, kräftigen, klaren, tiefen Stimme ganz ruhig und fast schon ein bißchen abgeklärt ihre traurigen Texte vorträgt, denke ich eher an eine gestandene Frau mit großer Lebenserfahrung.
Fast alle der Songtexte stammen aus ihrer Feder und sie meint, nur über Dinge schreiben zu können, die sie selbst erlebt hat.
Da tun sich schon Abgründe auf.
Insbesondere bei dem Titel „Back to Black“ hat sie, wie ich finde, einen Nerv getroffen. Wer ist nicht selbst schon mindestens einmal in seinem Leben back to black gegangen?
Ganz wichtig war es ihr, als Jazzsängerin anerkannt zu werden.
Die schönen und ganz schön traurigen Melodien nehme ich eigentlich nur wahr, wenn ihre dominante Stimme pausiert. Sie beherrscht perfekt die Kunst der musikalischen Pause.
Eine Pause genau an der richtigen Stelle, nicht zu lang und nicht zu kurz eben nicht zu singen oder sein Instrument nicht zu spielen, ist mindestens genauso schwierig wie das Singen oder Spielen an sich. Amy verzichtet auf Füllsel wie schubidu, lalala und yeahyeahyeah und Backgroundsänger(innen) sind mir auch nie aufgefallen.

Unmengen von Archivmaterial, zahllose Interviews mit Familie, Freunden und Vertrauten sowie von Freunden zur Verfügung gestellte Home Videos standen dem britischen Regisseur Asif Kapadia zur Verfügung. Er hatte die Qual der Wahl und mußte sich für die richtigen Ausschnitte entscheiden, um Amys grandiose wie traurige 27-jährige Biographie zu dokumentieren.
Etwas Skepsis kam bei einigen Filmkritikern auf, weil auch der sehende Zuschauer gelegentlich nicht einmal das Gesicht des gerade Sprechenden zu sehen bekommt und so über dessen Identität im Dunkeln gelassen wird.
Man könne so auch nicht an der Mimik beispielsweise die Aufrichtigkeit und Echtheit der Gefühle des Sprechenden erkennen.
Das war für mich nichts Außergewöhnliches, da ich immer an der Stimme die Gefühlsregungen meines Gegenübers eruiere.
Wegen meiner recht lausigen Englischkenntnisse hatte ich oft so meine Müh und Not, den Gesprächen bis ins letzte Detail zu folgen, besonders bei den teils nuschelnden Herren.
Sicherheitshalber werde ich mir die DVD noch einmal zu Hause mit einem Zuflüsterer anschauen, der der englischen Sprache besser mächtig ist als ich, oder der mir die deutschen Untertitel vorliest.

Aber mir kam es ja nicht darauf an, neue skandalöse Enthüllungen zu erfahren.
Auch inwieweit ihr Vater sowie ihr langjähriger Freund und kurzfristiger Ehemann Blake Fielder-Civil an ihren Drogenproblemen und letztlich an ihrem Tod eine Mitschuld tragen, kann ich am allerwenigsten beurteilen. Das Wort „Mitschuld“ bedeutet ja auch, daß es dabei zumindest noch einen Rest Eigenverantwortung gibt.
Einige ihrer Freundinnen aus der Zeit vor ihrer Karriere machten sich mit tränenerstickter Stimme Vorwürfe, Amy nicht oder erst viel zu spät geholfen zu haben.

Aber all denjenigen, die Amy beim Auftaktkonzert ihrer Europatournee in Belgrad im Frühling 2011 auf die Bühne schleppten, gehören meterlang die Ohren langgezogen.
Während der Autofahrt zum Londoner Flughafen lag sie im Koma, wurde in den Flieger verfrachtet und ist erst gegen Ende des Fluges ein bißchen zu sich gekommen.
In Belgrad hat man sie einfach auf die Bühne gestellt. Als sie keine Silbe über ihre Lippen bekommt, wird sie vom enttäuschten und wütenden Publikum ausgebuht.
Sie verläßt nicht nur für immer die Bühne, die Bretter, die die Welt bedeuten, sondern ungefähr zwei Monate später auch die Bühne des Lebens.

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