Blog Blindgaengerin

Autorenname: Barbara

Robert Redford in blauem Jeanshemd und brauner Wildlederjacke. Die Haare zerzaust, der Ausdruck zwischen Lächeln und Grinsen. Mit der erhobenen rechten Hand formt er eine Pistole nach. Sie zielt direkt auf den Betrachter.

Ein Gauner und Gentleman

„Jetzt oder nie, her mit der Marie!“ Nix da, die hat zu tun und bleibt schön auf ihrem Filmstreifen sitzen! Aber nicht Kinoblindgängers Maskottchen mit diesem wunderschönen Namen ist das Objekt der Begierde, sondern das liebe Geld. Die einen sagen auch Kohle, Asche, Schotter oder Kies. Die Österreicher nennen es eben Marie. Österreichische Bankräuber übrigens auch, so z. B. in dem Song der Band „Erste Allgemeine Verunsicherung“ über einen Banküberfall. Beweis ist obiges Zitat aus dem Songtext von 1985. Mit gleich mehreren Banküberfällen hat es Marie, so nennt Kinoblindgänger die barrierefreie Filmfassung, gerade zu tun bei „Ein Gauner und Gentleman“! Seit dem 28. März macht Robert Redford als Forrest Tucker diverse Banken in den Vereinigten Staaten unsicher, auf über 100 Leinwänden in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Überall dort kann dank der Marie, also mit der Audiodeskription und den erweiterten Untertiteln über die Greta und Starks App, die Verfolgung aufgenommen werden! Aber mit Banküberfällen hat sich die Kinoblindgänger gemeinnützige GmbH die nötige Marie für die Produktion der Marie nicht ergaunert. Das könnten die auch gar nicht! Forrest Tucker beherrscht diese Disziplin dafür um so besser und den Bankräuber aus Leidenschaft hat es wirklich gegeben. Aus dessen langen Karriere hat sich der Regisseur David Lowery für das Drehbuch nur ein paar Monate aus dem Jahr 1981 herausgepickt. Da war Forrest 71 Jahre alt und trotz vieler Gefängnisaufenthalte kein bißchen überfallmüde! Robert Redford, nun etwas über 80, möchte seine ebenfalls sehr lange Karriere mit der Rolle als Forrest beenden. Sie ist ihm auf dem Leib geschneidert. Aber vorher muß er noch einige Banken überfallen und ein akustischer Beweis, wie ruhig, geschmeidig und höflich er dabei vorgeht, ist dieser Hörschnipsel: Fehlt eigentlich nur noch, daß sich Forrest namentlich vorstellt. Soweit geht er aber dann doch nicht. Als er die bezaubernde Jewel (Sissy Spacek) kennenlernt, behauptet er, sein Name sei Bob und er verdiene sein Geld als Handelsvertreter. Wenn er nicht gerade Banküberfälle plant oder Bankfilialen seine Besuche abstattet, verbringt er jede freie Minute mit ihr und sie reden über Gott und die Welt. Da haben sich zwei einsame Seelen getroffen und gefunden. Sie nähern sich ganz vorsichtig an und es ist eine große Freude, die beiden zu beobachten. Nur mit den Ohren geht das jetzt und hier ansatzweise mit Hörschnipsel Nummer zwei: Aber kann das mit den beiden etwas werden? Zumal sich das Netz der Ermittlungsbehörden um Forrest immer enger zuzieht. Den scheint das aber nicht im Geringsten zu beunruhigen. Er und seine zwei Komplizen, einer wird von Tom Waits gespielt, machen munter weiter. Mit dem Polizisten John Hunt (Casey Affleck) spielt er sogar ein bißchen Katz und Maus. Vielleicht ist Forrest deshalb die Ruhe in Person, weil er seine vielen Gefängnisaufenthalte meistens mit spektakulären Ausbrüchen abkürzen konnte. Diese werden, 16 an der Zahl, nacheinander in kurzen Szenen und ohne ein gesprochenes Wort gezeigt. Die ersten sechs gibt’s im dritten Hörschnipsel: Besonders dieser letzte Schnipsel beweist, wie unverzichtbar die Audiodeskription ist, um der Handlung folgen und den Film genießen zu können. Den Text der Audiodeskription erarbeiteten Inga Henkel und ich, die Redaktion machte Lena Hoffmann. Wir hatten alle drei sofort eine Frauenstimme für das Einsprechen des Textes im Ohr und entschieden uns schnell für die sehr erfahrene Ilka Teichmüller als Sprecherin. Ihre Stimme hebt sich deutlich von denen der Protagonistinnen ab. Sie klingt ein bißchen rau, ein bißchen energisch, aber auch einfühlsam, je nach der Situation. Eben einfach passend zum Gauner und Gentleman! Für die fantastische Filmmusik, die einen in die Zeit Ende der 70er, Anfang der 80er driften läßt, fallen mir Attribute ein wie: Leicht, beschwingt, spannungserzeugend, melancholisch, traurig, fröhlich und auch rockig! Unter die meist instrumentale Musik mischen sich Stücke von Scott Walker, Jackson C. Frank und mein absoluter Favorit: The Kinks mit Lola! Und jetzt ist der Film leider schon zu Ende und ich spreche noch ein letztes Mal über das liebe Geld. Selbiges wird nämlich dringend benötigt, um weitere so tolle Filme barrierefrei machen zu können. Damit die Kinoblindgänger gGmbH nicht doch unter die Bankräuber gehen muß, verweise ich hier auf die Seite https://www.kinoblindgaenger.com/spenden/ Dort gibt es mehrere Möglichkeiten, die Marie zu unterstützen. Ich sage schon einmal vielen Dank!

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Auf einem Badezimmer-Waschbecken stehen links und rechts außen zwei Zahnputzbecher mit Zahnbürsten darin. In der Mitte über dem Wasserhahn hängt das Cover einer LP. Darauf vor dunkelblauem Hintergrund Heinz Rudolf Kunze. Er trägt ein rotes Jackett und springt in die Luft. Dabei hält er eine weiße halbakustische Gitarre. Der Titel der LP lautet "Dein ist mein ganzes Herz".

Wie gut ist deine Beziehung?

Was für eine Frage! Ich taste mich an dieses Thema ganz vorsichtig mit Heinz Rudolf Kunzes größtem Hit von 1986 heran. Das ist nämlich ein Liebeslied! „Wir haben uns auf Teufel-komm-raus geliebt.“ So leidenschaftlich geht‘s in „Wie gut ist deine Beziehung?“ nicht zu. Längst hat sich bei Steve (Friedrich Mücke) und Bob (Bastian Reiber) Beziehungsroutine eingeschlichen, als es eines Tages passiert: „Dann kam er und wir wußten nicht mehr weiter.“ Harald (Michael Wittenborn) heißt er. Der hat es aber weder auf Steve noch auf Bob abgesehen. Das wäre auch wenig erfolgversprechend. Die beiden Anfang 40-jährigen Softwareentwickler sind einfach nur gute Freunde. Steve führt seit einigen Jahren mit Carola (Julia Koschitz) und Bob mit Yvonne eine gute Beziehung. Glauben die beiden Männer jedenfalls. Aber zumindest Bob irrt sich gewaltig. Für ihn kommt der Teufel Harald wie aus dem Nichts. Und zu seinem Entsetzen ist der Neue deutlich älter und auch noch Tantra-Lehrer. Im Gegensatz zu Bob weiß Yvonne ganz genau, was zu tun ist, und setzt ihn kurzerhand vor die Tür. So was soll’s nicht nur im Film geben. Aber das, was diese Trennung bei Steve auslöst, schon. Steve befürchtet jetzt auch für sich das Schlimmste und doktert fast paranoid solange an seiner eigentlich intakten Beziehung herum, bis diese beinahe in die Brüche geht und dann wirklich gerettet werden muß. Ein typischer Fall von Verschlimmbesserung! Ausgedacht hat sich das der Regisseur Ralf Westhoff und ich hatte wie alle im Kinosaal für knapp zwei Stunden meinen Spaß! Ich mag’s, wenn verbale Fetzen und Spitzen durch die Luft fliegen. Und das auch noch von einem rundum sympathischen Ensemble. Da haben die Beziehungen garantiert gestimmt! Aber irgendwas sträubt sich in mir, bei der emotionalsten und intimsten Bindung zwischen zwei Menschen von einer „Beziehung“ zu sprechen. Heinz Rudolf Kunze geht das wohl nicht anders! „Was sind das bloß für Menschen, die Beziehungen haben, betrachten die sich denn als Staaten? Die verführen sich nicht, die entführen sich höchstens.“ Es kommt fast einer Entführung gleich, als Steve Carola eines Abends überrumpelt und geheimnistuerisch von ihrer geliebten Couch wegschleppt. Sein Plan, den Abend romantisch ausklingen zu lassen, geht allerdings nicht auf. Carola schläft völlig erschöpft ein. „Die enden wie Diplomaten.“ Und zwar wie gescheiterte! Steve gesteht sich ein, daß wenn er nichts gemacht hätte, auch gar nichts passiert wäre. Eine großartige Erkenntnis! Carolas beste Freundin Anette, sehr cool gespielt von Maja Beckmann, hält nichts von Diplomatie im Beziehungstheater. Sie bevorzugt die Hau-drauf-Methode. Eine Beziehung kommt für sie nur in Form einer Diktatur in Frage. Deshalb ist sie wahrscheinlich auch Single. Aber auch hinter ihrer rauhen Schale steckt ein weicher Kern. Als sich Steve endlich auf den Weg macht, sich mit Carola auszusprechen, gibt Anette ihm den Tip, wo er sie findet. Er müsse nur der Spur der Tränen folgen, das hat sie so schön gesagt! Und jetzt zu meiner Beziehung zur Greta App, die wieder einmal hervorragend war! Die Sprecherin Ilka Teichmüller hat sich in den ersten extrem dialoglastigen Minuten in jeder noch so kleinen Pause mit knappen Informationen zu Wort gemeldet, ohne gehetzt zu klingen. Dafür wurde z.B. bei der Yogasitzung kein Wort gesprochen und es war schön, nur ihrer Stimme zu lauschen. Daß ich die Übungen beinahe hätte mitmachen können und auch sonst immer im Bild war, ist das Verdienst des Hörfilmbeschreiber-Teams. Beteiligt an der Hörfilmfassung waren: Filmbeschreibung: Martina Reuter, Klaus-Jörg Kaminski Redaktion: Noura Gzara Aufnahmetechnik: Milan Pfützenreuter Regie: Klaus-Jörg Kaminski, Roger Zepp Und jetzt noch einmal Herr Kunze bitte: „Wo du nicht bist, kann ich nicht sein.“ Ja, unbedingt, aber muß das auch schon frühmorgens im Badezimmer sein? Wenn’s nach mir bzw. uns geht, auf keinen Fall! Mich schaudert’s immer wieder, wenn sich, wie in deutschen Filmen sehr beliebt und so auch hier, die Paare gleich morgens zähneputzend so schrecklich wach und angeregt unterhalten. Aber: „Ich möchte gar nichts andres ausprobieren.“ Stimmt zu 100 %! Ich hoffe, Heinz Rudolf Kunze verzeiht mir, daß ich sein Lied ein bißchen zerstört habe. Zur Versöhnung schmettere ich zum Schluß aus voller Kehle: „Dein ist mein ganzes Herz, du bist mein Reim auf Schmerz. Wir werden Riesen sein, uns wird die Welt zu klein!“

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Der Ausstellungsführer, dargestellt, von Lars Eidinger, steht vor einer einer Wand, an der mehrere gerahmte Bilder aufgehängt sind. Sie zeigen moderne, in der Ausstellung als "entartet" bezeichnete Kunst.

Das „Werk ohne Autor“…

…hat mich ohne Vorwarnung eiskalt erwischt! Kaum im extrem bequemen Sessel in einem der stylischen Kinosäle des Berliner Delphi Lux eingekuschelt, schoß mir durch den Kopf: „Was hätten die damals wohl mit mir angestellt? Vielleicht dasselbe wie mit Elisabeth?“ Im Frühjahr 1937 besucht die hübsche und lebenslustige junge Frau mit ihrem fünfjährigen Neffen Kurt in Dresden eine Wanderausstellung über entartete Kunst. Der Ausstellungsführer (Lars Eidinger) gibt zu den Exponaten namhafter Künstler seinen braunen Senf. Den verschärft er dann sinngemäß mit folgender Bemerkung: „Nur Betrachter mit krankhaft sehgeschwächten Augen könnten dies als Kunst bezeichnen und deren Leben müßte sowieso als nicht lebenswertes ausgemerzt werden.“ Das hat gesessen! Als Elisabeth, sehr intensiv und berührend gespielt von Saskia Rosendahl, diese Worte hört, ahnt sie noch nicht, welche grausame Wendung ihr Leben nur ein Jahr später nehmen wird. Bei Elisabeth ist es kein Augenleiden, sondern eine in einem zweifelhaften Verfahren diagnostizierte Schizophrenie. Damit fällt sie unter das Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses. Dort ist die Zwangssterilisation von vermeintlich genetisch Kranken unter anderem bei Schizophrenie und erblicher Blindheit und Taubheit vorgesehen. Hilflos muß Elisabeths Familie zusehen, wie sie abgeholt, in einen Krankenwagen verfrachtet und abtransportiert wird. Dieses Drama bleibt auch dem nun sechsjährigen Kurt nicht erspart. Mir gingen ihre verzweifelten Schreie und die Brutalität, mit der sie überwältigt wird, lange nicht aus dem Kopf. Noch beklemmender ist ihr von vornherein aussichtsloser Versuch, den Leiter der Dresdner Frauenklinik, Prof. Seeband (Sebastian Koch), von der Durchführung der Zwangssterilisation abzubringen. Ganz im Gegenteil, von Elisabeths Auftritt gereizt, setzt der SS-Obersturmbannführer noch eins drauf, nämlich ein rotes Pluszeichen in ihre Akte. Das ist ihr Todesurteil. Im Film wird Elisabeth im Februar 1945 mit einigen anderen Frauen vergast. Aber mußte das wirklich sein, den qualvollen Tod der entblößten Frauen bis zum letzten Atemzug in der Gaskammer mit der Kamera einzufangen? Zumal seit 1943 vor allem systematisches Aushungern und das Verabreichen überdosierter Medikamente die Tötungsmethoden in der Erwachsenen-Euthanasie waren. Nur die Namen, aber nicht die Figuren in „Werk ohne Autor“ sind frei erfunden. Denn inspiriert hat den Regisseur Florian Henckel von Donnersmarck das Leben und Wirken eines Anderen. Der 1932 in Dresden geborene Gerhard Richter gilt als Deutschlands bedeutendster zeitgenössischer Maler und genießt Weltruhm. Ich – zugegebenermaßen eine Banausin rein visueller Kunst – scheine die einzige zu sein, der dieser Künstler bis jetzt kein Begriff war. Der Figur der Elisabeth liegt das Schicksal von Richters Tante Marianne Schönfelder zugrunde. Ihr Tod ist in einer Akte der sächsischen Heil- und Pflegeanstalt Großschweidnitz, einer Tötungsanstalt für psychisch und geistig Erkrankte, auf den 16. Februar 1945 datiert. Man geht davon aus, daß sie dort elend verhungerte. Vielleicht veranlaßte auch die – wie ich finde – unnötige Abweichung von der Realität Gerhard Richter zu seiner Kritik an von Donnersmarcks Werk, hier nachzulesen: http://www.spiegel.de/kultur/kino/gerhard-richter-ueber-henckel-von-donnersmarck-er-hat-es-geschafft-meine-biografie-zu-missbrauchen-und-uebel-zu-verzerren Aber jetzt war auch im Film der Krieg vorbei und meine düsteren Gedanken verflogen. Die nächsten 20 Jahre dauerten im Kino zwei Stunden und die vergingen wie im Flug! Daß sich Kurt (Tom Schilling), inzwischen Student der Malerei, ausgerechnet in die bildhübsche Tochter des Mannes verliebt, der seine Tante in den Tod geschickt hat, hat sich nicht der Regisseur, sondern das Leben ausgedacht. Und die junge Frau, gespielt von Paula Beer, heißt auch noch Elisabeth. Gerhard Richters erste große Liebe hatte ebenfalls denselben Vornamen wie seine Tante Marianne und war die Tochter des Gynäkologen und SS-Arztes Heinrich Eufinger. Über den an Richters Biographie angelehnten Film wurde seit der Premiere in Venedig im September extrem heftig und kontrovers diskutiert. Ich habe versucht, alles vorher Gehörte auszublenden, und bin nun ein bißchen hin- und hergerissen. Tendenz aber positiv, allein schon wegen des ersten Teils! Und allen Kritikern zum Trotz ist „Werk ohne Autor“ gleich zweimal für den Oscar nominiert, herzlichen Glückwunsch! Wenn ich das richtig sehe, ist er der einzige unter den vielen Oscar-Kandidaten, der im Kino mit Audiodeskription und erweiterten Untertiteln über die Greta und Starks App erlebbar ist. Das ist eigentlich eine sehr traurige Bilanz! Viele Geschehnisse, vor allem die, die nur mit Musik unterlegt waren, hätte ich ohne Hörfilmbeschreibung nicht verstanden. Und wer sonst hätte mir die vielen Bilder und modernen Kunstwerke beschrieben? Die sehr gut gelungene Audiodeskription hat gleich zwei Autoren, Katrin Reiling und Klaus Kaminski. Redaktion führten Noura Gzara und Roger Zepp. Ganz besonders hat mich gefreut, die mir vertraute Stimme des Sprechers Andreas Sparberg zu hören! Die Audiodeskription konkurriert als eine von fünf Nominierten beim Deutschen Hörfilmpreis im März um eine Adele, meine Glückwünsche auch hierzu! Die Autorin des Blogbeitrags macht jetzt Schluß, die hat’s nämlich schon wieder erwischt, diesmal aber nur erkältungsmäßig.

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Die Blindgängerin im roten Pulli und Jeans steht neben einem Berliner Taxi. Der Taxifahrer hinterm Steuer reicht ihr lächelnd einen großen goldenen Schlüssel durchs Seitenfenster.

Drei zündende Momente

Ein Schlüsselerlebnis, mein erster Artikel und der Anstupser einer sehr guten Freundin waren die Auslöser, meine blogfreie Zeit zu beenden. Und ich würde das immer wieder tun! Die Blindgaengerin.com ging Mitte Januar 2015 online. Daß der Starttermin auf einen Donnerstag fiel, war kein Zufall. Denn Donnerstag ist Kinotag! Daß ich ausgerechnet jetzt noch einmal im Blog über den Blog laut nachdenke, liegt an Anna Koschinskis schönen Idee einer Blogparade zu dem Thema „Warum ich mit dem Bloggen angefangen habe“. Und weil es längst nicht mehr beim Füttern der Blindgängerin mit Artikeln geblieben ist, hab ich’s gerade noch so geschafft, mich wahrscheinlich als Schlußlicht in die Blogparade einzureihen! Das Schlüsselerlebnis: „Das Blindsein, spielen Sie das eigentlich nur?“ Als mich vor Jahren ein Berliner Taxifahrer (nicht der freundliche Herr auf dem Foto!) mit dieser Frage irritierte, dachte ich, ich sei im falschen Film. Dabei war ich doch gerade erst auf dem Weg ins Kino, bewaffnet mit meinem weißen Langstock. Trotz beharrlichen Nachfragens, wie er auf diese absurde Idee komme, meinte er nur, „manche Leute haben halt so einen Tick“. Was gelegentlich vorkommen kann: Der Groschen fiel bei mir erst etwas später. Und was für mich das Normalste der Welt ist, schien für den Taxifahrer außerhalb jeglicher Vorstellungskraft, nämlich daß ein blinder Mensch ins Kino geht und dabei auch noch Spaß haben kann. Darüber besteht in der sehenden Welt wohl noch großer Aufklärungsbedarf, dachte ich schon damals bei mir! Mein erster Artikel: „Hast du Lust, über den Film „Monsieur Claude und seine Töchter“ für ein Magazin zu schreiben?“ Ja, die hatte ich und ohne weiter nachzudenken, begeistert zugesagt! Aber ein bißchen mulmig war mir dann schon. Gestellt hatte mir diese Frage jemand vom Team der Greta und Starks App im Sommer 2014. Damals gab es die App, mit der sehbeeinträchtigte Kinobegeisterte im Kinosaal voll auf ihre Kosten kommen, gerade ein halbes Jahr. Der Artikel über meine Erlebnisse mit der App bei „Monsieur Claude und seine Töchter“ war schneller fertig als gedacht. Und Spaß hat’s auch gemacht. Der Anstupser: „Dann fang doch an zu bloggen!“ Dein Artikel liest sich locker weg und ich hatte beim Lesen immer deine Stimme im meinem geistigen Ohr. Überleg dir ein Thema und schreib, aber regelmäßig, sonst stirbt dein Blog, bevor er richtig angefangen hat. So in der Art waren die Worte einer sehr guten Freundin bei Tapas und Wein, die immer gerade heraus sagt, was sie denkt. Und ein paar Minuten später lag mir zwischen zwei Bissen schon ein Name für den Blog auf der Zunge. Der kam – kaum ausgesprochen – gut an! Und als von jeher leidenschaftliche Kino-Blindgängerin lag der thematische Schwerpunkt sowieso auf der Hand. Und nu, wie wird aus der Idee ein Blog? Ich hatte keine Ahnung vom organisatorischen und technischen Ablauf. Ehrlich gesagt, war mir auch nicht klar, wieviel Schreibarbeit auf mich zukommt, bevor der erste Artikel veröffentlicht sein würde. Und ohne die geduldigen, lieben und auch professionellen Helfer wäre die Blindgängerin immer noch nichts als eine Idee! Das Auge liest mit! In jedem meiner Texte steckt sehr viel Herzblut, und zwar das von mir! Mein Anspruch ist, bloß nicht zu langweilen und den roten Faden, den ich mir überlegt habe, immer im Blick zu behalten. Ich sitze also an meinem Rechner und schreibe solange an einem Text, bis mir gefällt, was mir der Screenreader vorliest. Aber der Inhalt ist nicht alles. Wenn im wahrsten Sinne das Auge mitliest, ist ein ansprechendes Layout unverzichtbar. Bei der optischen Gestaltung des Blogs mußte ich mich blind auf meine Helfer verlassen und das Ergebnis kann sich, wie ich sehr oft zu hören bekomme, sehen lassen! Leider nicht von mir, was mich doch ein bißchen traurig stimmt! Auf wen soll der Funke überspringen? Grundsätzlich auf alle, ob sehend oder nicht, ob kinobegeistert oder Kinomuffel! Der sehenden Welt möchte ich Einblicke in die Kinowelt der Nichtsehenden gewähren und den Kinoblindgängern -so nenne ich diesen Teil der Zielgruppe- Lust aufs Kino machen. Denn das barrierefreie Kino hat im Jahr 2014 mit der Greta und Starks App und dank gesetzlicher Neuregelungen einen großen Schritt nach vorne getan. Und man stelle sich vor, es gibt barrierefreies Kino und kein Kinoblindgänger geht hin! Über die Jahre ist in der Kategorie „Gesehen Gehört“ eine beachtliche Filmliste zusammengekommen, die immer noch besagter Artikel eröffnet: „Ich gehe jetzt wieder öfter ins Kino und nehme Greta mit“ Was genau ist eigentlich die Greta und Starks App? Nicht nur darüber gibt’s Informationen in der Kategorie „Kino für die Ohren: Wie funktioniert’s?“ Was mich von meinen männlichen Namensvettern unterscheidet Blindgänger schlummern Jahrzehnte verborgen und zum Glück ruhig unter der Erde. Ich dagegen stehe mit beiden Beinen mitten im Leben, gehe offen und unbefangen auf andere Menschen zu und bin viel „Hier und da unterwegs“. Werden Blindgänger zufällig entdeckt und man geht ihnen auf den Zünder, besteht höchste Explosionsgefahr. Wenn man mir auf den Zünder geht, explodiere ich zwar nicht, das wäre auch blöd, weil so final, werde mich aber dann in meinem Blog darüber auslassen! Siehe „Eingemischt in die Film- und Förderpolitik“ und „Verflixt noch mal“. So kam eine Kategorie zur anderen. Jetzt muß ich den gewissen roten Faden leider kappen und zum Schluß kommen. Denn die Zeit drängt! Der Text muß noch strukturiert und Korrektur gelesen werden, bevor er in den Blog eingestellt wird. Dann muß noch eine zündende Idee für ein passendes Foto her und auf den Auslöser gedrückt werden. Damit gehe ich wie immer meinem geliebten Adlerauge auf den Zünder! Aber soviel Zeit muß sein, allen einen wunderschönen vierten Advent und eine ruhige Weihnachtszeit zu wünschen. Aber noch keinen guten Rutsch ins neue Jahr, ich werde nämlich noch einmal in 2018 aktiv!

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Die Blindgängerin hält eine Filmklappe in den Händen. Sie trägt ein weißes T-Shirt mit dem Aufdruck „And Action“. Im Hintergrund das Palais am Funkturm und der Funkturm hell erleuchtet vor dem schwarzen Nachthimmel.

Filmklappe für die Barrierefreiheits-Lolas

Die Klappe halten, geht gar nicht! Deshalb habe ich mir schon das ein oder andere Mal die Zunge verbrannt. Bei Filmklappen ist das etwas anderes. Ich konnte es kaum erwarten, selbige zu halten, um damit nach langer Vorbereitungszeit die Initiative für zwei „Barrierefreiheits-Lolas“ beim Deutschen Filmpreis zu starten. Seit dem 30. Oktober ist diese Initiative der Kinoblindgänger gGmbH online auf http://www.kinoblindgaenger.com Und ganz wichtig: Dort können alle, die möchten, diese Initiative mit ihrer Unterschrift unterstützen! Das mittlerweile vierköpfige Team von Kinoblindgänger hofft auf zahlreiche Nutzung des so einfach wie möglich gehaltenen Unterschriftsformulars!!! Den Anfang machte übrigens Elisabeth Motschmann, die Sprecherin für Kultur und Medien der CDU/CSU-Bundestagsfraktion! Und worum geht es bei der Kampagne noch einmal konkret? Die Kinoblindgänger gGmbH tritt ein für zwei neue Lolas beim Deutschen Filmpreis in den Kategorien „Beste Filmfassung nur für die Augen“ (erweiterte Untertitel) und „Beste Filmfassung nur für die Ohren“ (Audiodeskription) Darüber entscheidet die Kulturstaatsministerin Monika Grütters, an die der offene Brief adressiert ist, den wir natürlich auch auf der Kinoblindgängerseite veröffentlicht haben. Neben dem Brief ist dort eine sehr beeindruckende Liste der Erstunterstützerinnen und -unterstützer zu sehen. Und jetzt seid ihr dran! Jede weitere Unterschrift hilft den „Barrierefreiheits-Lolas“ auf den Weg: Nämlich über den roten Teppich in das Palais am Funkturm in Berlin. Dort werden in jedem Frühjahr die Lolas beim Deutschen Filmpreis vergeben. Also: “Neue Lolas die Erste, Klappe, and Action!”

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Ein Sandbild, es entsteht durch Streuen von Sand und Wischen mit den Händen. Rechts der Kopf eines Mädchens mit langem Haar. Links ein Mädchen, daß im Sand sitzt. Von oben strecken sich ihr zwei schützende Hände entgegen. Die Hand der Künstlerin ist zu sehen, wie sie durch Wischen im Sand das Bild zeichnet.

Sandmädchen

Neugierig geworden, wer sich dahinter verbirgt? Jedenfalls nicht das weibliche Pendant zum Sandmännchen, der Verkleinerungsform des Sandmanns, einer in der europäischen Mythologie angesiedelten Sagengestalt. Der Sandmann besucht, so ist es überliefert, des Abends die Kinder. Er streut ihnen Sand in die Augen, der sie schlafen läßt und für gute Träume sorgt. Auch die Vergrößerungsform von Sandmädchen, die Sandfrau, zielt in eine völlig falsche Richtung. Geht ein homosexueller Mann zur Tarnung seiner sexuellen Ausrichtung eine Beziehung mit einer Frau ein, wird diese als „Sandfrau“ bezeichnet. Des Rätsels Lösung, wer „Sandmädchen“ ist, gibt’s seit dem 18. Oktober im Kino! In dem Dokumentarfilm, den ich allen wärmstens ans Herz legen möchte, spielt Sand eine ganz wichtige Rolle. Gerieben habe ich mir die Augen aber vor Erstaunen und nicht wegen lästiger Sandkörnchen. Ein bißchen dauerte es, bis ich die von einer Frauenstimme behutsam und doch selbstbewußt vorgetragenen Texte mit der Protagonistin und Autorin Veronika Raila in Verbindung brachte. Aber dann verschmolzen die beiden für mich zu einer Einheit. Jana Wand spricht auf ganz natürliche Weise der 26-jährigen Veronika, die sehen und hören, aber nicht sprechen kann, im wahrsten Sinne des Wortes aus der Seele. Analytisch, philosophisch, bedrückend und doch lebensbejahend sind die Gedanken der jungen Frau, welche sie, assistiert von ihrer Mutter, zu Papier bringt. Veronika Raila ist Autistin, hypersensibel und von Geburt an schwer körperlich beeinträchtigt. Von der Hand ihrer Mutter gestützt, wählt sie zunächst mit über der Tastatur schwebendem Finger den gewünschten Buchstaben aus. Die Mutter führt den Finger ihrer Tochter dann auf die entsprechende Taste. Was uns unvorstellbar kompliziert und zeitaufwendig scheint, ist für Veronika, abgesehen von minimalen Gesten, die einzige Möglichkeit, sich der Welt mitzuteilen. So schreibt und veröffentlicht die Studentin der Literatur und Theologie ihre Texte in Prosa und Lyrik. Und das, obwohl ihr als Kind ein IQ von Null attestiert wurde. Der lange Weg zu diesem Befreiungsschlag war nur wegen des großartigen Engagements der Eltern und deren starken Glaubens an ihre Tochter möglich. Veronika Raila führt ein ziemlich selbstbestimmtes Leben. Ob sie ihr langes blondes Haar hochgesteckt, offen oder als Zopf trägt, entscheidet sie selbst. Im Film wünscht sie einmal einen Zopf und zeigt das ihrer Mutter mit einem langgestreckten Finger. Das ist vielleicht eine alltägliche Kleinigkeit. Keine Kleinigkeit ist aber dieser bewegende Film, bei dem sie mit dem Regisseur Mark Michel auf Augenhöhe arbeitete. Daß ich auf Augenhöhe über „Sandmädchen“ mitreden und vor allem schreiben kann, liegt an der von dem Sprecher sehr feinfühlig eingesprochenen Audiodeskription. Die nahm ich mit der Greta und Starks App in den Kinosaal. Mir hat sich mit dem sorgfältig formulierten Text der Hörfilmbeschreibung einen Spaltbreit die Tür zu Veronikas Alltag und dem ihrer Familie geöffnet, in dem es sehr ruhig und besonnen zugeht. Aber wir erleben sie auch an der Uni bei einer Vorlesung oder auf einer Düne am Meer. Zum Plätschern von Wellen an einem Strand und während der Wind dazu rauscht, spricht Jana Wand folgende Gedanken Veronikas aus: „Der Wind singt vom ewigen Vergehen, der Sand vom immerwährenden Aufbau. Der Wind des Lebens formt meine Körnchen immer wieder neu.“ Und immer wieder läßt die Künstlerin Anne Löper passend zu Veronikas Texten flüchtige, aber beeindruckende Sandbilder entstehen! Mehr möchte ich jetzt nicht mehr verraten und hoffe, ich konnte neugierig auf das „Sandmädchen“ machen. Aber ein Zitat von Veronika Raila muß noch sein: „Das Leben ist eine wunderbare Sache, wenn man es leben kann.“

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Die Blindgängerin mit Helm und Rucksack hockt auf einer Wiese am Boden. Sie hält Seile mit Karabinerhaken in den Händen. Die große weiße Plane hinter ihr soll einen entfalteten Fallschirm nach der Landung darstellen. Auf ihrem dunkelblauen T-Shirt steht in weißer Schrift “Mission Possible“.

Mission: Impossible – Fallout

„Alles Gute kommt von oben.“ Diese Redensart biblischen Alters hat ihren Ursprung im Brief des Jakobus, dort heißt es: „Alle gute Gabe kommt von oben herab, von dem Vater des Lichts.“ Wie auch immer, seitdem sich der Mensch mit todbringenden Waffen im Gepäck in die Lüfte aufschwingen kann, kommt viel zu viel Schlechtes von oben. Und im Nuklearzeitalter muß er nicht einmal das. Alles, was nach oben entweicht, wird zwar zunächst vom Winde verweht, kommt aber unweigerlich irgendwann irgendwo wieder auf die Erde zurück. Er ist nicht zu hören, zu sehen, zu fühlen oder zu riechen, der radioaktive Niederschlag bzw. Fallout, ausgelöst von einer atomaren Explosion am Boden! Um die Welt vor solch einer Katastrophe zu retten, wird das Team von Ethan Hunt (Tom Cruise) losgeschickt zur sechsten „Mission: Impossible – Fallout“ Ich schickte mich auch, nämlich an, wieder einmal allein ins Kino zu gehen. Dabei entschied mich für den Zoopalast Berlin. Wie bei all meinen Alleingängen in den Kinos begleitete mich auch hier das aufmerksame nette Kinopersonal bis zu meinem Platz und versorgte mich mit Getränken usw. Die jungen Leute waren sehr interessiert, wie ich von dem Film überhaupt etwas mitbekommen könnte. Eine Audiodeskription für den US-amerikanischen Actionthriller gäbe es zwar nicht, meinte ich etwas enttäuscht. Aber ich hatte mir extra mein Shirt mit dem Aufdruck „Mission Possible“ übergestreift und war gespannt, was geht! Ein besonderes Highlight würde für mich die Filmmusik sein, bei der ich jedesmal eine Gänsehaut bekomme, und natürlich der Sound im größten Saal des Zoopalasts. Der war wieder einmal grandios, kam von oben und einfach von überall und konnte mich über die ein oder andere gefühlte dialogfreie Ewigkeit hinwegtrösten. Aber ich hätte doch zu gerne etwas über Ethan Hunts Körperhaltung und Mimik erfahren, als er im freien Fall von sehr weit oben kam. Zumal sich Tom Cruise dabei, wie bei allen anderen waghalsigen Szenen auch, nicht doubeln ließ. Abgesehen von dem Detail, daß sich sein Fallschirm extrem niedrig über den Dächern von Paris öffnete, schwebte ich nur im Dunkeln so mit. Etwas später raste ich wohl immer haarscharf an höllischen Abgründen vorbei. Ich glaube es war Benji (Simon Pegg) aus Ethan Hunts Team, der sich laut fragte: „Zur Hölle, was macht er da?“ Diese Frage blieb für mich wie viele weitere offen! Zu hören waren das Aufheulen von PS-starken Motoren, berstendes Metall, das Splittern von Glas, quietschende Bremsen, Rufe, Schreie und Schießereien. Mindestens einmal stürzte etwas in ein Gewässer. Im nachhinein mußte das die Seine gewesen sein. Man war also immer noch oder schon wieder in Frankreich. Zum Beschreiben wäre bei diesen beiden actionlastigen Beispielen viel Zeit gewesen. Und allen, die wie auch ich mit Hörfilmbeschreibungen zu tun haben, hätte es in den Fingern gejuckt! Mein Rettungsanker war dann die Filmmusik. In meinem Sessel versunken lauschte ich dem unsichtbaren Orchester und war überrascht, als nach über zwei Stunden plötzlich Schluß war. Dabei zog sich das Thema der Filmmusik wie ein roter Faden durch das Spiel der fantastischen Musiker. Die tiefen Klänge der Celli verbreiteten Dramatik und kündigten Gefahr an. Die gipfelte dann im schnellen nervenzerreißenden Gefiedel der Violinen. Die Bläser und Hörner bliesen zum Angriff und die fantastischen Percussion-Einlagen brachten noch einmal mehr Geschwindigkeit in die Sache. So dachte ich mir das wenigstens! Zusammengefaßt hatte ich eher einen schönen Konzert- als Kinoabend. Meine Mission, möglichst viel vom Film mitzubekommen, war tendenziell eine unmögliche. Aber den Blick statt nach oben nach vorne gerichtet, glaube ich an eine siebte „Mission: Impossible“ mit Audiodeskription und erweiterten Untertiteln über die Greta und Starks App! Denn nichts ist unmöglich!

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Die Blindgängerin schwimmt im Wasser mit einem aufblasbaren Schwimmring, der das Muster einer Ananas hat. In der rechten Hand hält sie eine Wasserflasche.

303

Wasser ist ein herrliches Element! Das finden auch Jule (Mala Emde) und Jan (Anton Spieker) unterwegs in einem „303“! Die beiden tun sich auf einer Berliner Raststätte spontan zu einer Fahrgemeinschaft zusammen. Das Ziel ist Spanien beziehungsweise Portugal. Auf dem sehr weiten Weg wird das Wohnmobil, ein 30 Jahre alter Mercedes 303, immer wieder an Gewässern geparkt. Dann schlendern die zwei zu einem Kanal in einem hübschen alten Städtchen, schwimmen in einem idyllischen See, picknicken am sanften Ufer der Loire oder surfen in der stürmischen Brandung an der französischen Atlantikküste. Kurz vorm Ziel nehmen Jule und Jan noch ein unfreiwilliges Bad im eiskalten Wasser eines Gebirgsbachs. Aber da war doch was mit dem H2O im Chemieunterricht? Jule studiert Biologie und ihr stünden bestimmt auch die Haare zu Berge: Wissenschaftlich betrachtet, ist Wasser ist natürlich kein Element! Die Grundlage des Lebens auf der Erde ist eine Verbindung von zweien der 118 bekannten Elemente: Wasserstoff und Sauerstoff. Wem ist beim Trinken oder dem Sprung ins kühle Naß schon bewußt, daß dies nur möglich ist, weil sich vor Urzeiten je zwei Wasserstoffatome und ein Sauerstoffatom zu unzähligen Wassermolekülen zusammengefunden haben? Dieser längst abgeschlossene Prozeß funktionierte, weil – unwissenschaftlich ausgedrückt – die beiden Elemente wegen ihrer Gegensätzlichkeit zueinanderstrebten, vorausgesetzt, sie waren frei! Jan und Jule liegen vor allem mit ihren Einstellungen zum Leben himmelweit auseinander. Aber Gegensätze ziehen sich nicht nur in der Chemie an. Und die stimmt zwischen den beiden hervorragend! Jule steckt in einer Beziehung. Ihr Freund, den sie unbedingt persönlich sprechen muß, schreibt gerade in Portugal an seiner Doktorarbeit im Fach Ökolandwirtschaft über die kostbare Ressource Wasser. Jan ist ungebunden. Er studiert Politikwissenschaften und will in Spanien auch einmal seinen biologischen Vater kennenlernen. Für ihn ist Fleisch sein Gemüse, bei Jule ist das umgekehrt. Und sie verzichtet jedenfalls zur Zeit auf den Genuß alkoholischer Getränke. Jan trinkt gerne ein Glas Wein zum Essen und organisiert eine Flasche Champagner. Das hätte mir im Kinosaal auch gefallen. Ich hielt es aber wie Jule und entschied mich wegen der Länge des Films für eine Flasche Wasser. Meine Bedenken, Alkohol könnte meine Aufmerksamkeit schmälern, waren letztlich völlig unbegründet. So besonders und fesselnd sind Jan und Jules geistreiche und interessante Gespräche! Sie hören sich aufmerksam zu, lassen sich ausreden und geben im passenden Moment ihre jeweiligen Einwände zu bedenken. Damit kommt es bei den gesellschaftlichen Grundsatzdiskussionen teilweise zu abstrusen und komischen Ergebnissen, die mal eine ganz andere Sicht auf die Dinge eröffnen. Bei dem Schauspielerduo muß auch die Chemie gestimmt haben, so spontan und natürlich wie die beiden auf der Leinwand wirken! Verinnerlicht, aber nicht selbst ausgedacht, haben sich Mala Emde und Anton Spieker ihren Text. Der stammt aus der Feder des Regisseurs Hans Weingartner. Hut ab vor allen dreien! In den Gesprächspausen kam bei mir mit der gitarrenlastigen Musik Richtung Folk ein richtig schönes Urlaubsgefühl auf. Vor meinem geistigen Auge sah ich mich wie Jule und Jan mit Necessaire unterm Arm und Handtuch über der Schulter zum Waschraum laufen, Wäsche waschen und Geschirr spülen. Mir kam dabei mehr als einmal eine Zeltschnur in die Quere. Und als eines Tages eine Schlange in den Toiletten Schutz vor einem Gewitter suchte, war bei mir schlagartig Schluß mit der Camperei. Die beiden haben großes Glück mit dem Wetter. Und das Auftauchen einer Schlange hätte mir Michael Noack, der Sprecher der Audiodeskription, die über die Greta und Starks App verfügbar ist, bestimmt ins Ohr geflüstert! Ab sofort werde ich nämlich auch die Namen aller Mitwirkenden an der jeweiligen Hörfilmfassung nennen. Für „In den Gängen“ hole ich das nach! Im Unterschied zu Hörspielen sollen sich Sprecher und Sprecherinnen bei Audiodeskriptionen emotional möglichst zurücknehmen. Besonders Sprecher beherzigen das für meinen Geschmack des öfteren zu sehr. Hier empfand ich das anfangs auch so. Aber im Laufe des Films, vor allem wenn sich Jule und Jan immer näherkommen, klang seine Stimme auf angenehme Weise weicher, als ob er die beiden nicht stören wollte. Er konnte sich, wie wohl alle Kinobesucher, kaum der zarten Atmosphäre entziehen. Das hat mir sehr gefallen! Am Skript der Hörfilmfassung wirkten mit: Text Manuela Schemm, Assistenz Mareike Hülsmann, Redaktion Martina Reuter. Neben Jan und Jule kommen kaum andere Filmfiguren zu Wort. Und die beiden verbringen die meiste Zeit in und um Jules Wohnmobil. Dies nicht zu viel und nicht zu wenig zu beschreiben und dabei die Spannung zu halten, war die große Herausforderung. Was ich zu hören bekam, fand ich wohlformuliert und rundum genau richtig dosiert! Jetzt muß ich mich von innen und vor allem von außen abkühlen. Dabei halte ich es mit den alten Griechen. Sie kannten nur vier Elemente: Luft, Feuer, Erde und Wasser. Wasser ist für mich gerade ein herrliches Element!

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In dem Gang eines Getränkemarktes steht die Blindgängerin mit einer Kiste Mineralwasser in den Händen. Neben und hinter ihr sind Getränkekisten gestapelt, teilweise bis zur Decke.

In den Gängen

Ein kleiner Unterschied bei der Zeichensetzung, ein großer Unterschied für die Bedeutung! Vom Leerzeichen hängt’s nämlich ab, ob jemand hochstapelt, also mit betrügerischer Absicht eine hohe gesellschaftliche Stellung vortäuscht, oder hoch stapelt und so seiner Arbeit in einem Großmarkt nachgeht. Wer in Supermärkten einkauft, begegnet ihnen in den Gängen, den Männern und Frauen in einheitlicher Arbeitskleidung, die für Nachschub in unseren Konsumtempeln sorgen. Ich höre sie manchmal durch die Regale miteinander flachsen. Sie begleiten mich bei meinen Einkäufen und beraten und helfen auch der sehenden Kundschaft freundlich bei der Suche nach den gewünschten Produkten. Zum Beispiel wird Marion von der Süßwarenabteilung nach Schokolinsen gefragt. Lächelnd verschwindet sie mit dem Kunden um die Ecke und läßt Christian von der Getränkeabteilung stehen, mit dem sie gerade ein Schwätzchen gehalten hat. Wer diesen beiden und deren Kollegen begegnen möchte, was ich wärmstens empfehle, kann dies nur im Kino mit Thomas Stubers Film „In den Gängen“ In der liebenswerten ca. neunköpfigen Truppe herrscht ein harmonischer Umgangston. Sie halten zusammen und einen gigantischen Großmarkt irgendwo in der ostdeutschen Provinz am Laufen, wo gesächselt wird. Bier, Wasser, Saft und Wein kaufen wir seit Jahren in demselben Getränkemarkt bei uns um die Ecke ein. Dort stapelt das Personal in roten T-Shirts die Kästen von Hand aufeinander. Im Großmarkt tragen alle blaue Arbeitskittel. Die Kästen sind auf Paletten fixiert und werden mit einem Gabelstapler in Regale viele Meter hoch gestapelt. Das ist Brunos Reich (Peter Kurth). Meisterhaft beherrscht er seinen Stapler und jongliert mit Europaletten in schwindelerregender Höhe. Als ihm Christian (Franz Rogowski) als Helfer an die Seite gestellt wird, nimmt er den jungen Mann väterlich unter seine Fittiche. Aber bevor Bruno den „Frischling“ anlernt, geht’s erst einmal „in die 15“, so heißt hier die kleine Zigarettenpause zwischendurch. Den Spitznamen „Frischling“ bekommt Christian von Marion (Sandra Hüller) verpaßt, die er vom ersten Augenblick an nicht mehr aus den Augen läßt. Christian ist die zentrale Filmfigur und auch die schweigsamste! Und in Marions Gegenwart, die er so oft wie möglich sucht, bekommt er fast überhaupt kein Wort über die Lippen. Aber es gibt ja die kleine Torte statt vieler Worte und Marion plappert dafür um so mehr kokett flirtend auf ihn ein. In Marions, Brunos und vor allem Christians Leben außerhalb des Großmarktes gewährt der Film nur vage und angedeutete Einblicke. Aber da sind auch noch Irina von der Teigwarenabteilung mit ihrer markanten und verräucherten Stimme, Paletten-Klaus, der seine Ameise, einen Hubwagen mit Elektroantrieb, gegen jeden verteidigt, und Jürgen in dem Zigarettenhäuschen. Dort verkauft er die Rauchware stangenweise und hat immer ein Schachspiel vor sich. Was diese drei privat umtreibt, bleibt außen vor. So auch bei den übrigen, bei denen ich Namen und Personen leider nicht mehr zusammenbringen kann, obwohl ich ihnen damit unrecht tue. Denn alle in den Gängen dieses Großmarktes lassen einen vergessen, daß dies auf der Leinwand geschieht und man selbst gar nicht beim Einkaufen ist! Das ist das Verdienst der Darsteller, des Regisseurs Thomas Stuber und das von Clemens Meyer, der drei Jahre als Gabelstaplerfahrer in einem Großmarkt gearbeitet hat. Seine Kurzgeschichte über diese Lebensphase ist die Grundlage des Drehbuchs. Ich denke, deshalb gehen die Filmfiguren so vertraut und routinemäßig ihrer Arbeit nach, oft ohne viel dabei zu sprechen. Umso wichtiger war die Audiodeskription über die Greta und Starks App! Wer hätte mich sonst während der vielen Dialogpausen auf dem Laufenden gehalten und mich bei den teils waghalsigen Gabelstaplermanövern mitzittern lassen? Entgangen wäre mir auch Marions und Christians zärtliche Eskimobegrüßung in „Sibirien“, dem Kühlraum des Marktes. Ich habe jedes Wort der großartigen Sprecherin mit Genuß in mich aufgesogen und auch die Filmmusik, die das Geschehen den Stimmungen entsprechend abrundet, wie z.B. den genialen Großmarktblues zur Nachtschicht, wie ich ihn nenne! Bevor meine Schicht jetzt und hier zu Ende geht, noch eines: Erst zwei Monate nach Kinostart kam ich in die Gänge und die führten mich in das einzige Programmkino meines Bezirks fast um die Ecke. Oft liegt das Gute so nah. Das Jahresfilmprogramm im „Kino im Kulturhaus Spandau“ wurde schon mehrfach als herausragend ausgezeichnet. Und das werde ich künftig im Blick behalten!

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Vor einer glatten schwarzen Theaterkulisse steht die Blindgängerin umringt von vier Mitgliedern des Emsembles der Jugendtheaterwerkstatt Spandau. Alle lachen fröhlich in die Kamera.

Hinter und vor den Kulissen

Zu Ende ist die blogfreie Zeit hinter den Kulissen! Nach einer zweiwöchigen Atempause am Mittelmeer war ich bis jetzt nur im Verborgenen und dort vor allem für die Kinoblindgänger gGmbH aktiv. Immer wieder feilte ich an dem Offenen Brief für unsere Initiative „Zwei Barrierefreiheits-Lolas beim Deutschen Filmpreis“. Jetzt geht es daran, die Öffentlichkeitskampagne zu organisieren. Einen Starttermin zu nennen, wage ich aber noch nicht. Am 28.06. lud Facebook mit dem Deutschen Fundraisingverband e.V. und betterplace.org zum NGO-Tag 2018 in Berlin ein. Diese Veranstaltung richtete sich exklusiv an gemeinnützige Organisationen. Sieben Stunden lang prasselten Informationen zum Thema Online-Fundraising auf mich ein. Neben vielen sehr netten Gesprächen konnte ich auch einige neue Erkenntnisse mit nach Hause nehmen, wie die spärlich gefüllte Kasse von Kinoblindgänger gGmbH aufgebessert werden könnte! Diesbezüglich hat sich vor kurzem eine tolle Möglichkeit aufgetan. Eine Kooperation, über die ich mich sehr freue, und über die ich in Kürze berichten werde. Jetzt aber nix wie raus aus den Kulissen und auf die Plätze davor! Gleich geht zum vorletzten Mal der Vorhang auf für „Metamorphosen“ Und den Göttern und Halbgöttern sei Dank: An diesem Abend mit Live-Audiodeskription! Zeus und Konsorten hatten dabei ihre Hände allerdings nicht im Spiel. Vielmehr geht dies auf das Konto der engagierten Leute von der Jugendtheaterwerkstadt Spandau in Berlin. Wie bei solchen speziellen Theateraufführungen üblich, durften wir Gäste mit Sehbeeinträchtigung vorher in die Kulissen, um die Requisite zu erkunden. Auf der Bühne stand nur ein vier Meter hoher schwarzer von innen begehbarer Turm. Dort begrüßte uns das 19-köpfige Ensemble mit einem fröhlichen Hallo. Da war mir sofort klar, die Figuren des Stücks nur nach den Stimmen sortieren zu wollen, wäre aussichtslos. Und das erst recht, weil jeder der Darsteller zwischen 19 und 78 Jahren im Schnitt vier bis fünf verschiedene Rollen übernimmt. Das macht zusammen knapp 100, was auch mit Audiodeskription eigentlich kaum zu vermitteln ist. Aber Anke Nicolai ist eine erfahrene Texterin und Sprecherin von Live-Audiodeskriptionen. Sie konnte uns so oft wie möglich das turbulente Treiben auf der Bühne entwirren und mit ihrer ruhigen angenehmen Stimme meist nur stichwortartig erzählen, wer mit wem wie und wo als was gerade agierte. Das war eine großartige Leistung! Ich könnte mir vorstellen, daß davon auch die sehenden Gäste profitierten. Die Audiodeskription wurde offen übertragen und war damit für alle im Saal zu hören. Einen Vorhang gab es übrigens nicht. Die Bühne stand mitten im Saal und das Publikum saß sich in zwei Blöcken rechts und links davon gegenüber. Dafür stieg Nebel auf. Der war so dicht, daß auch die sehenden Gäste nicht mehr ihre Hand vor den Augen erkennen konnten. Auch mein letzter Sehrest war kurzfristig verschwunden. Das hatte etwas von der Ursuppe, aus der vor Urzeiten irgendwie Lebewesen entstanden sein sollen. Als der Nebel sich lichtete, tummelten sich aber keine Einzeller auf der Bühne, sondern die wunderbar dargestellte Mutter Erde mit einer Karre voller Steine. Dann kam der Auftritt von Deukalion und Pyrrha, dem einzigen überlebenden Menschenpaar der Sintflut. Auch Ovids Metamorphosen, die literarische Vorlage, beginnen mit der Entstehung der Welt aus dem Chaos und der Sintflut. Der römische Dichter schrieb vor über zweitausend Jahren in 15 Büchern mit über zwölftausend Versen über die seelischen und moralischen Abgründe von Göttern und Menschen, die sich immerzu in Tiere oder Pflanzen verwandeln. Bei der Lektüre dieser vielen Verwandlungsgeschichten muß man sich fast zwangsläufig irgendwann verirren. Nicht aber der Regisseur Carlos Manuel. Er nimmt uns an die Hand durch seine geschickt ausgewählten Geschichten über Liebe, Verführung, Eifersucht, Freud und Leid, Mißgunst und Niedertracht, sexuelle Gewalt und Mord und Totschlag. Der Vorrat an Steinen, mit dem Mutter Erde die Bühne betreten hatte, neigt sich schnell dem Ende zu, da sie jedem Toten einen Stein zur Seite legt. Schließlich sammelt sie die Steine wieder auf, denn sie werden immer wieder gebraucht. Die größten Helden des Abends waren für mich die 19 Laiendarsteller, wie sie ihre kaum zu bändigende Spielfreude ins Publikum versprühten! Es wurde nach der Choreographie von Jenny Mezile getanzt, gestampft und auch gesungen. Herrlich waren auch die tänzelnden und badenden Musen! Dreh- und Angelpunkt war dabei der Turm. Besonders genossen habe ich die deutliche Aussprache der Spielbegeisterten. Jedes Wort peitschte glasklar durch die Luft. Davon können sich einige Profischauspieler aus Film und Fernsehen, die einfach nur in sich hinein nuscheln, eine große Scheibe abschneiden, geschlechterübergreifend. An diesem Abend hat mich mein Bezirk Spandau dieses Jahr schon zum zweiten Mal kulturell überrascht, begeistert und fasziniert! Anfang Mai war es der in Spandau von Spandauern gedrehte Kinofilm „Familiye“ und jetzt die wunderbar aufbereiteten Metamorphosen mit Live-Audiodeskription! Ob es für das nächste Projekt der Jugendtheaterwerkstatt Spandau, dem deutsch-angolanischen Theaterprojekt „Das Leben ist Traum“ im September einen Vorhang geben wird? Aber Vorstellungen mit Live-Audiodeskription und natürlich auch mit Gebärdensprache ganz bestimmt!

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