Zieh dich warm an, Marie!

Die Reise geht in den hohen Norden und es gibt schon den ersten Schnee. Draußen weht ein eisiger Wind.

00:00:01
Eine rote senkrechte Linie schwebt ins Bild, gleitet von links nach rechts und legt die schemenhaften Umrisse eines Schriftzuges frei. Danach wird sie zu einem roten Stern.
Der Schriftzug erstrahlt in weiß:

NEUE VISIONEN – UNABHÄNGIGER FILMVERLEIH

00:00:18
Im schwarzen Bild erscheint ein sonnenähnliches weißes Zeichen mit schwarzem Kern. Der Schriftzug „Motlys“ erscheint, das Zeichen bildet den Buchstaben O.

Geräusch 1: 00:00:25:20 bis 00:00:28:06
(Wasser plätschert.)

00:00:30
Motlys präsentiert

Geräusch 2: 00:00:32:23 bis 00:00:35:08
(Metallisches Klappern.)

00:00:33
Ein Film von Rune Denstad Langlo

Knapp 4,5 Minuten später:

00:04:57
Ein Zug rollt in den menschenleeren Bahnhof ein.

Geräusch 59: 00:04:58:16 bis 00:05:00:21
(Zug rattert.)

00:05:05
Der schwarze Zug bleibt stehen. Über einem schmalen rot-weißen Längsstreifen erscheint in weißer Blockschrift

WELCOME TO NORWAY

Und genau das ist ab dem 13. Oktober 2016 auch auf den deutschen Kinoleinwänden zu lesen!

Jetzt ist es raus und die erste Katze aus dem Sack!

Die barrierefreie Filmfassung für „Welcome to Norway“ ist so gut wie fertig. Zuvor wurde der Film vom Norwegischen ins Deutsche synchronisiert.
In dem 54-seitigen Skript der Audiodeskription sind neben den Bildbeschreibungen auch die Übersetzungen der auf Englisch, Französisch, Arabisch und in einer afrikanischen Sprache geführten Dialoge enthalten. Die Geräusche, die Einsätze der Filmmusik und jedes gesprochene Wort sind in dem 102 Seiten langen Text der Untertitel aufgelistet.
Wie „sekundiös“ die Autoren bei ihrer Arbeit vorgehen, verdeutlichen die Zeitangaben in den kleinen Schnipseln aus den ersten fünf Filmminuten der beiden Skripte.
Der Sprecherin blieben bei ihrem ersten Einsatz um 00:00:01 für das Einsprechen des Abschnitts „Eine rote senkrechte Linie…usw.“ höchstens 17 Sekunden. Der Untertitel (Wasser plätschert), das erste Geräusch, wird exakt für 2 Sekunden und 86 Hundertstel eingeblendet.

Der Verleih Neue Visionen beteiligt sich übrigens zur Hälfte an den Kosten für diese barrierefreie Filmfassung, das ist großartig!!!

Den Trailer zum Film gibt es bislang nur im Original mit englischen Untertiteln, eine deutsche Fassung ist aber in Arbeit.

Mit nur einigen Details aus den ersten fünf Minuten möchte ich versuchen, schon einmal ein bißchen neugierig auf den Film zu machen.
In irgendeinem Raum eines kleinen Hotels in der norwegischen Provinz plätschert Wasser und jemand verursacht metallisches Klappern.
Dieser Jemand ist der Hotelbesitzer Primus, der kurze Zeit später mit seinem Wagen durch eine verschneite Landschaft fährt.
Er ist Mitte 40, dunkelblond und blauäugig. Letzteres ist er auch hinsichtlich seines neuen Projektes, weshalb er sich zu dem kleinen Bahnhof auf den Weg macht.
Daß alles ganz anders kommt als von Primus gedacht, offenbart sich schon kurz nachdem die Fahrgäste des schwarzen Zuges auf den zuvor menschenleeren Bahnsteig strömen und er die Ankömmlinge willkommen heißt.

Sobald der deutsche Trailer für „Welcome to Norway“ verfügbar ist, werde ich beschreiben, wie ich auf diesen Film aufmerksam wurde und was mich an skandinavischen Filmen so begeistert.

Die kleine Gemeinde in der norwegischen Provinz mit dem Hotel und dem kleinen Bahnhof scheint nicht allzu weit von der Grenze nach Sverige, Schweden, entfernt zu sein.
Und wie der Zufall es so will, verschlägt es auch die zweite Katze aus dem Sack in nördliche Gefilde, und zwar zu den Nachbarn der Norweger, nach Schweden.

Im Original auf Schwedisch heißt Film Nummer zwei
„En underbar jävla jul“

Und auf Englisch
„A Holy Mess“

Mit welchem deutschen Titel die Komödie vom Arsenal Filmverleih zwei Tage vor Weihnachten

am 22. Dezember 2016

in den deutschen Kinos startet, ist noch offen.
Auch hier gibt es den Trailer momentan nur im Original mit englischen Untertiteln.

Wenn im Herbst die ersten Weihnachtsmänner in die Supermärkte einmarschieren, bleibt immer noch genug Zeit, das „Heilige Durcheinander“ barrierefrei zu machen.
Von mir gibt es zwischendurch Näheres über die Gründe und Verursacher dieses Durcheinanders.

Zurzeit touren beide Filme, „Welcome to Norway“ und „A Holy Mess“ auf dem Scandinavian Filmfestival durch Australien. Ich wünsche viel Erfolg und erhebe mein Glas.
Skål!!!

Es tut sich was, Marie!

Vor ungefähr drei Monaten hatte ich in meinem Spendenaufruf die etwas unglückliche Marie auf dem Sofa vorgestellt.
Vielleicht fragt sie sich mittlerweile stellvertretend für die Zielgruppe der Kinoblindgänger, wann es endlich soweit ist, einen Film mit freundlicher Unterstützung der Kinoblindgänger gGmbH barrierefrei gemeinsam mit ihren Freunden im Kino genießen zu können.
Den Zeitpunkt verrate ich schon einmal, es wird der späte Herbst bzw. frühe Winter sein.

Aber was genau wird sich auf der Leinwand abspielen?
Jetzt lasse ich die Katze noch nicht aus dem Sack!
Aber sehr bald werde ich mit den Details herausrücken.

Das Lüften dieses Geheimnisses wird ganz bestimmt ein Kinderspiel gegen die Prozedur, eine Katze zunächst in den Sack hinein zu bugsieren, also sich unter der Vielfalt für einen Film zu entscheiden. Es sind übrigens gleich zwei Katzen draus geworden.
Mit fachkundigem und freundschaftlichem Beistand ist dies geglückt und ich hoffe, daß Marie und der Rest der Welt sich über das Ergebnis genauso freuen, wie ich es jetzt schon tue.
Ganz kurz vor meinem Urlaub habe ich Kontakt mit den beiden Filmverleihern aufgenommen, das weitere Prozedere abgestimmt und während des Urlaubs diesen Artikel verfaßt, sozusagen als Zwischeninformation.
Mit der Geheimnistuerei möchte ich mir ein bißchen Zeit verschaffen, demnächst in Ruhe die Filme und die Verleiher vorzustellen.

Und jetzt kommt auch noch der schnöde Mammon ins Spiel.
Bis jetzt gingen Spenden ausschließlich aus meinem persönlichen Umfeld ein. Für diesen Vertrauensvorschuß möchte ich mich hier schon einmal herzlichst bedanken!!!

Auch ich hätte ein Problem, die Katze im Sack zu kaufen.
Deshalb hege ich die Hoffnung, daß nach dem Öffnen des Sackes der/ die Ein(e) oder Andere für meine Herzensangelegenheit den ein oder anderen Euro übrig hat!
Aber unabhängig vom Spenden-/ Sponsorenaufkommen stehe ich für die ersten beiden Projekte ein!!!

Vor der Morgenröte – Stefan Zweig in Amerika

Kannst Du Dir vorstellen, hier zu leben?
Das fragten sich der Schauspieler und Entertainer Joachim Fuchsberger und seine Frau Gundula immer wieder bei ihren zahlreichen Reisen rund um den Erdball. In Australien bzw. Tasmanien waren sie sich schließlich einig. Seit dem Jahr 1983 hatten die Fuchsbergers neben München einen zweiten Wohnsitz in Hubart, der Hauptstadt Tasmaniens.

Im selben Jahr wurde in Salzburg auf dem Kapuzinerberg eine Büste von Stefan Zweig aufgestellt. Genau dort wollte der am 28. November 1881 in Wien geborene Schriftsteller leben.

Der Doktor der Philosophie Stefan Zweig pflegte einen großbürgerlichen Lebensstil. Schon vor den zwanziger Jahren unternahm er Reisen nach Indien, Amerika und 1928 in die Sowjetunion. Nie hatte er jedoch Ambitionen, irgendwo anders als in seiner Heimat Österreich zu leben.
Gegen Ende des Ersten Weltkrieges kaufte er das baufällige Paschinger Schlössl am Kapuzinerberg, das er ab 1920 mit seiner Ehefrau Friderike und deren beiden Töchtern bewohnte.
Schon sehr früh nahm der jüdische Schriftsteller, Humanist und Pazifist die nationalsozialistische Bedrohung ernst. Sie befand sich quasi in Sichtweite seines Hauses, auf dem Obersalzberg, Hitlers Domizil. Als er dann auch noch denunziert wurde und eine Hausdurchsuchung über sich ergehen lassen mußte, nahmen im Februar 1934 seine Salzburger Jahre ein jähes Ende.
Zwei Tage nach diesem Vorfall machte er sich allein auf den Weg nach London. Er sollte seine Heimat, den Kapuzinerberg in Salzburg, nicht mehr wiedersehen.
„Vor der Morgenröte“ des 23. Februar 1942 nahm sich der 60-jährige im Exil in Petropolis bei Rio de Janeiro das Leben.

Die Regisseurin Maria Schrader läßt den österreichischen Schauspieler Josef Hader als Stefan Zweig an der dramatischen Entwicklung zunächst in dessen Heimat und später in ganz Europa vom sicheren Amerika aus verzweifeln.
Daß er dabei so überzeugt, liegt an Haders Schauspielkunst. Mit wem er an welchen Orten unter welchen Umständen in Amerika zusammentrifft, stammt aus den feinfühlig und geschickt geführten Federn der Drehbuchautoren Maria Schrader und Jan Schomburg.

Und wie das fern der Heimat nun einmal so ist, man spricht kaum deutsch!
Das war für die rundum gelungene Arbeit der Hörfilmbeschreiber eine zusätzliche und große Herausforderung. Mit insgesamt zehn Sprechern und Sprecherinnen wurden ähnlich wie beim Synchrondolmetschen die vielen englischen, französischen, spanischen und portugiesischen Dialoge übersetzt, ohne die Originalstimmen dabei zu übertönen.

Müßte ich mich für eine zweite Heimat entscheiden, wäre das Frankreich, wo ich mich auch gerade aufhalte. Aber nach einer Weile würde ich die deutsche Sprache, in der ich mich zu Hause fühle, doch sehr vermissen. Das wird Stefan Zweig im Exil nicht anders gegangen sein.

Anläßlich des Schriftstellerkongresses in Südamerika im September 1936 gedenken die dort in Sicherheit gelangten Autoren ihrer zurückgebliebenen Kollegen. Es wird sehr heftig und kontrovers über die Formulierung einer gemeinsamen politischen Verurteilung Deutschlands diskutiert. Zweig fühlt sich als Außenseiter und seine Verzweiflung wird dort zum ersten Mal deutlich sichtbar.
Alle Namen auf der Liste der im Jahr 1935 verbotenen Autoren, deren Bücher den Flammen zum Opfer gefallen waren, werden verlesen.
Hoffentlich wiederholt sich solch ein frevelhaftes Spektakel in der Geschichte nie wieder. Die in den digitalen Medien üblichen Shitstorms finde ich schon schlimm genug.

Etwas irritiert an Stefan Zweigs Biographie hat mich, daß er 1934 ohne seine Familie nach London floh. Während seines Aufenthaltes in England begann er ein Verhältnis mit seiner Sekretärin Lotte, die er 1939 heiratete.
Seiner geschiedenen Frau gelang 1941 gerade noch rechtzeitig und unter großen Strapazen mit ihren Töchtern die Flucht nach New York, wo sich die geschiedenen Eheleute auch noch einmal trafen.

Von den Filmfrauen hat mich seine erste, gespielt von Barbara Sukowa, sehr viel mehr überzeugt. Das ist jetzt sehr gewagt, aber vielleicht hätte sie Zweigs Suizid verhindern können?

In dem auf Deutsch verfaßten Abschiedsbrief schrieb Zweig unter anderem, daß ihn die Zerstörung seiner „geistigen Heimat Europa“ entwurzelt hätte.
Er hielt es nicht einmal bis zur Morgenröte des 23. Februar aus, geschweige denn, daß er bis zum Ende des Krieges im Exil hätte ausharren können. Seine Frau Lotte ist ihm in den Tod gefolgt.

Der Berliner Schriftsteller und Journalist jüdischer Herkunft Ernst Feder (Matthias Brandt) traf im Sommer 1941 mit seiner Frau in Petropolis ein. Er verbrachte viel Zeit mit Zweig, z.B. beim Schachspiel, und sah ihn als Letzter lebend.
Erst 1957 ging Feder zurück in seine Heimatstadt, wo er 1964 verstarb.

Die Entscheidung der Fuchsbergers, sich in Tasmanien niederzulassen, war eine Luxusentscheidung. Aber auch sie kehrten nach einigen Monaten immer wieder in ihre Heimat nach München zurück.

Lola

Die Lola zählt mittlerweile 17 Jahr, hat kein blondes Haar und auch keines in einer anderen Couleur. Auch wenn sie welches hätte, wäre für sie ein graues Haar kein Thema. Ebenso wenig braucht sie sich über das ein oder andere Fältchen oder ihre schlanke Linie Gedanken zu machen.
So ist das, wenn man als 30 cm große und ca. 3,5 Kilo schwere heiß begehrte Trophäe des Deutschen Filmpreises Jahr für Jahr eine hervorragende Figur macht.
Vor ihrer Zeit überreichte man den Preisträgern ein Filmband in Gold oder Silber.
Dieses Motiv griff die in New York lebende Designerin Mechthild Schmidt auf. Zuerst entwickelte sie die Statuette der Lola, um sie dann zu umwickeln. Sie umhüllte deren zweifelsfrei weibliche Reize mit einem stilisierten güldenen Filmband.
Damit ist eine Irreführung über das Geschlecht der Lola wie in dem gleichnamigen Song der Kinks aus den 70er Jahren ausgeschlossen.

Der erste Einsatz der Lola beim Deutschen Filmpreis von 1999 war schon deshalb spektakulär, weil sie der jüngsten ihrer drei Namensgeberinnen gleich achtmal in die Hände fiel. Das war „Lola rennt“ mit Franka Potente.
Die beiden anderen Lolas spielten Barbara Sukowa in Rainer Werner Fassbinders Film „Lola“ und Greta Garbo in „Der blaue Engel“.

Beim ersten Deutschen Filmpreis 1951, schon sechs Jahre nach Kriegsende, hieß der eine große Gewinner „Das doppelte Lottchen“ nach dem Buch von Erich Kästner. Wenn die Nominierungen und Kategorien damals auch noch sehr übersichtlich waren, ging‘s von da an in jeder Hinsicht stets bergauf.

Dieses Jahr wetteiferten beim Deutschen Filmpreis am 27. Mai im Palais am Funkturm 19 Filme in 19 Kategorien um die Lola. Neben dem Prestige locken zusätzlich nicht zu verachtende Preisgelder. Die Bundesregierung, vertreten durch ihre Beauftragte für Kultur und Medien, ließ sich die Lolas dieses Mal ca. 3 Millionen Euro kosten.
In der Kategorie „Bester Spielfilm“ sind jedem der sechs Filme bereits mit seiner Nominierung 250.000 Euro sicher. Aber die Gelder sind zweckgebunden. Sie müssen in neue Filmprojekte investiert werden und kommen also irgendwann dem Kinobesucher zugute.
Die Preisträger werden in einem sehr transparenten und demokratischen Verfahren von den 1.800 Mitgliedern der Deutschen Filmakademie e. V. gewählt.

Und jetzt ein Satz mit zwei X!
Die Filmakademie zeichnete dieses Jahr den Mitbegründer der X Filme Creative Pool und des X Verleihs mit dem von ihr gestifteten und undotierten Bernd Eichinger Preis aus. Damit ehrt sie Stefan Arndt für seinen langjährigen maßgeblichen Beitrag zur Kinokultur im Sinne des 2012 verstorbenen Namenpatrons des Preises.

Der kleinste gemeinsame Nenner der diesjährigen 19 nominierten Filme inklusive der Kinder- und Dokumentarfilme ist, daß für jeden Film eine barrierefreie Filmfassung erstellt wurde.

Jetzt noch ein Satz mit einem X:
Bei immerhin neun dieser Filme und dem Publikumspreisträger „Fack ju Göhte 2“ bekommen die Zielgruppen mit der App Greta und Starks in wirklich jedem x-beliebigen Kino die Audiodeskription und Untertitel auch tatsächlich ins Ohr oder vors Auge. Das ist nur dank des außerordentlichen Engagements des jeweiligen Verleihs möglich.
Dazu gehört zum Beispiel der X Verleih, der all seine deutschen Filme auf diese Weise für Blinde und Gehörlose im Kinosaal erlebbar macht.

Trotzdem, liebe Filmverleiher: Neun von 19, da geht noch was!

Allerdings hatte auch die Filmakademie den Punkt „barrierefreie Filmfassung“ und deren Zugänglichkeit bei ihrer Entscheidung wahrscheinlich eher nicht auf dem Schirm.
Um diesem in der Filmbranche nicht selten vorherrschenden Phänomen entgegenzuwirken, plädiere ich für eine weitere Kategorie beim Deutschen Filmpreis, nämlich eine

„BARRIEREFREIE LOLA“,

eine Auszeichnung für die beste barrierefreie Filmfassung.

Die Erstellung von Audiodeskriptionen und Untertiteln mit einem qualitativ hohen Niveau ist sehr arbeitsintensiv. Diese spezielle Kunstform sollte auch beim Deutschen Filmpreis entsprechend gewürdigt werden.
Der DBSV (Deutscher Blinden- und Sehbehindertenverband) tut das als Vorreiter bezüglich der Audiodeskription im Rahmen des von ihm veranstalteten Deutschen Hörfilmpreises bereits seit 14 Jahren. Für die Untertitel für Gehörlose scheint es keine vergleichbare Veranstaltung zu geben.
Immer, wenn es um die Auszeichnung von Filmen geht, sollte auch die barrierefreie Filmfassung als gleichberechtigter Partner mit einbezogen werden, um diese von ihrem Image als notwendiges Anhängsel zu befreien, ja genau!!!

Nach der Vorstellung Mechthild Schmidts soll die Figur der Lola Inspiration und Muse, aber auch Dynamik und Wandel verkörpern.

Nächstes Jahr feiert die Lola ihren 18. Geburtstag und wird damit volljährig.
Dann darf und sollte sie auch mehr Verantwortung tragen. Ich lege das Schicksal einer barrierefreien Lola vertrauensvoll in ihre goldenen Hände!

Mängelexemplar

Das Buch ist ein kostbares Kulturgut und hat irgendwie auch eine Seele!
Es möchte, genauso wie alle Dinge und Lebewesen, daß mit ihm respektvoll, sorgfältig und fachgerecht umgegangen wird. Leider ist es aber auch vor Schicksalsschlägen nicht gefeit.
Fehler, die beim Drucken oder Binden auftreten, degradieren das Buch zum Defektexemplar. Die nächste Gefahr lauert beim Transport und der Lagerung. Zieht es sich dabei gut sichtbare und nicht zu korrigierende Beschädigungen zu, wird es als Mängelexemplar abgestempelt und unterliegt nicht mehr der Buchpreisbindung.

Mit einer gewollt verknittert aussehenden Titelseite veröffentlichte die Autorin Sarah Kuttner aus Berlin 2009 ihren Roman „Mängelexemplar“. Ob sich der Buchdeckel auch so anfühlt, wie er aussieht, kann ich mangels eines Exemplars nicht beurteilen.

Ganz genau wissen wird das die Berliner Regisseurin und Drehbuchautorin Laura Lackmann. Beim Lesen des Bestsellers hatte sie sofort einen Film vor Augen und im Jahr 2014 nahm ihr Kopfkino bei den Dreharbeiten Gestalt an. Wer das Mängelexemplar, die 27-jährige Berlinerin Karo, verkörpern sollte, kam ihr jedoch nicht sofort in den Sinn.
Die Wahl fiel beim Casting dann recht schnell auf die gebürtige Berliner Schauspielerin Claudia Eisinger.
Wie gut diese an sich und ganz besonders am gigantischen Lehrstoff eines Jurastudiums verzweifeln kann, bewies sie bereits als Studentin Katharina in „Wir sind die Neuen“.

Im krassen Gegensatz zu dem verknitterten Buchdeckel kann man bei Karos äußerer Erscheinung absolut nichts Mängelexemplarisches feststellen. Dennoch wird die sehr attraktive junge Frau von ihrer Chefin kurz und schmerzlos wie ein ramponiertes Buch ausgemustert.
Sie sei viel zu unbeherrscht und emotional. Und so, wie sich Karo dann in einem Baumarkt aufführt, ihren Freund überfordert und ihre beste Freundin Anna vor den Kopf stößt, scheint da was dran zu sein.
Die Einzige, die ihr gar nichts übel nimmt, und zu der sie sich jederzeit Trost suchend flüchten kann, ist ihre Oma Bille. Den Part der Oma übernimmt Barbara Schöne aus Berlin mit ihrer wundervoll warmherzigen und tiefen Stimme.

Und dann ist da noch Laura Tonke, natürlich auch aus Berlin.
Hier steckt sie nicht als Hedi Schneider in einem Fahrstuhl fest, sondern heißt Anna, besitzt eine Kneipe in Kreuzberg und ist eigentlich Karos beste Freundin.

Wenn sich fünf Frauen als geballte Berlinerinnen-Kompetenz daran machen, eine mal tragische, meist aber komische Berliner Geschichte auf die Leinwand zu bringen, kann ja eigentlich nüscht mehr schiefjehn und das isses auch nicht!
Dazu maßgeblich beigetragen haben aber auch zwei Wahlberlinerinnen.

Zum einen versucht Katja Riemann als Karos Mutter – und eigentlich selbst ein Mängelexemplar – mehr schlecht als recht, ihrer Tochter aus einer tiefen psychischen Krise herauszuhelfen.
Professioneller geht es da schon in der Praxis von Maren Kroymann als Psychotherapeutin Annette zu. Mit stoischer Ruhe und minimalistischen Gesten läßt sie Karo ihr Leben Seite für Seite wie in einem Buch Revue passieren und daraus erzählen.
Darin kommen natürlich auch Männer vor, Christoph Letkowski als Karos Freund, Detlev Buck ist ihr Vater und Maximilian Meyer-Bretschneider mal Kumpel und mal mehr.
Das männliche Geschlecht kommt zwar nicht allzu oft zu Wort, ist aber dennoch unverzichtbar, wie im Leben eben.

Unverzichtbar für den vollen Filmgenuß ist wie immer eine Audiodeskription. Die gibt es auch und ich bekam sie über die App Greta im Kino auf die Ohren.
Dieser frauendominante Film schreit geradezu nach einer Sprecherin für die Hörfilmbeschreibung und das war auch der Fall.
Was ich von der angenehm ruhigen und unaufgeregten Stimme zu hören bekam, war mir sehr vertraut, weil ich bei der Erstellung der Audiodeskription redaktionell mitwirken konnte. Genau gesagt, las mir der Autor den Text seines Manuskriptes zwischen die Dialoge. Wenn mir etwas unklar war, haben wir gemeinsam nach einer neuen Formulierung gesucht.

Die Regisseurin mußte sich einiges einfallen lassen, um Karos diffuse Gedanken und Gemütsschwankungen, wie sie im Buch beschrieben sind, in Bild und Ton darzustellen. Das ist ihr auf beeindruckende Weise geglückt, auch mit Unterstützung durch die jeweils genau passende Filmmusik. Die vielen Bilder mußten dann für die Audiodeskription wieder in Worte gefaßt und in die kurzen Dialogpausen platziert werden. Und ganz subjektiv gesprochen, ich finde, das haben vor allem der Autor, ein Urberliner, und ein bißchen auch ich, jahrzehntelange Wahlberlinerin, ganz gut hinbekommen.
Mein Honorar für diese Tätigkeit kommt übrigens zu 100 % der Kinoblindgänger gemeinnützige GmbH zugute!

Ein Hologramm für den König…

…und für Arne Elsholtz!

Wie Sie sehen, sehen Sie nichts. Aber wenn Sie mal schauen wollen, Sie sehen ja selbst!
Das betrifft aber nicht den Kinobesucher, ganz im Gegenteil.
Nur der vom Jetlag geplagte Amerikaner Alan Clay steht in der saudi-arabischen Wüste und staunt. Von dem, was er hoffte, dort vorzufinden, ist weit und breit nichts zu sehen und diese Erkenntnis erwischt ihn trotz glühender Hitze eiskalt.

Nach einer knapp zweistündigen Autofahrt von der Stadt Djidda über eine menschenleere Wüstenstraße taucht plötzlich wie aus dem Nichts ein Straßenschild auf mit der verheißungsvollen Aufschrift:
„King’s Metropolis of Economy and Trade“
Alans Fahrer Yousef lenkt nun seinen schicken Wagen auf die Zufahrtsstraße zu dem Firmengelände, auf der ein gelangweilter Kontrollposten sitzt und sich die Füße in einem Planschbecken kühlt. Nachdem dieser die beiden durchgewunken hat, setzen sie ihre Fahrt durch das Nichts fort. Der einzige Unterschied ist, daß jetzt der Sand von der Straße gefegt wird.
Endlich taucht ein gewaltiger runder futuristischer Gebäudekomplex am Meer auf und einige Meter entfernt ein großes schwarzes Zelt. In diesem notdürftig eingerichteten Brutkasten ohne Klimaanlage, Telefon- und Internetverbindung ist zu Clays Entsetzen sein Team untergebracht.

Schlechter könnten die Voraussetzungen nicht sein, dem saudischen König persönlich eine US-amerikanische Zukunftstechnologie, ein holographisches Telefonkonferenzsystem, zu präsentieren und zu verkaufen.
Als er wütend hinüber in das futuristische Gebäude marschiert, um sich über diese Mißstände zu beschweren, hat er Mühe, überhaupt jemanden anzutreffen. Und der König hat sich auch seit mindestens 18 Monaten nicht mehr blicken lassen.

Diese Kulisse am Roten Meer, die Alans Hoffnungen auf einen für ihn überlebenswichtigen erfolgreichen Geschäftsabschluß sehr dämpft, ist nicht frei erfunden, sondern Realität in der Region zwischen den heiligen Städten Mekka und Medina.
Dort legte der saudische König Abdullah ibn Abd al-Aziz im Dezember 2005 den Grundstein für das gigantische Projekt „King Abdullah Economic City“, kurz KAEC genannt. Knapp zwei Autostunden entfernt von der wichtigsten saudi-arabischen Hafenstadt Djidda sollte in wenigen Jahren für 22 Milliarden Euro eine Mega-Stadt, eine strahlende Wirtschaftsmetropole nach dem Vorbild Dubais, mit über 2 Millionen Bewohnern aus dem Boden gestampft werden.
Realisiert wurden in den darauffolgenden acht Jahren allerdings nur einige verwaiste Bürogebäude und riesige leerstehende Apartmentkomplexe. Der Rest des ehrgeizigen Projektes ist noch auf dem Reißbrett.
Vielleicht aus diesem Grund wurde der Drehbuchautor und Regisseur Tom Tykwer jedenfalls für die Dreharbeiten der Spielfilmszenen von den Saudis aus ihrer Wüste verjagt.
Eine geeignete Ersatzwüste fand er dafür in Marokko.
Erlaubt wurden ihm aber die Aufnahmen vom architektonisch hochinteressanten Stadtbild Djiddas. Die Bilder aus Mekka stammen von muslimischen Kameraleuten, weil Nichtmuslimen das Betreten der heiligen Stadt verboten ist.

Kein Ersatz, sondern Wunschkandidat für die Rolle des Alan Clay, des 54-jährigen Geschäftsmannes und Pechvogels aus Boston, ist Tom Hanks. Der Schauspieler schätzt sich, wie er in einem Interview sagte, glücklich, nur im Film jemanden zu verkörpern, dem in jeder Hinsicht der Boden unter den Füßen weggezogen wurde. Aber auch der Neustart in Saudi-Arabien steht unter keinem guten Stern. Sogar diverse Sitzgelegenheiten haben sich gegen ihn verschworen und brechen bei den unpassendsten Gelegenheiten unter ihm zusammen.
Und täglich grüßt nicht das Murmeltier, sondern neben einem zerbrochenen Stuhl sein Fahrer Yousef, weil Alan wieder einmal verkatert den Zubringerservice vom Hotel in den Brutkasten verschlafen hat. In dem Land der allgegenwärtigen Wasserflaschen gelingt es ihm doch immer wieder, an alkoholische Getränke zu kommen.
Ähnlich wie Bill Murray kämpft auch Tom Hanks mit dem Phänomen einer Art Zeitschleife, nur mit viel mehr Tempo. Wie auf einem Laufband in einem Fitnessstudio hetzt er immer wieder durch den Tag, ohne seinem Ziel auch nur einen Schritt näher zu kommen.
Welches war das noch gleich?

Aber zu Alans Glück ist die saudi-arabische Ärztin Zahra kein Hologramm, also keine technisch hochkompliziert erstellte photographische Aufnahme, die ein echtes dreidimensionales Abbild des Ursprungsgegenstandes wiedergibt. Sie ist aus Fleisch und Blut und dazu auch noch wunderschön.
Auch der Fahrer Yousef (Alexander Black) ist mit Haut und Haar und für den gestreßten Amerikaner ein Glücksfall. Von dem witzigen, charmanten und oft sprunghaften und widersprüchlichen jungen Mann lernt Alan viel über Land und Leute.

Für die Beschreibung der Bilderflut lassen die Filmfiguren, besonders der mitteilungsbedürftige Yousef, nicht viel Zeit. Aber die Zeit, die blieb, wurde optimal genutzt und ich hätte keine der Informationen missen mögen. Nur als Alan und die Schöne vor den indiskreten Blicken der Nachbarn im wahrsten Sinne des Wortes einmal abtauchen und für eine gefühlte Ewigkeit die Luft anhalten müssen, konnten sich die Hörfilmbeschreiber einmal richtig austoben.

Tom Hanks darf sich damit rühmen, daß ihm gleich zwei der besten deutschen Synchronsprecher und beide aus Berlin ihre Stimme leihen bzw. liehen. Arne Elsholtz, der unter anderem auch Bill Murray synchronisierte, ist leider vor zwei Wochen gestorben.
Jetzt wird Joachim Tennstedt, der im Film „Ein Hologramm für den König“ zu hören ist, den Job wohl alleine übernehmen.

Ein Mann namens Ove

Klappt’s mit dem oder noch besser mit allen Nachbarn, dann ist das schon die halbe Miete.
Harmonische und gut funktionierende Mietergemeinschaften sind keine Seltenheit. Man sitzt in einem Boot, und das nicht nur bei Wasserschäden. Der gemeinsame Gegner ist entweder der Vermieter oder die von ihm beauftragte Hausverwaltung. Beide lassen gefühlt keine Gelegenheit ungenutzt, den Mietern das Leben schwer zu machen.

Bei Eigentümergemeinschaften tilgt der einzelne Wohnungs- oder Hauseigentümer seinen Kredit bei einer Bank. Das Wohngeld zur Begleichung der laufenden Kosten überweist er an die von der Gemeinschaft ausgewählte und einstimmig oder per Mehrheitsbeschluß bestellte Verwaltung.
Es fehlt also das gemeinsame Feindbild.
Ich wage zu behaupten, daß es in jeder Eigentümergemeinschaft mindestens einen Stinkstiefel gibt, der den Miteigentümern und der Verwaltung mit den absurdesten Ideen auf die Nerven geht. Vorausgesetzt, man muß in solch einer Gemeinschaft nicht wohnen oder diese verwalten, kann man darüber nur verwundert den Kopf schütteln oder einfach darüber lachen.
Als ob nicht jede Minute Streit verschenkte Lebenszeit wäre und gerade Nachbarn sich helfen und zusammenhalten sollten!

Zu dieser Einsicht kommt „Ein Mann namens Ove“ zwar spät, aber nicht zu spät.
In die deutschen Kinos kam er für die Kinoblindgänger gGmbH aber leider zu früh!
Ove aus Schweden hat mich sehr begeistert. Zu gern und bestimmt auch zu Maries großer Freude hätte ich ihn mit einer Hörfilmbeschreibung und Untertiteln ausgestattet und über die Apps Greta und Starks im Kinosaal ins Ohr bzw. vors Auge gebracht (Wer ist Marie? www.kinoblindgaenger.com)
Die erste Spende (250,00 Euro) ist übrigens schon eingegangen!

Über die Dialogpausen hat mich mein freundlicher Nachbar mit diskretem Zugeflüster vom Kinosessel nebenan so gut es ging hinweggerettet.
Ove stützt meine oben aufgestellte These mit dem Stinkstiefel allerdings nur in abgeschwächter Form.
Er wohnt in einem hübschen Holzhäuschen in einer sehr gepflegten Einfamilienhaus-Siedlung irgendwo in Schweden. Jeden Morgen dreht er seine Runde, um zu kontrollieren, ob die Siedlungsbewohner die überall angebrachten kleinen gelben Verbotsschilder auch respektieren.
Das tun sie natürlich nicht und es scheint ihm großes Vergnügen zu bereiten, seine Nachbarn ruppig und mürrisch zurechtzuweisen.
Das klingt eigentlich nicht unbedingt nach einem Sympathieträger, aber trotzdem mochte ich Ove von Anfang an.
Er ist gradlinig, konsequent und hat einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn.
Ausgestattet mit einem gesunden Menschenverstand und einer Portion Witz und Wortwitz läßt er sich auch nicht von seinen Vorgesetzten oder staatlichen Autoritäten auf der Nase herumtanzen.

In Schweden scheint es üblich zu sein, daß sich Hauseigentümer wie hier in der Siedlung in einem Verein zusammentun, um ein gesittetes Miteinander auf den gemeinsam benutzten Straßen und Flächen zu organisieren und diese auch zu pflegen.
Ove stand dem Nachbarschaftsverein solange als Präsident vor, bis er von seinem besten Freund Rune – wie er meint – „weggeputscht“ wurde.
Aber auch schon vor diesem Drama standen sich die Freunde als Kontrahenten gegenüber und veranstalteten in ihren Garagen ein Wettrüsten. Saab oder Volvo, das muß wohl eine hochideologische Grundfrage gewesen sein.

Ob man bei 59 Lebensjahren von einem jüngeren oder älteren Menschen spricht, hängt auch maßgeblich vom Alter des Betrachters ab.
Von einem „alten Schweden“ möchte ich bei Ove daher nicht sprechen, er ist allenfalls ein bißchen lebensmüde.
Im wahrsten Sinne des Wortes steinalt ist ein Findling, der vor 17 Jahren bei Baggerarbeiten in der Elbe entdeckt und auf den Namen „Alter Schwede“ getauft wurde. Der 217 t schwere Koloss hat einen Umfang von fast 20 m und wanderte während der „Elster-Eiszeit“ vor 320.000 bis 400.000 Jahren mit einem Gletscher Richtung Hamburg.

Ein bißchen kann man Ove, wunderbar gespielt von Rolf Lassgård, dem Ur-Wallander, sogar mit dem Findling vergleichen.
An seiner rauhen, etwas grauen Schale scheint alles abzuprallen.
Sein Kern ist allerdings wachsweich. Er kann seine fünf Selbstmordversuche nur deshalb nicht erfolgreich beenden, weil er sie vorher abbricht, um jemandem zu helfen oder jemanden zu retten. Er ist eben ein Macher und kann einfach nicht anders.
Nur ein Versuch scheitert ausschließlich an Materialermüdung.
Er gab Sonja, der viel zu früh verstorbenen großen Liebe seines Lebens, das Versprechen, ihr so bald wie möglich zu folgen.

Daß er dieses Versprechen nicht wie geplant einhalten kann und sogar wieder Freude am Leben gewinnt, verdankt er seinen neuen Nachbarn. Anfangs ist er entsetzt, daß sich ausgerechnet direkt neben ihm ein Ehepaar mit zwei Kindern einnistet.
Seine neue Nachbarin Parvaneh (Bahar Pars) ist zu allem Überfluß nicht einmal Schwedin und auch noch schwanger. Aber gegen ihr herzhaftes Lachen ist auch ein Mann namens Ove nicht gewappnet.

Zum Glück hatte und habe ich immer tolle Nachbarn, man hilft sich, hat Spaß miteinander, ohne sich zu eng auf die Pelle zu rücken.
Wenn es bei mir nur mit auf Hochglanz polierten Gläsern beim Nachbarn klappen würde, hätte ich ganz schön trübe Aussichten!

Eddie the Eagle – Alles ist möglich

Milch verleiht dem Konsumenten zweifellos genauso wenig Flügel wie der allseits bekannte klebrig-süße Drink aus der schmalen blausilbernen Büchse. Das Einzige, was der Hersteller dieses Produktes seit 1987 mit solch einer Behauptung beflügelt, sind wohl seine weltweiten Umsätze.
Der britische Ausnahme-Skispringer „Eddie the Eagle“ bevorzugte für seine körperliche Fitness das laktose- und kalziumhaltige Naturprodukt, mit dem er sich in jeder freien Minute stärkte.

Milch statt Dope, oder ausschließlich Dopen mit Milch, das wäre doch einmal eine sympathische Devise für alle künftigen nationalen wie internationalen sportlichen Wettkämpfe!

Ob der wirkliche Eddie the Eagle, mit bürgerlichem Namen Michael Edwards, dessen Biographie dem Film zugrundeliegt, genauso oft wie seine Filmfigur zum Milchglas griff, wissen wir nicht.
Jedenfalls stahl er als erster britischer Skispringer bei den Olympischen Winterspielen von 1988 im kanadischen Calgary den Medaillengewinnern beim Skispringen mit seinem spektakulären Sprung die Show. Er belegte zwar mit gerade 71 Metern Sprungweite den letzten Platz, wurde aber vom Publikum für seinen Mut gefeiert. Wegen seines recht unorthodoxen Stiles, in dem er sich mit den Armen rudernd um Stabilität im Flug bemühte, kürte man ihn zu „Eddie the Eagle“.
Diese Sensation muß damals an mir vorbeigeflogen sein. Aber dank des Filmes konnte ich diese Wissenslücke nun schließen und hatte meinen Spaß dabei.

Über den olympischen Gedanken „Dabei sein ist alles“ hinaus war ich im Kino nicht nur einfach so dabei. Mit der Hörfilmbeschreibung, die Eddie bei seinen 13 Sprüngen mit und ohne Bruchlandung begleitete, konnte ich jede kritische wie unkritische Phase genau verfolgen. Das gilt auch für seine Sorgenfalten, wenn er unschlüssig auf dem Startbalken sitzt und mit Unbehagen in den Abgrund schaut. Genauso wird beschrieben, wie er nach einem geglückten Sprung über das ganze Gesicht strahlt.
Seine letzte Amtshandlung, bevor er sich von dem Balken abstößt, ist jedes Mal das Zurechtrücken der Skibrille mit dem Zeigefinger. Die Musik kündigt an, wenn er sich schließlich in die Tiefe stürzt und unüberhörbar heben beide, Eddie und die Filmmusik, gleichzeitig vom Schanzentisch ab.
What goes up must come down!
Und genauso bekommen Musik und Eddie wie gewollt gleichzeitig wieder festen Boden unter die Füße, bei den ersten Versuchen recht unsanft und schmerzhaft, später auch elegant gleitend.

Erfunden und in die Welt getragen haben diese nicht ganz ungefährliche Variante des Skifahrens die Norweger. Die älteste bildliche Darstellung, daß und wie sie das tun, ist auf den 16. Februar 1862 datiert.
Knapp 30 Jahre später sprang man im steirischen Mürzzuschlag beim ersten europaweiten Wettbewerb im Skispringen über einen verschneiten Misthaufen.
Geruchsneutral wird es dagegen 1924 bei den olympischen Winterspielen zugegangen sein.
In diesem Jahr durften zum ersten Mal auch die Wintersportler inklusive der Skispringer im Wettkampf um olympische Medaillen gegeneinander antreten. Die Skispringerdamen sind allerdings erst seit zwei Jahren dabei.

Wiedererfunden und mit Leben erfüllt wurde die olympische Idee der Antike nach einer über zwei Jahrtausende langen Pause maßgeblich von dem französischen Baron Pierre de Coubertin.
Er gründete 1894 das Internationale Olympische Komitee und zwei Jahre später fanden unter Ausschluß des weiblichen Geschlechts die ersten Olympischen Spiele der Neuzeit in Athen statt. Frauen wollte der Erfinder und Herr der fünf Ringe nicht dabei haben, wurde aber im Jahr 1914 überstimmt.

Neuerfunden hat die Olympischen Spiele der Neurologe und Neurochirurg Ludwig Guttmann.
In Oberschlesien geboren und 1938 nach England emigriert, ist er der Begründer der Paralympischen Spiele, die ihre Premiere 1960 in Rom feierten. Seit 1992 finden die Paralympics am selben Ort wie die Olympischen Spiele statt, jeweils drei Wochen später.
Ohne Guttmanns großartige Verdienste auch nur ansatzweise schmälern zu wollen, fände ich es schöner, wenn behinderte wie nichtbehinderte Sportler vor demselben Publikum antreten könnten.

Blinde Skispringer konnte ich übrigens nicht ausfindig machen.
Manchmal ist es von Vorteil, der Gefahr nicht ins Auge schauen zu können, und ich bin bestimmt nicht ängstlich. Aber niemals würde ich in einer Schußfahrt diese langen steilen Hänge hinunter rasen und abheben, um vielleicht irgendwo und irgendwie wieder herunterkommen.
Genauso ging es dem Darsteller des Eddie. Taron Egerton machte sich zwar mit der Hockposition während der Abfahrt, der Absprungbewegung am Schanzentisch und der Technik der Telemark-Landung vertraut. Für die Ausführung der kritischen Phasen dazwischen ließ er sich doubeln.
Sein kettenrauchender Trainer Bronson Peary (Hugh Jackman), immer mit einem Flachmann in der Tasche, kam dafür ohne Double aus.

Beide Eddies faßten erst mit Anfang 20 den Entschluß, mit dem Skispringen zu beginnen und nach einer Trainingszeit von nicht einmal zwei Jahren an den Olympischen Spielen in Calgary teilzunehmen.
Eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit!
Das olympische Motto „citius, altius, fortius“, streng übersetzt „schneller, höher, stärker“, aber im deutschen Sprachgebrauch als „schneller, höher, weiter“ eingeführt, war für beide nicht von Belang. Sie hielten sich an den anderen ebenfalls von Coubertin erwähnten Grundgedanken:

„Wichtig ist nicht, bei den Olympischen Spielen zu gewinnen, wichtig ist es, teilzunehmen.
Im (Sportler-)Leben geht es nicht darum, den Gegner zu besiegen, vielmehr darum, sich wacker zu schlagen.“

Dies ist den Eddies, beflügelt von ihren Träumen und mit eisernem Willen und Durchhaltevermögen mehr als gelungen!

Ich, nein, wir werden hängen!

Männer wie Frauen, Kopf an Kopf und fünf an der Zahl.
Und zwar öffentlich schon übermorgen ab 19.00 Uhr in der Ausstellung „Bildwechsel -Fotografie“.

Aufgehängt sind unsere fünf Portraits im Studio 1 im Kunstquartier
Bethanien, Mariannenplatz 2, in 10997 Berlin.

Aber wir hängen dort natürlich nicht alleine.
In der Ausstellung präsentiert das Photocentrum der Volkshochschule Friedrichshain-Kreuzberg über 100 Arbeiten von 12 Fotografen und Fotografinnen, die an dem Projekt „Bildwechsel – Fotografie nach der Werkstatt für Photographie“ beteiligt sind.

Daß wir fünf uns in der Serie des Fotografen Uwe Schumacher „mit anderen augen“ nebeneinander reihen, ist kein Zufall. Uns ist gemeinsam, daß wir zwar nicht sehen, aber umso besser gesehen werden können.
Wir haben unser Schicksal also vertrauensvoll in Uwes Hände gelegt, im Wissen, daß er den Auslöser zur rechten Zeit und im günstigsten Moment betätigt.
Das spricht schon einmal für den Fotografen!

Für Informationen über die anderen Fotografen und deren Serien, wie z. B. über „Berliner Wirtshäuser“ und „Veränderungen des Berliner Stadtbildes“ verweise ich auf die Homepage des Projektes. Dort findet man auch die genauen Öffnungszeiten und Details über das Programm:

http://www.werkstattfürphotographie.de/
Ich werde die anderen und mich gleich einmal am Freitag zur Vernissage besuchen!

Und DARUM die Kinoblindgänger gemeinnützige GmbH!

Wochenende! Die Freunde planen ihren Samstagabend. Erst einen guten Film im Kino anschauen, dann den Abend in einer ruhigen Bar gemütlich ausklingen lassen. Ganz normal eigentlich.

Nicht für Marie. Sie bleibt lieber allein zu Haus. Während ihre Freunde sich in ihren Kinosesseln amüsieren, würde sie rund zwei Stunden lang mehr oder weniger nur Bahnhof verstehen. Danach, in der Bar, werden ihre Freunde über das gemeinsame Kinoerlebnis diskutieren und Marie wäre wieder außen vor. Natürlich ist sie traurig und der Film hätte sie schon interessiert, aber Marie ist blind. Der gute Inklusionsgedanke hat mal wieder versagt.

Muß das so sein? Nein, es gibt doch den Hörfilm!
Von einem Hörfilm spricht man, wenn eine akustische Bildbeschreibung dafür sorgt, daß Menschen wie Marie dem Filmgeschehen stets folgen können. Denn sobald die Filmfiguren auf der Leinwand das Gespräch einstellen, fragt sich der Kinoblindgänger, so nenne ich die Zielgruppe: Was passiert da jetzt eigentlich gerade?

Um die Kinoblindgänger nicht im doppelten Sinne im Dunkeln stehen zu lassen, beschreiben geschulte Autoren knapp und präzise die Bilder des Films. Diese Texte werden in einem Tonstudio von Profisprechern in die Dialogpausen eingesprochen. Mit allen technischen Details kommen so je nach Filmlänge und Arbeitsaufwand um die 6.000 Euro zusammen.

Werden noch einmal ca. 1.500 Euro investiert, kann sich der Kinoblindgänger die fertigen Bildbeschreibungen, sogenannte „Audiodeskriptionen“, in jedem Kinosaal über ein Abspielgerät, z. B. einfach sein eigenes Smartphone, und einen Kopfhörer diskret ins Ohr flüstern lassen. So werden die anderen Zuschauer im Saal nicht „genervt“.

Anders als bei den deutschen Filmproduktionen verlangt das Filmförderungsgesetz für Filme aus dem Ausland keine Hörfilmbeschreibung. Deshalb bleiben diese bis auf wenige rühmliche Ausnahmen den rund 150.000 Blinden und 500.000 Sehbehinderten alleine in Deutschland und natürlich auch Marie allein zu Haus unzugänglich.

Seit über einem Jahr berichte ich auf www.blindgaengerin.com über meine Kinoerlebnisse. Jetzt möchte ich aber nicht mehr nur den Filmen, die im Kino laufen, hinterherschreiben, sondern mit der Kinoblindgänger gemeinnützige GmbH aktiv werden. Das Ziel: Mehr Hörfilmbeschreibungen für mehr Kinoblindgänger!

Soll sich darum nicht die Filmbranche kümmern?
Eigentlich wäre der Filmverleih, der den ausländischen Film einkauft und in die deutschen Kinos bringt, für die Erstellung und Finanzierung der Audiodeskription zuständig. Aber viele kleine oder freie Filmverleiher, die oft hochinteressante, auf Filmfestivals mit Preisen ausgezeichnete Filme in meist kleinere Kinos bringen, können diese Kosten nicht stemmen, jedenfalls nicht für jeden ihrer Filme. Genau da sehe ich mein Betätigungsfeld.

Bei den größeren und finanzkräftigen Filmverleihern werde ich mich auf das regelmäßige Sensibilisieren für das Thema durch freundliches, aber hartnäckiges Nachfragen und Nachhaken beschränken.

Aber müssen Blinde und Sehbehinderte denn unbedingt ins Kino?
Sie müssen nicht, aber sie wollen!
Spricht man dieser Gruppe von vornherein den Spaß ab an allem, was hauptsächlich visuell funktioniert, bleibt verdammt wenig übrig. Ein schönes Zitat, leider nicht von mir, lautet:

„Das Kino ist ein Fenster zur Welt.“

Mit Ihrer Hilfe möchte ich für alle Kinoblindgänger in diesem Land versuchen, so oft wie möglich vor diesem Fenster die Jalousie, die uns die Sicht nimmt, hochzuziehen.
Erste Erfahrungen beim Jalousiehochziehen habe ich letztes Jahr gesammelt.
Von mir initiiert und freundlich unterstützt wurde zumindest die DVD der Filmkomödie „Kartoffelsalat – Nicht fragen!“ mit einer barrierefreien Fassung, also einer Audiodeskription und Untertiteln ausgestattet.

Und ja, Ihre Befürchtung ist richtig: Mit „Ihrer Hilfe“ meine ich Ihre Förderung dieser Arbeit als Spender oder Sponsor.

Die Kinoblindgänger gGmbH hat das Glück, bereits vorhandene und gut organisierte Bürostrukturen nutzen zu können. Die eingehenden Beträge kommen ausschließlich der Sache zugute. Die Gesellschafter werden, wie es das Gesetz verlangt, keine Gelder entnehmen. Und wie es nicht einmal das Gesetz verlangt: Ich und mein Mitgeschäftsführer werden sich auch keine Gehälter zahlen.

Übrigens: So wie den Kinoblindgängern die Bilder beschrieben werden, müssen den Gehörlosen die gesprochenen Worte als Untertitel ins Auge gebracht werden. Trotz dieser Verschiedenheit sitzen beide Gruppen jedenfalls im Kino in einem Boot. Wenn eine Audiodeskription für einen Film entsteht, werde ich mich immer auch um die Untertitel für die große Gruppe der Gehörlosen kümmern. Das so geschnürte barrierefreie Paket kostet schließlich ca. 9.000 Euro pro Film.

Bitte helfen Sie mit! Unterstützen Sie uns mit einer Spende und holen Sie Marie vom Sofa! Die Kinoblindgänger gemeinnützige GmbH ist als förderungswürdig anerkannt, Ihre Spende kann steuerlich geltend gemacht werden. Eine entsprechende Zuwendungsbestätigung senden wir Ihnen gern zu.

Unser Spendenkonto:
Kinoblindgänger gemeinnützige GmbH
Commerzbank Wiesbaden
Kontonummer 0123452300, BLZ 510 800 60
IBAN: DE50 5108 0060 0123 4523 00, BIC: DRESDEFF510

Mit herzlichem Dank und besten Grüßen!

Barbara Fickert

Die Einhaltung der satzungsmäßigen Voraussetzungen nach den §§ 51, 59, 60 und 61 AO wurde vom Finanzamt für Körperschaften I in Berlin, StNr. 27/613/03843, mit Bescheid vom 23.03.2016 nach § 60a AO gesondert festgestellt. Wir fördern nach unserer Satzung die Hilfe für behinderte Menschen (§ 52 Abs. 2 Satz 1 Nr. 10 AO).