Mein Blind Date mit dem Leben

Mit „mein Blind Date“ ist nicht meins gemeint, sondern seins, und zwar das von Saliya Kahawatte. Und sein erstes Blind Date hat er nicht mit der großen Unbekannten, sondern mit seinem Wecker.

Eines Morgens kann er die Ziffern nicht mehr erkennen. Es scheint, als ob sich eine dicke Milchglasscheibe vor das Display geschoben hat. Das ist leider kein böser Traum, aus dem es ein erlösendes Erwachen gibt. Mit 15 verliert Saliya über Nacht den größten Teil seines Augenlichts. Daß eine so schwere Augenerkrankung wie aus heiterem Himmel ausbricht, ist zwar sehr selten, kommt aber öfter vor, als man denkt.

Genausowenig wie die Ziffern seines Weckers kann er seine Bücher lesen. Trotzdem geht er weiterhin aufs Gymnasium und besteht dank seines eisernen Willens und seines phänomenalen Gedächtnisses das Abitur.

Nach der Schulzeit lehnt er es ab, in einer Behindertenwerkstatt zu arbeiten, und fühlt sich auch nicht zum Masseur oder Telefonisten berufen.
Saliya hat schon immer davon geträumt, in einem Luxushotel zu arbeiten. Die Sehbehinderung ist für ihn kein Grund, seinen großen Traum platzen zu lassen. Es zieht ihn weiter in die Welt der allgegenwärtigen zerbrechlichen Gegenstände und herumwuselnden wildfremden Menschen.

Nach vielen Absagen beschließt er, seine massiven Augenprobleme zu verschweigen und prompt wird er zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen. Dieses verläuft zwar etwas chaotisch, aber erfolgreich. Es gelingt ihm, dem Personalchef des altehrwürdigen Münchner Luxushotels Bayerischer Hof seinen ersten Bären aufzubinden und den Sehenden vorzugaukeln.

Das klingt nach einem Stoff, aus dem nur Filme gemacht werden!
Die bis jetzt beschriebene Filmhandlung ist aber zugleich der Anfang einer unglaublichen Geschichte, die das wahre Leben schrieb.
Der heute 47-jährige Saliya Kahawatte verarbeitete seine durchlebten Hochs und Tiefs in seinem Buch „Mein Blind Date mit dem Leben“, das 2009 veröffentlicht wurde und die Filmemacher zu diesem Film inspirierte.

15 Jahre lang bewegt sich Saliya dank seiner ausgeklügelten Täuschungsmanöver und unterstützt von wenigen eingeweihten Freunden in der Hamburger Hotelbranche, ohne daß irgend jemand etwas von seiner Sehschwäche ahnt.
Im Film werden diese 15 Jahre zu den drei Ausbildungsjahren im Bayerischen Hof zusammengerafft und Saliyas letzte Schuljahre nur kurz gestreift.

Die Filmhandlung, in der Kostja Ullmann in Saliyas Rolle schlüpft, gibt deshalb mächtig Gas.
Bis sich Saliya in seinem neuen Umfeld und dem riesigen Hotel die Wege mit allen Stufen und Stolperfallen eingeprägt hat, stolpern wir ihm temporeich mit viel Witz und Situationskomik von einem Blind Date ins nächste hinterher.
Von einem Tag auf den anderen muß er spezielle Techniken entwickeln, um heimlich und unbemerkt sein Sehdefizit in Form der dicken Milchglasscheibe auszugleichen.
Wie putzt man zum Beispiel einen Spiegel nicht blind, sondern absolut schlierenfrei, und wann ist ein Weinglas perfekt poliert?
Das Schneiden der italienischen Mortadella in hauchdünne Scheiben an der Höllenmaschine – ohne daß Blut fließt – will gelernt sein.
Beim Mixen von Cocktails lauern gleich zwei Gefahren. Man kann sich bei der Flaschenvielfalt vergreifen und bei der Dosierung der Flüssigkeiten verschätzen.
Das alles ist megaanstrengend, aber zu schaffen. Und zwar mit beharrlichem Üben, einem Ordnungssystem, in das niemand dazwischenfunkt, einem geschulten Gefühl, Gehör und Tastsinn und einem wahnsinnig guten Gedächtnis.
Das größte Problem dabei wird wahrscheinlich der Zeitdruck sein und das Wissen, immer unter Beobachtung zu stehen.
Aber es lauert noch ein, wie ich finde, weitaus größeres Risiko, enttarnt zu werden:
In der Gastronomie wird unter dem Personal und im Service viel mit kleinen Gesten und über die Augen kommuniziert.

Saliya jedenfalls ist fast rund um die Uhr unter Hochspannung und das kann auf Dauer nicht gutgehen. Aber er hat ja Freunde, auf die er sich verlassen kann.

Ich konnte mich während des Films auf die Audiodeskription in meinem Ohr verlassen, ohne die mein Kinobesuch ein Blind Date geblieben wäre. Die ruhige Stimme des Sprechers hing immer über Saliya wie ein guter Geist.
Bei seinem Blind Date habe ich auch einige Parallelen zu meinem Blind Date mit dem eigenen Leben feststellen können.
Dem sehr jungen Publikum im ausverkauften Kinosaal gab der Film dagegen auf amüsante und lockere Weise einen Einblick in die Welt der nicht bzw. schlecht sehenden Menschen. Es wurde mit Saliya gelitten und sich gefreut, wie er sich durchschlägt.
Das fand ich super!

Zwischendurch mal als Paragraphenreiterin unterwegs!

Der Mai macht alles neu.
Es grünt so grün und es liegt was in der Luft!
Aber auch im Januar, wenn die Tristesse von fifty shades of grey die Farbpalette bestimmt, bleibt nicht alles beim Alten.
Für reichlich Abwechslung sorgen diverse neue gesetzliche Vorschriften, die am ersten Tag des kalten Monats in Kraft treten.

Neu gemacht hat dieser Januar wieder einmal das Filmförderungsgesetz!

Den Anfang macht im Kino der Vorspann und zu Ende ist ein Film immer erst am Schluß des Abspanns. An diesen Plätzen werden die Förderer eines Films aufgeführt. Bei deutschen Filmen erscheinen sehr häufig dort die drei Buchstaben „FFA“ für „Filmförderungsanstalt“ auf der Leinwand.

Die quasi Daseinsberechtigung und Arbeitsgrundlage der FFA ist das Gesetz über Maßnahmen zur Förderung des deutschen Films, kurz das Filmförderungsgesetz, ganz kurz das FFG. Beide haben die schöne Aufgabe, dem deutschen Film auf die Beine zu helfen, der Anfang der 60er Jahre zu schwächeln begann. Sie starteten die „Mission Possible“ vor 49 Jahren mit dem ersten Filmförderungsgesetz vom Dezember 1967. Seitdem wird das Gesetz regelmäßig aktualisiert.

Neu gemacht hat der Januar zum Beispiel den § 47 FFG über die barrierefreie Fassung. Mal schauen, was sich damit ändert!

Der erste riesige Schritt wurde vor knapp vier Jahren im Mai bzw. August 2013 getan.
Seitdem gilt der Grundsatz: Barrierefreiheit für den deutschen Film!

Wer von der FFA Fördergelder für die Produktion eines Films erhält, ist zur Herstellung einer Audiodeskription und von Untertiteln für Hörgeschädigte verpflichtet.
So verlangte es § 15 Absatz 1 Satz 1 Nr. 7 FFG.
Die anderen öffentlich-rechtlichen Förderer haben vergleichbare Regelungen übernommen. Weil fast alle deutschen Filme aus einem dieser Fördertöpfe Gelder erhalten, gibt es inzwischen auch für fast alle deutschen Filme eine Audiodeskription und Untertitel.
Das ist super!

Im neuen § 47 Absatz 1 Satz 1 wird die bisherige Regelung im Prinzip wiederholt. Neu ist aber, daß die Audiodeskriptionen und Untertitel nicht wie bisher irgendwann, sondern pünktlich zum Kinostart hergestellt werden.
Diese zeitliche Klarstellung ist auch super!

Nicht geregelt war in dem alten Gesetz, wie Sehbehinderte und Hörgeschädigte im Kinosaal auch tatsächlich die Audiodeskription in die Ohren und die Untertitel vor die Augen bekommen.
Dieser Thematik nimmt sich der brandneue Satz 2 des § 47 an, der da lautet:

„Förderhilfen für Kinos und für den Absatz von Filmen dürfen nur gewährt werden, wenn barrierefreie Fassungen in geeigneter Weise und in angemessenem Maße zugänglich gemacht werden.“

Hier hilft der Blick ins Gesetz zum Verständnis der Rechtslage nicht viel weiter. Die sehr allgemein gehaltene Vorschrift muß erst einmal alltagstauglich gemacht werden und mit dieser Aufgabe ist die FFA betraut.
Sie wird in Abstimmung mit Fachleuten auf dem Gebiet der benötigten Technik und Interessenvertretern von Menschen mit Hör- und Sehbehinderungen möglichst konkrete Vorgaben erarbeiten.
Mit den Begriffen „geeignet“ und „angemessen“ stellt der Gesetzgeber klar, daß die FFA sich dabei an den Grundsatz der Verhältnismäßigkeit zu halten hat, also eine Interessenabwägung vornehmen muß.
Zu klären ist, wie einerseits die Zielgruppen in den Genuß der barrierefreien Fassungen kommen, ohne andererseits die Kinos und Verleiher zu überfordern.
Erst wenn das geschehen ist, wird sich zeigen, was sich mit dem neuen § 47 FFG tatsächlich ändert.

Stattet ein Kinobetreiber seine Säle mit einer Technik aus, um barrierefreie Fassungen zugänglich zu machen, kann er seit 2014 von der FFA für die Hälfte der Kosten Fördermittel beantragen.
Ich weiß von bundesweit ganzen sechs oder sieben Kinos, die in den letzten drei Jahren diese Möglichkeit nutzten, um ihre Säle mit der Technik von Sennheiser, dem CinemaConnect auszurüsten.
Macht ein Verleiher die barrierefreie Fassung seines Films über die App Greta und Starks verfügbar, sind auch hier 50 % der Kosten über die Verleihförderung förderfähig.
Ob mit oder ohne Verleihförderung, auf der Liste der App sind im Lauf der letzten drei Jahre die barrierefreien Fassungen für mehr als 180 Filme zusammengekommen. Die Audiodeskription und Untertitel kann man dann mit seinem Smartphone in das Kino seiner Wahl einfach mitnehmen, unabhängig von dessen technischer Ausstattung.
Diese Arten der Kino- und Verleihförderung gibt es auch weiterhin.

Die Apps CinemaConnect und Greta und Starks sind zur Zeit die technisch aktuellsten Systeme auf dem Markt und haben ihre Vorgänger abgehängt. So sieht das auch die FFA, die sich neutral verhalten muß und keine der beiden Lösungen bevorzugen darf.
Die Branche, also die Kinos und Verleiher, sollen darüber entscheiden, meint die FFA.
Mir würde gut gefallen, wenn beide gemeinsam an einem Strang zögen.
Aber wie soll das bei den beiden Lösungen funktionieren, deren einzige Gemeinsamkeit ist, daß sie auf Apps basieren? Während die Ausstattung der Kinosäle mit der nötigen Technik für CinemaConnect die Bereitschaft der Kinobetreiber voraussetzt, liegt die Bereitstellung per Greta und Starks in der Entscheidung der Filmverleiher. Es ist, als ob man versucht, ein Pferd gleichzeitig von vorne und hinten aufzuzäumen.

Es ist aber anzunehmen, daß auch Vertreter beider Apps bei der Erarbeitung der rechtlichen Vorgaben durch die FFA beteiligt werden.

Viel zu selten werden die Zielgruppen gefragt, und damit meine ich nicht die Verbände, sondern den einzelnen Kinogänger.

Daß ich die App Greta und Starks bevorzuge, ist allgemein bekannt.
Jedes technisch ausgerüstete Kino ist ein gutes Kino. Aber bis das für alle weit über 4.500 Leinwände erreicht ist, führt meiner Meinung nach an der App kein Weg vorbei.
Sie macht ihren Job flexibel, ist überall einsatzbereit und wird regelmäßig mit Updates aktualisiert.

Leider nicht in den Zuständigkeitsbereich des Filmförderungsgesetzes fällt der internationale Film, weil in diesem naturgemäß keine deutschen Fördergelder stecken.
Das bedeutet, die die deutschen Kinos dominierenden ausländischen Filmproduktionen sind per se nicht barrierefrei. Vorletztes Jahr waren das 370 der insgesamt 596 Neustarts.
Nur dank des vorbildlichen Engagements einzelner Verleiher rauschten und rauschen nicht all diese Filme ungehört und ungesehen an den Zielgruppen vorbei.
Auch die Kinoblindgänger gGmbH gibt ihr Bestes, die Liste der erlebbaren Filme ein bißchen aufzustocken. Das sind allerdings nur sehr kleine Tröpfchen auf einen sehr heißen Stein.

Um die Filmförderung zu finanzieren, müssen unter anderem die Kinobetreiber einen Teil ihres Jahresumsatzes an die FFA abführen. Den Löwenanteil, meistens bis zu zwei Drittel der Einnahmen, spielt der internationale Film ein, der damit aber ausschließlich den deutschen Film fördert.
Dieser hätte bestimmt nichts dagegen, ein bißchen was abzugeben, um auch den internationalen Film barrierefrei zu machen!
Schließlich macht eine barrierefreie Fassung nur einen klitzekleinen Anteil an den durchschnittlichen Gesamtkosten eines Kino-Spielfilms aus, sie kostet lange nicht so viel wie ein einziger Drehtag.

Das wäre mal ein Vorschlag für einen weiteren Schritt in die richtige Richtung, denn auch wir Zielgruppen wollen alle Filme sehen oder hören!

Jetzt sitze ich ab, wische mir nach dem anstrengenden Ritt den Schweiß von der Stirn und entspanne mich im Kino!

Miss Sophie in freudiger Erwartung!

Übers Jahr ist es um Miss Sophie immer sehr still, bis sie sich alle Jahre wieder am 31. Dezember zur Feier ihres 90. Geburtstags zurückmeldet.
So soll auch der diesjährige Silvesterabend ihr ganz besonderes Fest sein!

Mit nur einem Festtag gab sich die 1876 in Dresden geborene Malerin Paula Modersohn-Becker nicht zufrieden.
„Mein Leben soll ein Fest sein“ war ihre Devise.
Dem Regisseur Christoph Schwochow ist ein wunderschöner Film über Paulas aufregendes, viel zu kurzes Leben gelungen. Den Film „Paula“ kann man sich gerade im Kino auch mit einer toll gemachten Audiodeskription über die App Greta anschauen.

Das gute Gelingen von Miss Sophies Fest liegt eigentlich ausschließlich in den behandschuhten Händen ihres Butlers James.
Aber jetzt schon zum zweiten Mal in Folge wird die treue Seele beim dritten Gang des Geburtstagsmenüs von gleich sechs Kolleginnen und Kollegen abgelöst.
Kübra Sekin serviert das Huhn mit waghalsigen Manövern rollstuhlfahrenderweise. Carina Kühne mit dem Downsyndrom kümmert sich ganz reizend um das Wohl der alten Dame und die Blindgängerin torkelt und kleckert nicht nur einmal mit Champagner.
Der kleinwüchsige Mathias Mester, der gehörlose Eyk Kauly und der kurzarmige Rainer Schmidt bemühen sich ebenfalls auf ihre ganz spezielle Weise um die Gastgeberin und ihre virtuellen Gäste.

Aber noch ist es nicht soweit und ich nutze die Zeit für einen kurzen Blick zurück und nach vorn.

2016 konnte ich aus Zeitgründen nur knapp halb so viele Blogbeiträge veröffentlichen wie vergangenes Jahr.
Der gute Grund dafür ist die Kinoblindgänger gemeinnützige GmbH!
Zwei Filme stattete sie in diesem Jahr zum Kinostart mit einer Audiodeskription und Untertiteln aus.

Den Anfang machte am 13. Oktober „Welcome to Norway“.
Weiter ging es mit der schwedischen Weihnachtskomödie „Eine schöne Bescherung“, die aktuell noch in den Kinos läuft.

Für den Familienfilm „Mein Leben als Zucchini“, der am 16. Februar 2017 in die Kinos kommt, ist die barrierefreie Fassung auch schon fertig.

Ermöglicht wurden diese drei Prozeduren durch die enge und freundliche Zusammenarbeit der jeweiligen Verleiher mit unserem kleinen, aber feinen Team.
Zu diesem gehören die Hörfilmbeschreiberin Inga Henkel und die freiberuflich tätige Kultur- und Filmwissenschaftlerin Lena Hoffmann.
Die speaker-search GmbH übernimmt die technische Abwicklung von A bis Z und hat immer ein offenes und vor allem geduldiges Ohr für meine vielen Fragen.
Das gilt übrigens auch für die Leute von Greta und Starks.

Aber nichts ginge ohne den Mann im Hintergrund.
Jürgen Schulz hält als Mitgeschäftsführer den Laden am Laufen und kümmert sich um die so lästige Bürokratie.
Sehr viel Vergnügen bereitet ihm allerdings das Ausstellen von Spendenbescheinigungen und diesbezüglich hat er noch reichlich freie Kapazitäten!!!

Die Produktionskosten für „Welcome to Norway“ und „Eine schöne Bescherung“ sind gedeckt. Das gelang mit Hilfe des Engagements des Verleihs Neue Visionen, des DGB Niedersachsen und der Spendengelder, die größtenteils aus dem Familien- und Freundeskreis kamen.

Bei „Mein Leben als Zucchini“ erhielten wir Unterstützung vom SRF (Schweizer Fernsehen), nochmals ein Dank und Grüße nach Zürich! Dennoch fehlen für das Projekt noch ca. 4.300,00 Euro.
Für diesen Betrag ging die Kinoblindgänger gGmbH in Vorlage und im Jahr 2017 soll es ja auch mit neuen Prozeduren weitergehen!

Mit diesem Wink mit dem Zaunpfahl und einer Pappnase verabschiede ich mich für dieses Jahr, wünsche einen guten Rutsch und viel Spaß beim Dinner for One wieder einmal „ganz anders“!

https://www.youtube.com/watch?v=vuewNWQtayM

Eine schöne Bescherung

„Alle Jahre wieder…“

…hat die Hektik der Vorweihnachtszeit an Heiligabend ein Ende und es kehrt Ruhe ein!
Die Geschenke sind verpackt, das Essen vorbereitet, und man versammelt sich um den hübsch geschmückten Weihnachtsbaum. Einem besinnlichen und harmonischen Weihnachtsfest im Kreis der Familie steht eigentlich nichts mehr im Wege.
Die Kinder, bislang vom Weihnachtsstreß der Erwachsenen unbeeindruckt, werden allmählich ungeduldig und die Frage wird drängender, wann endlich…

„…kommt das Christuskind“

Es darf aber auch der Weihnachtsmann sein!

Oscar und Simon warten eher nicht auf den Mann mit dem weißen Rauschebart, aus diesem Alter sind sie mit ihren 27 Jahren auch längst raus.
Vielmehr erwarten die beiden mit leicht gemischten Gefühlen ihre Familien, die sie zum Weihnachtsabend in ihr neues gemeinsames Zuhause eingeladen haben.
Oscar und Simon sind seit drei Jahren ein glückliches Paar. Es ist also höchste Zeit, die Eltern miteinander bekannt zu machen.
Kurz bevor die Bagage eintrifft, laufen die Vorbereitungen für das Festmahl immer noch auf Hochtouren. Auf den letzten Drücker wird leider erfolglos versucht, laktosefreie Sahne für den versprochenen Reispudding aufzutreiben.
Dieser darf bei einem schwedischen Weihnachtsmenü genausowenig fehlen wie marinierter Hering mit Kartoffeln, Fleischklößchen und, nicht zu vergessen, der traditionelle Weihnachtsschinken.
Das verfrühte Auftauchen Oscars fünfköpfiger Familie trägt schließlich auch nicht gerade zur Entspannung der Lage bei.

„Eine schöne Bescherung“ ist also bereits ab dem 22. Dezember in den Kinos vorprogrammiert!

Mit dieser Weihnachtskomödie bescherte die schwedische Regisseurin Helena Bergström ihren Landsleuten schon letztes Jahr zur Weihnachtszeit ein extrem wortwitziges, aber auch warmherziges Kinoerlebnis.

Vor einigen Jahren stieg der in Schweden sehr beliebte Komiker Robert Gustafsson als Hundertjähriger aus einem Fenster und verschwand.
Hier ist er als Oscars Vater nur am Herumnörgeln und Kritisieren und bleibt.
Ihm mißfällt, daß sich sein Sohn gemeinsam mit Simon dieses Häuschen gekauft hat und läßt an dem Brutkasten, wie er es nennt, kein gutes Haar.
Mißtrauisch beäugt er auch die anwesende hochschwangere junge Frau namens Cissi, zu der Oscar und Simon ein sehr vertrautes Verhältnis zu haben scheinen.
Eine friedliche und harmonische Stimmung will sich bei dem Fest der Liebe nicht so recht einstellen, woran auch Simons Familie nicht ganz unbeteiligt ist.
Die Nervosität der Gastgeber steigt mit jeder Filmminute und auch Cissi läßt ihrem Unmut über den Verlauf des Abends zunehmend freien Lauf.

Hier ist der Filmtrailer:

Bei diesem turbulenten Weihnachtsfest kann auch Marie wie alle Kino-blindgänger nach Herzenslust mitfeiern und mitlachen.
Eine Audiodeskription sowie Untertitel für Gehörlose, ermöglicht von der Kinoblindgänger gemeinnützige GmbH, werden über die Apps Greta und Starks verfügbar sein.
Natürlich auf den letzten Drücker, wie für Weihnachtsgeschenke symptomatisch, aber doch rechtzeitig zum Kinostart am 22.12.2016!

Bis, wie alle Jahre wieder, endlich Ruhe einkehrt, müssen zwar noch einige Türchen im Adventskalender geöffnet werden, ich wünsche aber trotzdem schon einmal „God Jul“!

Frohe Weihnachten!

Kinoblindgänger gGmbH ist drin!

Das Schwein galt schon immer als Glücksbringer und Symbol der Fruchtbarkeit, Nützlichkeit und Genügsamkeit.
Es vermehrt sich fleißig, ist ein dankbarer Resteverwerter und diente früher während der Winterzeit als Protein- und Fettspender. Dieses positive Image wird die Menschen einst dazu bewogen haben, Behältnissen zum Sammeln und Sparen von Münzen die Form eines Schweins zu geben.
Das Sparschwein erfreut sich bis heute großer Beliebtheit. Deutschlands ältestes Exemplar soll aus dem 13. Jahrhundert stammen und ist im Weimarer Museum für Ur- und Frühgeschichte ausgestellt.

Wegen des Fotos für diesen Blogbeitrag wurde auch ich glückliche Besitzerin eines Sparschweins und das hat jetzt ein schönes Stammplätzchen auf dem Küchentresen.
Um den Umweg über diese Piggy Bank (Sparschwein auf Englisch) zu vermeiden, hat die Kinoblindgänger gemeinnützige GmbH ab sofort bei betterplace auch ein digitales Plätzchen.

Die Online-Spendenplattform betterplace.org hat die Rechtsform einer gemeinnützigen Aktiengesellschaft, der gut.org.
Sie ist Deutschlands größte Internet-Spendenplattform, wurde 2007 gegründet und hat ihren Sitz in Berlin.
Soziale Projekte aus der ganzen Welt können dort kostenlos Geld- und Zeitspenden sammeln.

Hier ist ein Link zu unserer Projektseite und unserem virtuellen Sparschwein bei betterplace:

https://betterplace.org/p49608

Auf der Blogseite links ist auch ein einfacher Spendenbutton von betterplace zu finden.

Nach „Welcome to Norway“ freut sich Marie schon auf weitere ausländische Arthousefilme, die sie gemeinsam mit ihren Freunden und Audiodeskription im Kino erleben kann.

Quasi als Weihnachtsgeschenk gibt’s ja schon bald die schwedische Weihnachtskomödie „Eine schöne Bescherung“ ab dem 22. Dezember.

Nächstes Jahr im Februar geht es weiter mit „Mein Leben als Zucchini“!
Die barrierefreie Fassung für diesen Film hat die Kinoblindgänger gGmbH als Projekt bei betterplace eingestellt.
Weil dort nur 250 Zeichen, das ist fast nichts, zum Vorstellen des Films vorgesehen sind, tue ich das hier noch einmal detaillierter:

Kinostart dieses großartigen Animationsfilms für die ganze Familie aus der Schweiz/ Frankreich ist der 16. Februar 2017. Auf  dem weltweit wichtigsten und größten Festival für Animationsfilm in Frankreich gewann er im Sommer den Publikumspreis.

Zur bezaubernden Musik der Schweizerin Sophie Hunger erleben wir die berührende Geschichte eines neunjährigen Jungen mit dem Spitznamen Zucchini. Nach dem plötzlichen Tod seiner Mutter wird er in einem freundlichen Kinderheim untergebracht. Damit auch Kinoblindgänger – groß wie klein – verfolgen können, wie Zucchini sich in seinem neuen Zuhause einlebt, seine Trauer überwindet und neue Freunde findet, beschreibt eine Autorin möglichst viele optische Details.

Auf unserer Seite bei betterplace habe ich den Bedarf für dieses Projekt mit 6.380,00 Euro angegeben. Ich will aber nicht einfach eine Summe in den Raum stellen. Für Interessierte folgt daher eine kurze Aufstellung, wie sich dieser Betrag zusammensetzt:

Honorar der Hörfilmautorin:                                                           €       800,00

Redaktionelle Mitarbeit als blinde Hörfilmbeschreiberin:        €           0,00       (Mache ich selbst.)

Sicherheitshalber überarbeitet eine dritte Person den Text:    €       240,00

Honorar der Sprecherin:                                                                   €       570,00

Aufnahme und technische Aufbereitung (Tonstudio):               €    2.380,00

Erstellung der Untertitel für Gehörlose:                                        €    1.200,00

Kosten der Bereitstellung bei den Apps Greta und Starks:        €    1.190,00
____________

Summe:                                                                                                €   6.380,00

Dank der Apps können sich Kinoblindgänger (App Greta) und Gehörlose (App Starks) mit ihren Smartphones im Kino ihrer Wahl die Audiodeskription ins Ohr flüstern bzw. die Untertitel vors Auge bringen lassen. Das funktioniert auch später vor dem heimischen Fernseher, z. B. mit einer DVD, Blu-ray oder Video-on-Demand.

Der Film „Mein Leben als Zucchini“ ist mit 66 Minuten recht kurz. Längere Filme verursachen (leider) auch entsprechend höhere Kosten.

Aber es gibt ja nun das Sparschwein, hoffentlich wird es gut gefüttert!

Wie schön es doch manchmal sein kann, ein Schwein zu sein!

Das kalte Herz

„Das Leben ist kein Wunschkonzert“

Mit dieser gerappten Erkenntnis beginnt der Refrain des Songs „Wünsch dir was“ der Hip-Hop-Band Genetikk aus dem Jahr 2015. Die Toten Hosen hatten schon vor 23 Jahren auf ihrer LP „Kauf mich!“ einen gleichlautenden Titel natürlich im Stil des Punk Rock veröffentlicht.
Abgesehen von den Passagen, die von einem Kinderchor gesungen werden, haben die beiden Versionen von „Wünsch dir was“ nichts gemeinsam.

Ob man nun Fan von Rap ist oder diesen eher als Nörgelgesang abtut, die Band Genetikk setzt sich in ihrem Werk intensiv und sozialkritisch mit den Risiken und Nebenwirkungen des Wünschens auseinander.
Auch Wilhelm Hauff erzählt in „Das kalte Herz“ eine seitdem bereits mehrfach verfilmte Geschichte rund um das Wünschen und was dabei alles schieflaufen kann.
Der Regisseur Johannes Naber wiederum erfüllte sich mit seinem vor kurzem in den Kinos gestarteten Film „Das kalte Herz“ seinen Wunsch, einmal ein Märchen zu drehen.

Also, es war einmal ein junger Mann namens Peter Munk, der mit seinen Eltern im Schwarzwald in der Nähe des Dorfes Gutach lebte, nein, im Film lebt er!
Dort gehen Vater und Sohn dem Handwerk der Köhlerei nach und produzieren Holzkohle, indem sie Holz in ihrem Kohlenmeiler verschwelen.
Holzkohle, die heute nur noch in Grills geschüttet wird, brauchte man damals unter anderem für die Glasherstellung und die Verarbeitung von Edelmetallen. Aber als Wilhelm Hauff um 1825 sein Märchen schrieb, hatte der Verdrängungsprozeß der Holzkohle durch die Steinkohle schon längst begonnen.
Die wirtschaftliche Lage der Köhlerfamilie Munk ist alles andere als rosig. Rußverschmiert versuchen sie in der Umgebung, mit ihrer schmutzigen Holzkohle goldene Kohle zu machen, und werden dabei von den Dorfbewohnern behindert, bedroht und boykottiert. Wie gering der Berufsstand der Köhler geschätzt wird, bekommt Peter auch im Wirtshaus zu spüren. Dort wird er verspottet und bei der Kirmes vom Tanzboden verjagt.

Aber glücklicherweise ist die Märchenfigur Peter Munk ein Sonntagskind und hat deshalb beim Glasmännchen drei Wünsche frei.

„Paß gut auf, was du dir wünschst“

Diesen Ratschlag der Rapper sollte man unbedingt beherzigen, wenn klar ist, daß sich das Gewünschte unwiderruflich erfüllt. Aber wen hätte der Kohlenmunk-Peter nach dem plötzlichen Tod seines Vaters zu den Risiken und Nebenwirkungen befragen sollen?
In den Bergen unter einer riesigen Tanne trifft er schließlich das Glasmännchen, einen den Menschen wohlgesonnenen Waldgeist, und vergeigt’s prompt.
Mit seiner herrlich knarzenden Stimme regt sich das Glasmännchen ganz fürchterlich über so wenig Verstand beim Wünschen auf.

„Jedem Wunsch folgt eine Konsequenz“, rappt es weiter.

Peters erster Wunsch, der beste Tänzer im Dorf zu sein, ist genauso unsinnig wie harmlos in seiner Konsequenz. Das Herz der anmutigen Lisbeth, das er mit seinen Tanzkünsten zu gewinnen erhofft, hatte er doch schon  erobert, ohne es zu ahnen.

Der zweite Wunsch, im Wirtshaus immer exakt genauso viel Geld in den Taschen zu haben wie der reiche Holzhändler Etzel, ist genauso dumm wie ruinös.
Wie gewonnen, so zerronnen! Also muß er sich noch einmal hilfesuchend in den finsteren Wald wagen.
Die Römer mieden vor 2000 Jahren die riesige, dunkle und scheinbar undurchdringliche Waldfläche, die sie von den Höhen der Alpen aus erblickten. Es heißt, sie gaben ihr damals den Namen „silva nigra“, schwarzer Wald.

Wunsch Nummer drei, Besitzer der größten Glasmacherei zu sein, hilft ihm auch nicht aus seiner Not, weil er die Kunst des Glasmachens nicht beherrscht.

„Wir sind gierig und das ist, was uns vernichtet“, so die Hip-Hopper.

Ganz in der Nähe des Glasmännchens treibt ein weiterer Waldgeist, der menschenverachtende riesige Holländer-Michel, in einer Felshöhle sein teuflisches Unwesen.
Jeder, der dessen großzügige finanzielle Unterstützung annimmt, verläßt die Höhle als ein anderer Mensch und wird bis an sein Lebensende nie mehr sein Herz spüren.

„Und die Moral von der Geschichte, all unsere Wünsche kosten Seelen“

Diese Zeile aus dem Song „Wünsch dir was“ beschreibt ganz treffend den Scherbenhaufen, den der Peter nach seinem Besuch beim Holländer-Michel mit seiner Herzlosigkeit und Skrupellosigkeit angerichtet hat.
Aber Ende gut, alles gut, und er bekommt gerade noch rechtzeitig die Kurve.

Die Drehbuchautoren hielten sich nicht gerade strikt an das ursprüngliche Märchen und die früheren Verfilmungen.
Meine Erinnerungen an „Das kalte Herz“ aus der Schulzeit sind nur noch rudimentär. Deshalb konnte ich mich im Kino vom Geschehen auf der Leinwand und der mystischen Stimmung einfach mitreißen lassen, ohne auf ein bestimmtes Ereignis oder Detail zu lauern oder mich über etwas Unerwartetes zu wundern.
Ich habe mich schön gegruselt, geschaudert oder mich einfach von den vielen tollen Stimmen und der Musik verzaubern lassen.
Die vielen Menschen, die zu den tollen Stimmen gehören, kann ich unmöglich alle aufzählen, also lasse ich es ganz sein.

Für die Audiodeskription hätte man keine passendere Stimme auswählen können.
Die Sprecherin erzählte mit ihrer natürlichen und doch geheimnisvollen, eher tieferen und ruhigen Stimme von den Guten und den Bösen, deren Bekleidung und dem Treiben im Dorf.
Auch die beeindruckende Kulisse des Schwarzwaldes, die Natur und die doch sehr gruseligen Szenen in der Höhle des Holländer-Michel wurden so ausführlich wie möglich beschrieben.

Hier gibt es ein kurzes Hörbeispiel.

Aber jetzt ist die Märchenstunde vorbei und ich halte es mit der letzten Zeile von „Wünsch dir was“ und

„mach die Augen zu und wünsch mir was“.

 

Doppelte Premiere!

Einen Tag vor dem regulären Kinostart fand am 12. Oktober im größten Kinosaal der Berliner Kulturbrauerei die Premiere von „Welcome to Norway“ statt.
Für mich war dieser Abend eine doppelte Premiere:

Zum einen fiel an diesem Abend der Startschuß für die Kinoblindgänger gemeinnützige GmbH, die als ihr erstes Projekt für genau diesen Film die barrierefreie Fassung ermöglicht hat, mit Hilfe des Filmverleihs Neue Visionen.
Zum anderen durfte ich zum ersten Mal in meinem Leben vor einer Leinwand in Berlin stehen und in einem sehr gut besuchten Kinosaal zum Publikum sprechen.

Der Filmkritiker Knut Elstermann moderierte den Abend und begrüßte nicht nur den aus Norwegen angereisten Regisseur Rune Denstad Langlo und Torsten Frehse von Neue Visionen Filmverleih, sondern auch mich.

Was ich genau von mir gegeben habe, ist in dem Video für die Nachwelt festgehalten.

Der Film läuft jetzt bereits in der dritten Woche und in immer mehr Kinosälen!

Welcome to Norway!

Vorsicht, ein Zug fährt ein!
Der Zug ist schwarz und hält nach zwei kurzen Aufenthalten in Emden-Norderney und Leipzig pünktlich am 13. Oktober auf einen Schlag in ca. 100 Kinos.
Erst mit dem Erwerb eines Tickets an der Kinokasse geht die Fahrt dann weiter, und zwar auf der Leinwand. Die Endstation heißt aber nicht Sehnsucht, sondern

„Welcome to Norway!“

Und noch einmal Vorsicht, es wird auch geschossen!
Mit dem Kinostart dieses besonderen Films fällt nämlich gleichzeitig der Startschuß der Kinoblindgänger gemeinnützige GmbH. Lange habe ich diesen Moment herbeigesehnt!
Marie kann sich wie alle Kinoblindgänger ab sofort die akustische Bildbeschreibung zu „Welcome to Norway“ mit ihrem Smartphone und Kopfhörer über die App Greta und Starks in wirklich jedem Kinosaal ins Ohr flüstern lassen.

Schon Anfang Juni weckte der Film bei seiner ersten Station in Deutschland beim Internationalen Filmfestival in Emden-Norderney meine Neugierde. Und dann ging es auch schon los!
Die Autorin Inga Henkel schrieb für die Audiodeskription den Text, den wir dann gemeinsam überarbeitet haben.
Das Ergebnis sprach die Sprecherin Nadja Schulz-Berlinghoff im Tonstudio der speaker-search GmbH mit ihrer schönen, ruhigen und klaren Stimme in die Dialogpausen ein.
Die Regie während der Aufnahme führte Moira May und ich war natürlich auch dabei.

Hier eine kurze Hörprobe:

Das Fazit aller an diesem Prozeß Beteiligten über „Welcome . .“: Große Begeisterung!

Zu meiner Begeisterung übernimmt der Verleih Neue Visionen die Hälfte der Produktionskosten für die Audiodeskription und Untertitel, letztere gibt es nämlich auch.

Sehr spontan und unbürokratisch bekam die Kinoblindgänger gGmbH auch einen Zuschuß für die barrierefreie Ausstattung von „Welcome to Norway“ vom Deutschen Gewerkschaftsbund, ganz genau vom

DGB-Bezirk Bremen – Niedersachsen – Sachsen-Anhalt.

Diesen beiden unerwarteten Unterstützern und natürlich unseren Spendern und Spenderinnen gilt ein großes und herzliches Dankeschön!

Und jetzt einige Details zum Film, einer Komödie trotz oder gerade wegen des ernsten und traurigen Hintergrunds!

In dem sehr dünnbesiedelten und bergigen Teil Norwegens nahe der schwedischen Grenze hat der schwarze Zug schließlich sein Ziel erreicht und kommt in einem kleinen Bahnhof zum Stehen.
Sofort strömen die Fahrgäste aus aller Herren Länder hinaus in die klirrende Kälte auf den Bahnsteig, den sie mit ihrem aufgeregten Stimmengewirr und viel Gepäck aus seinem Dornröschenschlaf wecken. Dort werden sie bereits von dem Hotelbesitzer Primus erwartet.
Anfangs noch sehr entspannt und gut gelaunt, versucht er, die Ankömmlinge in den bereitgestellten Reisebus zu lotsen. Seine Laune trübt sich allerdings schlagartig, weil er drei Leute in seinem Privatwagen mitnehmen soll. Der Bus ist zu klein.

Als Erster ergreift Abedi während der Fahrt das Wort. Der sympathische junge Mann kommt nicht nur im Film als Flüchtling aus dem Kongo. Er beherrscht als Einziger der großen Gruppe die norwegische Sprache und wird sich für Primus noch als unverzichtbare Hilfe erweisen.
Zoran ist Anfang 40 und stammt aus Libyen. Übellaunig und skeptisch beobachtet er die Ankunft in der norwegischen Provinz und hat sich sofort auf Primus, den wie er meint, „Scheiß-Wickinger“, eingeschossen. Das riecht nach Ärger!
Mona aus dem Libanon hält sich dagegen eher zurück, aber stille Wasser sind tief.
Sie ist ungefähr im selben Alter wie die 18-jährige Oda, die Tochter von Primus, die ihren Vater bei der Abholaktion begleitet.
Die drei in Primus Wagen, Abedi, Zoran und Mona, sind die zentralen Filmfiguren unter den insgesamt 50 Flüchtlingen, die sich nun in der Obhut des Hotelbesitzers befinden.

Nach der Fahrt durch die einsame verschneite Landschaft dirigiert Primus die Menschen in sein Hotel und begrüßt sie mit den Worten:

„Welcome to this beautiful refugee camp”

Erst dann erkundigt er sich, wer überhaupt Englisch verstehen oder sprechen kann, es sind nur zwei.
Mit der “schönen Flüchtlingsunterkunft” meint er sein heruntergekommenes Hotel, in dem gerade einmal die Hälfte der Zimmer auch nur provisorisch bewohnbar ist.

Der norwegische Regisseur Rune Denstad Langlo hieß neben dem Darsteller des Abedi auch als Statisten durchweg ehemalige Flüchtlinge in seinem Film willkommen. Einige haben Sprechrollen und all diese Menschen gemeinsam machen aus dem Film etwas ganz Besonderes.
Mit kleinen Gesten vermitteln sie die Einsamkeit fern der Heimat und die traurige Stimmung und Langeweile in einer Flüchtlingsunterkunft. Es wird aber auch gemeinsam angepackt, gekocht, gefeiert, Fußball geschaut oder Tischtennis gespielt und natürlich auch gestritten.

Für sehr viel Situationskomik sorgen die Sozialarbeiterin Leni und vor allem Primus, der an wirklich allen Fronten zu kämpfen hat und herzerfrischend politisch unkorrekt durch sein Hotel tobt. Von der für jeden Moment passend ausgewählten wunderbaren und unverwechselbaren Filmmusik gibt es eine Hörprobe und mehr im Trailer unter dem Link:

Also Marie, schnapp dir dein Smartphone und spring mit deinen Freunden in den Zug gen Norwegen! Und pack die Kopfhörer ein!

Zu Gast in Leipzig bei der Filmkunstmesse

„Die Nacht ist nicht allein zum Schlafen da,
die Nacht ist da, daß was geschieht!“

Weiter im Text des uralten Gassenhauers heißt es dann unter anderem:
„Die Nacht, die man in einem Rausch verbracht, bedeutet Seligkeit und Glück“ oder
„Rebellion, Rebellion in den Katakomben“

Als Erster sang der Schauspieler Gustaf Gründgens diese Zeilen in dem Film „Tanz auf dem Vulkan“.
Der Nazi-Propagandaminister Joseph Goebbels war über die Handlung und die Filmmusik nicht unbedingt erfreut. Trotzdem lief dieser Film im Jahr 1938 erstaunlicherweise unzensiert in den Kinos des Deutschen Reichs.

Ich habe nicht auf dem Vulkan getanzt, rebelliert oder mich über die Maßen alkoholisch berauscht. Aber zum Schlafen bin ich nicht nach Leipzig gekommen. Und so waren meine Leipziger Nächte sehr lang, spannend, lustig und hochinteressant. Ich bereue keine schlaflose Minute.

Zum 16. Mal veranstaltete die Arbeitsgemeinschaft Kino – Gilde deutscher Filmkunsttheater e.V. in Leipzig die Filmkunstmesse.
Leipzig kann nämlich nicht nur Bücher, sondern auch Filme!

Vom 19. Bis 23. September fanden sich dieses Jahr über tausend Kinobetreiber, Verleiher und Fachleute der Arthouse-Branche in der Messestadt ein.
An zwei Tagen mischte sich auch die Blindgängerin als Vertreterin der Ki-noblindgänger gemeinnützige GmbH gemeinsam mit Lena unters Kinovolk.

Nur wer ein Badge um seinen Hals trug wie früher die Schlüsselkinder den Hausschlüssel, hatte freien Zutritt zu allen Kinovorstellungen, Veranstaltungen und natürlich zu den abendlichen Partys und Preisverleihungen.
Lena und ich gehörten dazu und das war ein tolles Gefühl!
Ermöglicht hat das die AG Kino – Gilde, die uns freundlicherweise unkompliziert und kostenlos auf die Teilnehmerliste setzte.
Dafür bedanken wir uns noch einmal herzlichst!

Wir hatten also die wunderbare Qual der Wahl: Bei insgesamt 74 Filmen konnten wir uns aus Zeitgründen leider nur einige aussuchen.
Konzentriert haben wir uns dabei auf ausländische Filmproduktionen, die möglichst erst im nächsten Jahr offiziell in den Kinos starten.
Die Messe war die ideale Gelegenheit, sich schon einmal nach einem neuen Projekt für die Kinoblindgänger gGmbH umzuschauen.
Unter den acht Filmen, die wir geschafft haben, wurden wir auch fündig!
Die meisten liefen als Original mit Untertitel.
Die französischsprachigen Filme verstand ich ganz gut, den auf Englisch, na ja, und beim Spanischen mußte ich dann doch weitgehend passen.

Bei zwei Vorstellungen gab es die Möglichkeit, die App CinemaConnect von der Firma Sennheiser einmal auszuprobieren. Diese Gelegenheit haben wir uns natürlich nicht entgehen lassen.
Sennheiser ist Partner und Sponsor der Filmkunstmesse und stattete extra für diese beiden Vorstellungen zwei Kinosäle mit seiner Technik aus, einem WLAN.
Zuerst loggten wir uns mit unseren Smartphones im Kinosaal in dieses Netz ein.
Damit hatten wir über die App Zugriff auf die französische Originalfassung des Films „Einfach das Ende der Welt“, die wir über unsere Kopfhörer hören konnten. Auf der Leinwand wurde währenddessen die deutsche Sprachversion abgespielt.
Im Prinzip hat das zwar funktioniert, allerdings benötigt man dazu Kopfhörer, die einen zu 100 Prozent von den Außengeräuschen abkapseln.
Die Meinigen, übrigens von Sennheiser, sind für solche Zwecke nicht gedacht. Ich hatte mit einem leichten Knistern die französische Fassung über Kopfhörer, und viel lauter die deutsche gleichzeitig in meinen Ohren. Das war eindeutig zu viel und so habe ich nach einigen Minuten das Experiment abgebrochen.
Was die App CinemaConnect noch so alles kann und wie sie sich dabei von der App Greta und Starks unterscheidet, kann man sich in dem Hörspiel unter folgendem Link einmal anhören:

Ein Hörspiel

Der nächste Film lud nach Norwegen ein, natürlich auch als Originalfassung, und endlich war es soweit!
Torsten Frehse von Neue Visionen Filmverleih (oben rechts im Bild) begrüßte das Fachpublikum zu „Welcome to Norway“, der am 13. Oktober startet.
Dann war ich an der Reihe, die Kinoblindgänger gGmbH kurz vorzustellen, und konnte mit der ersten barrierefreien Fassung für diesen Film auch schon ein Ergebnis vorweisen.
Die von Neue Visionen und Kinoblindgänger gemeinsam finanzierte Audiodeskription und Untertitel waren auch schon über die App Greta und Starks verfügbar.
Lena und ich konnten uns also gleich einmal die Audiodeskription von der Greta ins Ohr flüstern lassen.

Der Letzte soll der Nächste werden!
„Mein Leben als Zucchini“ stand als letzter Film auf unserem Programm.
Das gesamte Publikum schmolz bei dem Animationsfilm dahin und ließ sich von der Musik von Sophie Hunger verzaubern.
Dieser Familienfilm aus der Schweiz wird Projekt Nummer drei der Kino-blindgänger und bekommt zum Kinostart am 16. Februar 2017 eine barrierefreie Fassung.
Vorher wird aber noch Weihnachten mit „A Holy Mess“ am 22.12.2016 gefeiert.

Für Lena und mich hieß es nach der zweiten noch längeren Nacht, leider Abschied von der Filmkunstmesse zu nehmen.
Aber nächstes Jahr hängen wir mindestens eine dritte Nacht dran!

El Olivo

Die spinnen ja nicht, die Römer, und pflanzen einen Olivenbaum in Düsseldorf.

Schon 55 Jahre vor Christus hätten sie dazu die Möglichkeit gehabt. Damals machten sich die Römer für einige Jahrhunderte auf dem Gebiet des heutigen Köln links des Rheins breit. Von dort wäre es zu dem vierzig Kilometer stromabwärts entfernten Düsseldorf auf der anderen Rheinseite ein Katzensprung gewesen. Aber als sich Düsseldorf aus mehreren kleinen Dörfern ganz allmählich zu der Stadt entwickelte, die sie heute ist, war die Zeit der Römer längst vorbei.

Hinzu kommt, daß Olivenbäume genauso wie ich mediterranen Klimazonen den Vorzug geben, wie zum Beispiel der Region des Bajo Maestrazgo, des Grenzgebietes zwischen Valencia und Katalonien.
Auch dort trieben sich einst die Römer herum und vielleicht stimmt es, was Ramón 2000 Jahre nach Christus seiner Enkelin Alma voller Stolz erklärt:

„Den hier sollen die Römer gepflanzt haben, der Baum ist über zweitausend Jahre alt.“

Mit einem Stammumfang von über acht Metern ist er der Mächtigste in Ramóns Olivenhain und spielt die Hauptrolle in dem Film „El Olivo“.
In seiner knorksigen Rinde kann man sogar zwei Augen und einen Mund ausmachen. Aber leider bringt er kein Wort über die Lippen, wo er doch bestimmt viel Interessantes zu erzählen hätte.

Wie klein und zerbrechlich scheint dagegen das erst 12 Jahre junge Olivenbäumchen auf meinem Foto. Sein noch ganz glatter Stamm hat einen Umfang von gerade einmal 56 cm.
Aber für mich war es stark genug und Oliven trägt es auch schon seit einigen Jahren.

Den Großvater und seine achtjährige Enkelin Alma verbindet vor allem ihre Liebe zu dem uralten Olivenbaum, aber die glücklichen Stunden des Trios sind gezählt.

Einen Schauspieler zu finden, dessen Gesicht und Hände von der jahrelangen harten Arbeit bei glühender Hitze in den Oliven gezeichnet sind, hat man erst gar nicht versucht. Ramón und auch die kleine Alma stammen aus derselben Region wie der Olivenbaum und sind beide keine professionellen Darsteller.
Und so wie Ramón aussieht, klingt er auch, wie man entweder bei der spanischen Filmfassung oder zumindest im spanischen Trailer hören kann.
Mit seiner sehr harten, rauen, energischen und leicht nasalen Stimme erteilt er der Absicht seines Sohnes Luis, den geliebten Olivenbaum für 30.000 Euro zu verkaufen, sehr schroff eine Absage.

Trotzdem ist kurze Zeit später das Aufheulen und Dröhnen von Motorkettensägen und anderem schweren Gerät zu hören. Dem prächtigsten Olivenbaum in Ramóns Olivenhain geht es an den Kragen. Dieses Drama kann die kleine Alma auch nicht mit ihrer spontanen Baumbesetzung abwenden.
Zurechtgestutzt, entwurzelt und für die lange Reise nach Düsseldorf vorbereitet wird aber nur ein extra für die Dreharbeiten aufwendig konstruiertes und zum Verwechseln ähnliches Double des Originals.

Ramóns Freund, der Baum, ist zwar nicht tot, aber fort. Seit diesem Ereignis kommt kein Wort mehr über die Lippen des Großvaters.
Damit ist der Geräuschpegel in der Familie aber kein bißchen gesunken.
Wenn Spanier sich einfach nur unterhalten, hört sich das fast so an, als ob sie sich jederzeit an
die Gurgel springen. Im Streit, und gestritten wird hier sehr viel, peitschen höllisch schnell gesprochene gewaltige Wortsalven durch die Luft.
In der deutschen Fassung geht es mit den sehr treffend ausgewählten Synchronstimmen etwas gemäßigter zu.
Als Nutzerin der App Greta hatte ich noch zusätzlich den Sprecher der Audiodeskription im Ohr. Mit seiner beruhigend tiefen Stimme läßt er sich auch bei der Beschreibung von Almas wildesten Tanzeinlagen nicht aus der Ruhe bringen. Er bleibt standhaft wie ein Baum.

Die knapp sieben fetten Jahre des spanischen Baubooms sind längst vorbei und Almas Vater Luis hat die 30.000 Euro Erlös für den Olivenbaum im wahrsten Sinne des Wortes in den Sand gesetzt.
Die nun folgenden mageren Jahre wollen kein Ende nehmen. Im achten Jahr faßt die inzwischen 23-jährige Alma einen Entschluß.
Mit ihrem Onkel Alcachofa und Rafa, einem Arbeitskollegen, der still in sie verliebt ist, startet sie eine sehr abenteuerliche Rückholaktion, hola nach Düsseldorf!
Koste es was es wolle, will sie ihrem Großvater den Baum und damit sein Leben und seine Sprache zurückgeben.

Den Ausverkauf unzähliger sogenannter „Milenarios“, der uralten riesigen Olivenbäume, in alle Welt hat es besonders während des Baubooms in Spanien wirklich gegeben.
Nach einer Reise in die Region des Bajo Maestrazgo und vielen Gesprächen mit den Menschen dort dachte sich der Drehbuchautor Paul Laverty die Geschichte um eines dieser traurigen Schicksale aus.
Die Regisseurin Icíar Bollaín läßt diese Geschichte von charismatischen Darstellern mit viel Gefühl, spanischem Temperament und sehr großer Spielfreude erzählen.
Sie gibt der Erzählung etwas Märchenhaftes und Hoffnungsvolles, ohne dabei den Blick auf die Realität zu verlieren, mit der vor allem die junge Generation des krisengeschüttelten Spanien heute noch zu kämpfen hat.

Im Alten Testament bei der Geschichte von Noah und seiner Arche war ein Olivenzweig, damals im Schnabel einer Taube, schon einmal ein Hoffnungsschimmer für einen Neuanfang!