Zu Gast in Leipzig bei der Filmkunstmesse

„Die Nacht ist nicht allein zum Schlafen da,
die Nacht ist da, daß was geschieht!“

Weiter im Text des uralten Gassenhauers heißt es dann unter anderem:
„Die Nacht, die man in einem Rausch verbracht, bedeutet Seligkeit und Glück“ oder
„Rebellion, Rebellion in den Katakomben“

Als Erster sang der Schauspieler Gustaf Gründgens diese Zeilen in dem Film „Tanz auf dem Vulkan“.
Der Nazi-Propagandaminister Joseph Goebbels war über die Handlung und die Filmmusik nicht unbedingt erfreut. Trotzdem lief dieser Film im Jahr 1938 erstaunlicherweise unzensiert in den Kinos des Deutschen Reichs.

Ich habe nicht auf dem Vulkan getanzt, rebelliert oder mich über die Maßen alkoholisch berauscht. Aber zum Schlafen bin ich nicht nach Leipzig gekommen. Und so waren meine Leipziger Nächte sehr lang, spannend, lustig und hochinteressant. Ich bereue keine schlaflose Minute.

Zum 16. Mal veranstaltete die Arbeitsgemeinschaft Kino – Gilde deutscher Filmkunsttheater e.V. in Leipzig die Filmkunstmesse.
Leipzig kann nämlich nicht nur Bücher, sondern auch Filme!

Vom 19. Bis 23. September fanden sich dieses Jahr über tausend Kinobetreiber, Verleiher und Fachleute der Arthouse-Branche in der Messestadt ein.
An zwei Tagen mischte sich auch die Blindgängerin als Vertreterin der Ki-noblindgänger gemeinnützige GmbH gemeinsam mit Lena unters Kinovolk.

Nur wer ein Badge um seinen Hals trug wie früher die Schlüsselkinder den Hausschlüssel, hatte freien Zutritt zu allen Kinovorstellungen, Veranstaltungen und natürlich zu den abendlichen Partys und Preisverleihungen.
Lena und ich gehörten dazu und das war ein tolles Gefühl!
Ermöglicht hat das die AG Kino – Gilde, die uns freundlicherweise unkompliziert und kostenlos auf die Teilnehmerliste setzte.
Dafür bedanken wir uns noch einmal herzlichst!

Wir hatten also die wunderbare Qual der Wahl: Bei insgesamt 74 Filmen konnten wir uns aus Zeitgründen leider nur einige aussuchen.
Konzentriert haben wir uns dabei auf ausländische Filmproduktionen, die möglichst erst im nächsten Jahr offiziell in den Kinos starten.
Die Messe war die ideale Gelegenheit, sich schon einmal nach einem neuen Projekt für die Kinoblindgänger gGmbH umzuschauen.
Unter den acht Filmen, die wir geschafft haben, wurden wir auch fündig!
Die meisten liefen als Original mit Untertitel.
Die französischsprachigen Filme verstand ich ganz gut, den auf Englisch, na ja, und beim Spanischen mußte ich dann doch weitgehend passen.

Bei zwei Vorstellungen gab es die Möglichkeit, die App CinemaConnect von der Firma Sennheiser einmal auszuprobieren. Diese Gelegenheit haben wir uns natürlich nicht entgehen lassen.
Sennheiser ist Partner und Sponsor der Filmkunstmesse und stattete extra für diese beiden Vorstellungen zwei Kinosäle mit seiner Technik aus, einem WLAN.
Zuerst loggten wir uns mit unseren Smartphones im Kinosaal in dieses Netz ein.
Damit hatten wir über die App Zugriff auf die französische Originalfassung des Films „Einfach das Ende der Welt“, die wir über unsere Kopfhörer hören konnten. Auf der Leinwand wurde währenddessen die deutsche Sprachversion abgespielt.
Im Prinzip hat das zwar funktioniert, allerdings benötigt man dazu Kopfhörer, die einen zu 100 Prozent von den Außengeräuschen abkapseln.
Die Meinigen, übrigens von Sennheiser, sind für solche Zwecke nicht gedacht. Ich hatte mit einem leichten Knistern die französische Fassung über Kopfhörer, und viel lauter die deutsche gleichzeitig in meinen Ohren. Das war eindeutig zu viel und so habe ich nach einigen Minuten das Experiment abgebrochen.
Was die App CinemaConnect noch so alles kann und wie sie sich dabei von der App Greta und Starks unterscheidet, kann man sich in dem Hörspiel unter folgendem Link einmal anhören:

Ein Hörspiel

Der nächste Film lud nach Norwegen ein, natürlich auch als Originalfassung, und endlich war es soweit!
Torsten Frehse von Neue Visionen Filmverleih (oben rechts im Bild) begrüßte das Fachpublikum zu „Welcome to Norway“, der am 13. Oktober startet.
Dann war ich an der Reihe, die Kinoblindgänger gGmbH kurz vorzustellen, und konnte mit der ersten barrierefreien Fassung für diesen Film auch schon ein Ergebnis vorweisen.
Die von Neue Visionen und Kinoblindgänger gemeinsam finanzierte Audiodeskription und Untertitel waren auch schon über die App Greta und Starks verfügbar.
Lena und ich konnten uns also gleich einmal die Audiodeskription von der Greta ins Ohr flüstern lassen.

Der Letzte soll der Nächste werden!
„Mein Leben als Zucchini“ stand als letzter Film auf unserem Programm.
Das gesamte Publikum schmolz bei dem Animationsfilm dahin und ließ sich von der Musik von Sophie Hunger verzaubern.
Dieser Familienfilm aus der Schweiz wird Projekt Nummer drei der Kino-blindgänger und bekommt zum Kinostart am 16. Februar 2017 eine barrierefreie Fassung.
Vorher wird aber noch Weihnachten mit „A Holy Mess“ am 22.12.2016 gefeiert.

Für Lena und mich hieß es nach der zweiten noch längeren Nacht, leider Abschied von der Filmkunstmesse zu nehmen.
Aber nächstes Jahr hängen wir mindestens eine dritte Nacht dran!

El Olivo

Die spinnen ja nicht, die Römer, und pflanzen einen Olivenbaum in Düsseldorf.

Schon 55 Jahre vor Christus hätten sie dazu die Möglichkeit gehabt. Damals machten sich die Römer für einige Jahrhunderte auf dem Gebiet des heutigen Köln links des Rheins breit. Von dort wäre es zu dem vierzig Kilometer stromabwärts entfernten Düsseldorf auf der anderen Rheinseite ein Katzensprung gewesen. Aber als sich Düsseldorf aus mehreren kleinen Dörfern ganz allmählich zu der Stadt entwickelte, die sie heute ist, war die Zeit der Römer längst vorbei.

Hinzu kommt, daß Olivenbäume genauso wie ich mediterranen Klimazonen den Vorzug geben, wie zum Beispiel der Region des Bajo Maestrazgo, des Grenzgebietes zwischen Valencia und Katalonien.
Auch dort trieben sich einst die Römer herum und vielleicht stimmt es, was Ramón 2000 Jahre nach Christus seiner Enkelin Alma voller Stolz erklärt:

„Den hier sollen die Römer gepflanzt haben, der Baum ist über zweitausend Jahre alt.“

Mit einem Stammumfang von über acht Metern ist er der Mächtigste in Ramóns Olivenhain und spielt die Hauptrolle in dem Film „El Olivo“.
In seiner knorksigen Rinde kann man sogar zwei Augen und einen Mund ausmachen. Aber leider bringt er kein Wort über die Lippen, wo er doch bestimmt viel Interessantes zu erzählen hätte.

Wie klein und zerbrechlich scheint dagegen das erst 12 Jahre junge Olivenbäumchen auf meinem Foto. Sein noch ganz glatter Stamm hat einen Umfang von gerade einmal 56 cm.
Aber für mich war es stark genug und Oliven trägt es auch schon seit einigen Jahren.

Den Großvater und seine achtjährige Enkelin Alma verbindet vor allem ihre Liebe zu dem uralten Olivenbaum, aber die glücklichen Stunden des Trios sind gezählt.

Einen Schauspieler zu finden, dessen Gesicht und Hände von der jahrelangen harten Arbeit bei glühender Hitze in den Oliven gezeichnet sind, hat man erst gar nicht versucht. Ramón und auch die kleine Alma stammen aus derselben Region wie der Olivenbaum und sind beide keine professionellen Darsteller.
Und so wie Ramón aussieht, klingt er auch, wie man entweder bei der spanischen Filmfassung oder zumindest im spanischen Trailer hören kann.
Mit seiner sehr harten, rauen, energischen und leicht nasalen Stimme erteilt er der Absicht seines Sohnes Luis, den geliebten Olivenbaum für 30.000 Euro zu verkaufen, sehr schroff eine Absage.

Trotzdem ist kurze Zeit später das Aufheulen und Dröhnen von Motorkettensägen und anderem schweren Gerät zu hören. Dem prächtigsten Olivenbaum in Ramóns Olivenhain geht es an den Kragen. Dieses Drama kann die kleine Alma auch nicht mit ihrer spontanen Baumbesetzung abwenden.
Zurechtgestutzt, entwurzelt und für die lange Reise nach Düsseldorf vorbereitet wird aber nur ein extra für die Dreharbeiten aufwendig konstruiertes und zum Verwechseln ähnliches Double des Originals.

Ramóns Freund, der Baum, ist zwar nicht tot, aber fort. Seit diesem Ereignis kommt kein Wort mehr über die Lippen des Großvaters.
Damit ist der Geräuschpegel in der Familie aber kein bißchen gesunken.
Wenn Spanier sich einfach nur unterhalten, hört sich das fast so an, als ob sie sich jederzeit an
die Gurgel springen. Im Streit, und gestritten wird hier sehr viel, peitschen höllisch schnell gesprochene gewaltige Wortsalven durch die Luft.
In der deutschen Fassung geht es mit den sehr treffend ausgewählten Synchronstimmen etwas gemäßigter zu.
Als Nutzerin der App Greta hatte ich noch zusätzlich den Sprecher der Audiodeskription im Ohr. Mit seiner beruhigend tiefen Stimme läßt er sich auch bei der Beschreibung von Almas wildesten Tanzeinlagen nicht aus der Ruhe bringen. Er bleibt standhaft wie ein Baum.

Die knapp sieben fetten Jahre des spanischen Baubooms sind längst vorbei und Almas Vater Luis hat die 30.000 Euro Erlös für den Olivenbaum im wahrsten Sinne des Wortes in den Sand gesetzt.
Die nun folgenden mageren Jahre wollen kein Ende nehmen. Im achten Jahr faßt die inzwischen 23-jährige Alma einen Entschluß.
Mit ihrem Onkel Alcachofa und Rafa, einem Arbeitskollegen, der still in sie verliebt ist, startet sie eine sehr abenteuerliche Rückholaktion, hola nach Düsseldorf!
Koste es was es wolle, will sie ihrem Großvater den Baum und damit sein Leben und seine Sprache zurückgeben.

Den Ausverkauf unzähliger sogenannter „Milenarios“, der uralten riesigen Olivenbäume, in alle Welt hat es besonders während des Baubooms in Spanien wirklich gegeben.
Nach einer Reise in die Region des Bajo Maestrazgo und vielen Gesprächen mit den Menschen dort dachte sich der Drehbuchautor Paul Laverty die Geschichte um eines dieser traurigen Schicksale aus.
Die Regisseurin Icíar Bollaín läßt diese Geschichte von charismatischen Darstellern mit viel Gefühl, spanischem Temperament und sehr großer Spielfreude erzählen.
Sie gibt der Erzählung etwas Märchenhaftes und Hoffnungsvolles, ohne dabei den Blick auf die Realität zu verlieren, mit der vor allem die junge Generation des krisengeschüttelten Spanien heute noch zu kämpfen hat.

Im Alten Testament bei der Geschichte von Noah und seiner Arche war ein Olivenzweig, damals im Schnabel einer Taube, schon einmal ein Hoffnungsschimmer für einen Neuanfang!

Schweinskopf al dente

„Niemand hat die Absicht eine Mauer zu errichten…“

…quäkte Walter Ulbricht am 15. Juni 1961 bei einer Pressekonferenz in Ostberlin mit seiner kehligen und monoton emotionslosen Stimme.
Von dieser Stunde an hing das Wörtchen „Mauer“ in der Luft und schon zwei Monate später zog sich die „Niemandsabsicht“ erschreckend real quer durch Berlin.

55 Jahre später, am 13. August 2016, war das Einzige, was während meiner knapp siebenstündigen Zugfahrt von München nach Berlin kontrolliert wurde, die Fahrkarte.
Der Eberhofer Franz würde die Abschaffung der innerdeutschen Grenze vor 27 Jahren vielleicht mit einem „das ist schön“ oder „wunderboar“ kommentieren.
Er ist die zentrale Filmfigur im „Schweinskopf al dente“ und sorgt als Dorfpolizist in dem bayerischen Fantasiedorf Niederkaltenkirchen für Ruhe und Ordnung.

Als ob speziell für diesen Schweinskopf über Nacht zum Kinostart am 11. August 2016 eine Mauer nach Berliner Vorbild errichtet worden wäre, kann er aber die bayerische Landesgrenze nicht wie jedes andere Schwein einfach so passieren. Er darf sich nur in bayerischen Kinos aufhalten, immerhin 130 an der Zahl.
Dazu hätte der Eberhofer, der nie mit seiner Meinung hinterm Berg hält, möglicherweise ein „Schweinerei“ oder „Sauerei“ gebrummelt.
Dem „Winterkartoffelknödel“ und dem „Dampfnudelblues“, den beiden vegetarischen Vorgängern des Schweinskopfes, ging es diesbezüglich nicht besser.
Einer der Gründe dafür könnte sein, daß in den drei urig bayerischen Kriminalkomödien natürlich die bayerische Mundart par excellence im Original und ohne hochdeutsche Untertitel gepflegt wird.

Ausgedacht hat sich die mittlerweile sieben in sich abgeschlossenen Kriminalgeschichten rund um das 1000 Seelen zählende Niederkaltenkirchen die Münchnerin Rita Falk.
Bis auf den Schweinskopf haben alle Titel mit typisch bayerischen Gerichten zu tun. Die Frau war wohl auch beim Schreiben entweder sehr oft hungrig oder wollte ihren Lesern einfach nur so den Mund wässrig machen.
Beim Hören der ersten drei Romane hätte ich mich am liebsten zur obercoolen Oma vom Franz mit an den Tisch gesetzt. Da gab es Knödel, Schweinsbraten mit Soße, Haxen, lauwarmen Kartoffelsalat und Früchtequark und Apfelstrudel und so weiter.
Einen Durscht muß die Autorin ebenso gehabt haben. Zum Feierabend trifft man sich in der Dorfkneipe vom Wölfi mit reichlich Bier zu vielen Prosits auf die Gemütlichkeit. Dem dorfansässigen Ein-Mann-Sanitärbetrieb hat sie gleich den Namen der in Rosenheim ansässigen Flötzinger Privatbrauerei verpaßt, die schon im Jahr 1543 gegründet wurde.

Deshalb genehmigten auch wir uns zur Stärkung vor dem „Schweinskopf al dente“ auf der Leinwand ein allerdings anderes Teil vom Schwein ganz real auf dem Teller, dazu ein zünftiges Weißbier. Dann ging es zum Cadillac Veranda Kino am Münchner Rosenkavalierplatz.
Im diesem Kino sitzt man nicht nur einfach in einem Kinosaal, sondern wie in einem überdimensionierten Cadillac. Kurz bevor die Vorstellung Fahrt aufnimmt, blickt man noch einmal prüfend in den gigantischen Rückspiegel. Dann erst wird dieser hochgefahren, um die Sicht auf die Leinwand freizugeben.
Für mich war es dann an der Zeit, die über die App Greta auf meinem Smartphone mitgebrachte Audiodeskription zu starten.

Neben unzähligen visuellen Schmankerln beschrieb der Sprecher mit seiner sehr angenehmen Stimme, aus der das Bayerische gerade noch so herauszuhören war, die teilweise schon recht skurrilen Bewohner Niederkaltenkirchens. Falls sie nicht zwischendurch versterben, tauchen sie in zumindest den ersten drei Krimis immer wieder auf und genau davon leben diese Geschichten.
Es kommen aber auch immer wieder Fremdlinge dazu, wie z. B. Mörder, Leichen oder wie hier der Schweinskopf, der gezielt als angsteinflößendes Objekt herhalten muß und diese Aufgabe auch einwandfrei erfüllt.

Bei allen drei bis jetzt in den Kinos gelaufenen Filmen hatte ich den Eindruck, als ob die von Rita Falk erdachten Figuren einfach so aus den Büchern auf die Leinwand gesprungen wären. Aber das Herüberbringen der Stimmung in der bayerischen Provinz, so wie man sie sich vorstellt, und die Handlung mit ihrer Situationskomik ist dem Schweinskopf mit Abstand am besten gelungen!

Der Franz Eberhofer ist der Einzige, der es mit allen anderen Figuren zu tun bekommt, und zwar ob er will oder nicht. Er ist Sohn, Enkel, Bruder, Schwager und Onkel, locker verbandelt mit der Susi, Kunde beim Metzger Simmerl, dem „Heizungs-Pfuscher“ Flötzinger und Stammgast beim Wirt Wölfi. Der Rest ergibt sich aus seiner Funktion als Dorfpolizist.
Das alles scheint der Schauspieler Sebastian Bezzel auch dank des sauguten Zusammenspiels mit all den anderen charismatischen Darstellern genauso leicht zu stemmen wie einen Maßkrug.

Nach einer ganz kurzen Gewöhnungsphase konnte ich den bayerischen Wortgefechten problemlos folgen, das mit dem Maßkrug war da schon viel schwerer!

Und wer weiß, vielleicht schafft der Schweinskopf ja noch mit letzter Kraft den Hopser über die Mauer und beglückt Kinobesucher auch über die bayerische Grenze hinaus.

Schaun mer mal!

Toni Erdmann

Wenn der Prophet nicht zum Berg kommt, muß sich der Berg eben zum Propheten bewegen.

Der Prophet ist in diesem Fall eine Prophetin und heißt Ines Konradi.
Die junge Frau, Mitte 30, lebt zurzeit in Bukarest, wo sie sehr erfolgreich als Unternehmensberaterin arbeitet.
Der Berg, der sich vernachlässigt fühlt, ist ihr Vater Winfried Konradi, ein gerade pensionierter Musiklehrer mit viel Zeit. Also beschließt er, seine gestreßte Tochter zu ihrem Geburtstag mit einem Überraschungsbesuch zu beglücken.

Der Papa hatte bei mir sofort einen „Stein im Brett“.
Als er seinen altersschwachen Hund Willi partout nicht überreden kann, sich ins Haus zu bewegen, verbringt Winfried die Nacht gemeinsam mit dem Tier im Garten auf der Erde schlafend. Am nächsten Morgen liegt Willi tot unter einem Baum. Er hat sich und seinem Herrchen den schrecklichen letzten Weg zum Tierarzt erspart.

Oft steht die Freude des Überraschers im umgekehrten Verhältnis zu der des Überraschten.
So ist Ines, was die Reine, Heilige, Geweihte und Keusche bedeutet, nur wenig über das plötzliche Auftauchen ihres Vaters in Bukarest begeistert, wo er sich in ihr Privatleben und berufliches Umfeld einmischt.
Zudem hat die Prophetin nach wie vor keine Zeit.
Ihr Job besteht aber nicht darin, göttliche Botschaften zu verkünden. Sie versucht gerade, ihrem wichtigsten Kunden das von ihr ausschließlich unter irdischen Gewinnoptimierungsaspekten entwickelte Konzept als das Profitabelste zu verkaufen.

Nach einigen Tagen scheint der Berg zu kapitulieren und den Rückzug anzutreten.
Aber Winfried, der Friedensuchende, bleibt und schlüpft in die Identität des Toni Erdmann.
Wahrscheinlich bin ich die Einzige, die mit Ion Tiriac, dessen Coach und Tennisfreund Toni Erdmann zu sein vorgibt, nichts anfangen konnte.
Falls es noch jemandem so geht: Er ist inzwischen der reichste Mann Rumäniens und war einst ein sehr erfolgreicher Tennisspieler und Manager u.a. von Boris Becker.

Mit der Figur Toni Erdmann kommt allmählich etwas Schwung in die festgefahrene Vater-/ Tochterbeziehung.
Im vollbesetzten Kinosaal gab es Szenenapplaus für eine fast fünfminütige musikalische Einlage. Toni Erdmann am Keyboard und Ines, die er als die fabelhafte Sängerin Whitney Schnuck vorstellt, geben „The Greatest Love of All“ zum Besten.
Nach einigen Takten beginnt Ines etwas unsicher zu singen, faßt dann immer mehr Vertrauen zu ihrer Stimme und wagt sich selbstvergessen und mit Inbrunst in die höchsten Tonlagen.
Hinter Whitney Houston, die 1986 mit ihrer Coverversion dieses Songs einen Nummer-eins-Hit landete, braucht sie sich keinesfalls zu verstecken.

Kaum ist der letzte Ton verklungen, erwacht sie wie aus einem Tagtraum und stürmt in ihr als reine Schlafstätte genutztes Appartement.

Nachdem dort ein Cateringservice das Buffet für ihre Geburtstagsfeier aufgebaut und das Wohnzimmer mit etwas Deko wohnlicher gestaltet hat, ist es höchste Zeit, sich in das passende Party-Outfit zu stürzen. Das erweist sich als ein sehr verzwicktes und verwurschteltes Unterfangen und endet mit einem für ihre Gäste verblüffend minimalistischen Ergebnis.

Minimalistisch war auch meine Hoffnung, die Hörfilmbeschreibung für Toni Erdmann in meinem Lieblingskino unkompliziert in mein Ohr geflüstert zu bekommen. Zwei Tage vorm Kinostart schien es noch gewiß, daß ich mir meine eigenen Bilder zum Film zurechtbasteln müßte.
Im Nachhinein kann ich sagen, das wäre mächtig in die Hose gegangen.
Ohne die Beschreibung der unzähligen visuellen Details, bei denen sich die Drehbuchautorin und Regisseurin Maren Ade natürlich etwas gedacht hat, hätte der Film in meinem Kopf mit dem auf der Leinwand wenig Ähnlichkeit gehabt. Problematisch wären auch die rumänischen nur mit Untertiteln versehenen Dialoge gewesen. Die sonst hilfreichen Geräusche hätten nicht einmal zum richtigen Rückschluß bei der einzigen und einzigartigen Sexszene geführt. Wie auch, wenn sich der weibliche Part mit ausreichendem Sicherheitsabstand und ohne einen Mucks von sich zu geben, die Sache mehr oder weniger genüßlich auf der Zunge zergehen läßt.

Aber zu meiner sehr großen Freude hieß es dann doch noch: Daumen hoch für die App Greta und Starks!
Dafür möchte ich mich hier herzlichst bei allen an diesem Entscheidungsprozeß Beteiligten bedanken!

So konnte ich genauso oft lachen wie die anderen Zuschauer im Saal, wenn auch meist einen klitzekleinen Tick später. Schließlich mußte ich ja noch kurz der Audiodeskription lauschen.

Ich hätte dem Berg (Peter Simonischek) und der Prophetin (Sandra Hüller) wie auch den anderen Filmfiguren noch viel länger zuschauen können, wie sie gemeinsam Maren Ades kritische Beobachtungen meist urkomisch, aber auch mit dem nötigen Ernst auf die Leinwand zauberten.
Aber nach 162 Minuten hieß es dann doch: „Das Bild wird schwarz“!

Zieh dich warm an, Marie!

Die Reise geht in den hohen Norden und es gibt schon den ersten Schnee. Draußen weht ein eisiger Wind.

00:00:01
Eine rote senkrechte Linie schwebt ins Bild, gleitet von links nach rechts und legt die schemenhaften Umrisse eines Schriftzuges frei. Danach wird sie zu einem roten Stern.
Der Schriftzug erstrahlt in weiß:

NEUE VISIONEN – UNABHÄNGIGER FILMVERLEIH

00:00:18
Im schwarzen Bild erscheint ein sonnenähnliches weißes Zeichen mit schwarzem Kern. Der Schriftzug „Motlys“ erscheint, das Zeichen bildet den Buchstaben O.

Geräusch 1: 00:00:25:20 bis 00:00:28:06
(Wasser plätschert.)

00:00:30
Motlys präsentiert

Geräusch 2: 00:00:32:23 bis 00:00:35:08
(Metallisches Klappern.)

00:00:33
Ein Film von Rune Denstad Langlo

Knapp 4,5 Minuten später:

00:04:57
Ein Zug rollt in den menschenleeren Bahnhof ein.

Geräusch 59: 00:04:58:16 bis 00:05:00:21
(Zug rattert.)

00:05:05
Der schwarze Zug bleibt stehen. Über einem schmalen rot-weißen Längsstreifen erscheint in weißer Blockschrift

WELCOME TO NORWAY

Und genau das ist ab dem 13. Oktober 2016 auch auf den deutschen Kinoleinwänden zu lesen!

Jetzt ist es raus und die erste Katze aus dem Sack!

Die barrierefreie Filmfassung für „Welcome to Norway“ ist so gut wie fertig. Zuvor wurde der Film vom Norwegischen ins Deutsche synchronisiert.
In dem 54-seitigen Skript der Audiodeskription sind neben den Bildbeschreibungen auch die Übersetzungen der auf Englisch, Französisch, Arabisch und in einer afrikanischen Sprache geführten Dialoge enthalten. Die Geräusche, die Einsätze der Filmmusik und jedes gesprochene Wort sind in dem 102 Seiten langen Text der Untertitel aufgelistet.
Wie „sekundiös“ die Autoren bei ihrer Arbeit vorgehen, verdeutlichen die Zeitangaben in den kleinen Schnipseln aus den ersten fünf Filmminuten der beiden Skripte.
Der Sprecherin blieben bei ihrem ersten Einsatz um 00:00:01 für das Einsprechen des Abschnitts „Eine rote senkrechte Linie…usw.“ höchstens 17 Sekunden. Der Untertitel (Wasser plätschert), das erste Geräusch, wird exakt für 2 Sekunden und 86 Hundertstel eingeblendet.

Der Verleih Neue Visionen beteiligt sich übrigens zur Hälfte an den Kosten für diese barrierefreie Filmfassung, das ist großartig!!!

Den Trailer zum Film gibt es bislang nur im Original mit englischen Untertiteln, eine deutsche Fassung ist aber in Arbeit.

Mit nur einigen Details aus den ersten fünf Minuten möchte ich versuchen, schon einmal ein bißchen neugierig auf den Film zu machen.
In irgendeinem Raum eines kleinen Hotels in der norwegischen Provinz plätschert Wasser und jemand verursacht metallisches Klappern.
Dieser Jemand ist der Hotelbesitzer Primus, der kurze Zeit später mit seinem Wagen durch eine verschneite Landschaft fährt.
Er ist Mitte 40, dunkelblond und blauäugig. Letzteres ist er auch hinsichtlich seines neuen Projektes, weshalb er sich zu dem kleinen Bahnhof auf den Weg macht.
Daß alles ganz anders kommt als von Primus gedacht, offenbart sich schon kurz nachdem die Fahrgäste des schwarzen Zuges auf den zuvor menschenleeren Bahnsteig strömen und er die Ankömmlinge willkommen heißt.

Sobald der deutsche Trailer für „Welcome to Norway“ verfügbar ist, werde ich beschreiben, wie ich auf diesen Film aufmerksam wurde und was mich an skandinavischen Filmen so begeistert.

Die kleine Gemeinde in der norwegischen Provinz mit dem Hotel und dem kleinen Bahnhof scheint nicht allzu weit von der Grenze nach Sverige, Schweden, entfernt zu sein.
Und wie der Zufall es so will, verschlägt es auch die zweite Katze aus dem Sack in nördliche Gefilde, und zwar zu den Nachbarn der Norweger, nach Schweden.

Im Original auf Schwedisch heißt Film Nummer zwei
„En underbar jävla jul“

Und auf Englisch
„A Holy Mess“

Mit welchem deutschen Titel die Komödie vom Arsenal Filmverleih zwei Tage vor Weihnachten

am 22. Dezember 2016

in den deutschen Kinos startet, ist noch offen.
Auch hier gibt es den Trailer momentan nur im Original mit englischen Untertiteln.

Wenn im Herbst die ersten Weihnachtsmänner in die Supermärkte einmarschieren, bleibt immer noch genug Zeit, das „Heilige Durcheinander“ barrierefrei zu machen.
Von mir gibt es zwischendurch Näheres über die Gründe und Verursacher dieses Durcheinanders.

Zurzeit touren beide Filme, „Welcome to Norway“ und „A Holy Mess“ auf dem Scandinavian Filmfestival durch Australien. Ich wünsche viel Erfolg und erhebe mein Glas.
Skål!!!

Es tut sich was, Marie!

Vor ungefähr drei Monaten hatte ich in meinem Spendenaufruf die etwas unglückliche Marie auf dem Sofa vorgestellt.
Vielleicht fragt sie sich mittlerweile stellvertretend für die Zielgruppe der Kinoblindgänger, wann es endlich soweit ist, einen Film mit freundlicher Unterstützung der Kinoblindgänger gGmbH barrierefrei gemeinsam mit ihren Freunden im Kino genießen zu können.
Den Zeitpunkt verrate ich schon einmal, es wird der späte Herbst bzw. frühe Winter sein.

Aber was genau wird sich auf der Leinwand abspielen?
Jetzt lasse ich die Katze noch nicht aus dem Sack!
Aber sehr bald werde ich mit den Details herausrücken.

Das Lüften dieses Geheimnisses wird ganz bestimmt ein Kinderspiel gegen die Prozedur, eine Katze zunächst in den Sack hinein zu bugsieren, also sich unter der Vielfalt für einen Film zu entscheiden. Es sind übrigens gleich zwei Katzen draus geworden.
Mit fachkundigem und freundschaftlichem Beistand ist dies geglückt und ich hoffe, daß Marie und der Rest der Welt sich über das Ergebnis genauso freuen, wie ich es jetzt schon tue.
Ganz kurz vor meinem Urlaub habe ich Kontakt mit den beiden Filmverleihern aufgenommen, das weitere Prozedere abgestimmt und während des Urlaubs diesen Artikel verfaßt, sozusagen als Zwischeninformation.
Mit der Geheimnistuerei möchte ich mir ein bißchen Zeit verschaffen, demnächst in Ruhe die Filme und die Verleiher vorzustellen.

Und jetzt kommt auch noch der schnöde Mammon ins Spiel.
Bis jetzt gingen Spenden ausschließlich aus meinem persönlichen Umfeld ein. Für diesen Vertrauensvorschuß möchte ich mich hier schon einmal herzlichst bedanken!!!

Auch ich hätte ein Problem, die Katze im Sack zu kaufen.
Deshalb hege ich die Hoffnung, daß nach dem Öffnen des Sackes der/ die Ein(e) oder Andere für meine Herzensangelegenheit den ein oder anderen Euro übrig hat!
Aber unabhängig vom Spenden-/ Sponsorenaufkommen stehe ich für die ersten beiden Projekte ein!!!

Vor der Morgenröte – Stefan Zweig in Amerika

Kannst Du Dir vorstellen, hier zu leben?
Das fragten sich der Schauspieler und Entertainer Joachim Fuchsberger und seine Frau Gundula immer wieder bei ihren zahlreichen Reisen rund um den Erdball. In Australien bzw. Tasmanien waren sie sich schließlich einig. Seit dem Jahr 1983 hatten die Fuchsbergers neben München einen zweiten Wohnsitz in Hubart, der Hauptstadt Tasmaniens.

Im selben Jahr wurde in Salzburg auf dem Kapuzinerberg eine Büste von Stefan Zweig aufgestellt. Genau dort wollte der am 28. November 1881 in Wien geborene Schriftsteller leben.

Der Doktor der Philosophie Stefan Zweig pflegte einen großbürgerlichen Lebensstil. Schon vor den zwanziger Jahren unternahm er Reisen nach Indien, Amerika und 1928 in die Sowjetunion. Nie hatte er jedoch Ambitionen, irgendwo anders als in seiner Heimat Österreich zu leben.
Gegen Ende des Ersten Weltkrieges kaufte er das baufällige Paschinger Schlössl am Kapuzinerberg, das er ab 1920 mit seiner Ehefrau Friderike und deren beiden Töchtern bewohnte.
Schon sehr früh nahm der jüdische Schriftsteller, Humanist und Pazifist die nationalsozialistische Bedrohung ernst. Sie befand sich quasi in Sichtweite seines Hauses, auf dem Obersalzberg, Hitlers Domizil. Als er dann auch noch denunziert wurde und eine Hausdurchsuchung über sich ergehen lassen mußte, nahmen im Februar 1934 seine Salzburger Jahre ein jähes Ende.
Zwei Tage nach diesem Vorfall machte er sich allein auf den Weg nach London. Er sollte seine Heimat, den Kapuzinerberg in Salzburg, nicht mehr wiedersehen.
„Vor der Morgenröte“ des 23. Februar 1942 nahm sich der 60-jährige im Exil in Petropolis bei Rio de Janeiro das Leben.

Die Regisseurin Maria Schrader läßt den österreichischen Schauspieler Josef Hader als Stefan Zweig an der dramatischen Entwicklung zunächst in dessen Heimat und später in ganz Europa vom sicheren Amerika aus verzweifeln.
Daß er dabei so überzeugt, liegt an Haders Schauspielkunst. Mit wem er an welchen Orten unter welchen Umständen in Amerika zusammentrifft, stammt aus den feinfühlig und geschickt geführten Federn der Drehbuchautoren Maria Schrader und Jan Schomburg.

Und wie das fern der Heimat nun einmal so ist, man spricht kaum deutsch!
Das war für die rundum gelungene Arbeit der Hörfilmbeschreiber eine zusätzliche und große Herausforderung. Mit insgesamt zehn Sprechern und Sprecherinnen wurden ähnlich wie beim Synchrondolmetschen die vielen englischen, französischen, spanischen und portugiesischen Dialoge übersetzt, ohne die Originalstimmen dabei zu übertönen.

Müßte ich mich für eine zweite Heimat entscheiden, wäre das Frankreich, wo ich mich auch gerade aufhalte. Aber nach einer Weile würde ich die deutsche Sprache, in der ich mich zu Hause fühle, doch sehr vermissen. Das wird Stefan Zweig im Exil nicht anders gegangen sein.

Anläßlich des Schriftstellerkongresses in Südamerika im September 1936 gedenken die dort in Sicherheit gelangten Autoren ihrer zurückgebliebenen Kollegen. Es wird sehr heftig und kontrovers über die Formulierung einer gemeinsamen politischen Verurteilung Deutschlands diskutiert. Zweig fühlt sich als Außenseiter und seine Verzweiflung wird dort zum ersten Mal deutlich sichtbar.
Alle Namen auf der Liste der im Jahr 1935 verbotenen Autoren, deren Bücher den Flammen zum Opfer gefallen waren, werden verlesen.
Hoffentlich wiederholt sich solch ein frevelhaftes Spektakel in der Geschichte nie wieder. Die in den digitalen Medien üblichen Shitstorms finde ich schon schlimm genug.

Etwas irritiert an Stefan Zweigs Biographie hat mich, daß er 1934 ohne seine Familie nach London floh. Während seines Aufenthaltes in England begann er ein Verhältnis mit seiner Sekretärin Lotte, die er 1939 heiratete.
Seiner geschiedenen Frau gelang 1941 gerade noch rechtzeitig und unter großen Strapazen mit ihren Töchtern die Flucht nach New York, wo sich die geschiedenen Eheleute auch noch einmal trafen.

Von den Filmfrauen hat mich seine erste, gespielt von Barbara Sukowa, sehr viel mehr überzeugt. Das ist jetzt sehr gewagt, aber vielleicht hätte sie Zweigs Suizid verhindern können?

In dem auf Deutsch verfaßten Abschiedsbrief schrieb Zweig unter anderem, daß ihn die Zerstörung seiner „geistigen Heimat Europa“ entwurzelt hätte.
Er hielt es nicht einmal bis zur Morgenröte des 23. Februar aus, geschweige denn, daß er bis zum Ende des Krieges im Exil hätte ausharren können. Seine Frau Lotte ist ihm in den Tod gefolgt.

Der Berliner Schriftsteller und Journalist jüdischer Herkunft Ernst Feder (Matthias Brandt) traf im Sommer 1941 mit seiner Frau in Petropolis ein. Er verbrachte viel Zeit mit Zweig, z.B. beim Schachspiel, und sah ihn als Letzter lebend.
Erst 1957 ging Feder zurück in seine Heimatstadt, wo er 1964 verstarb.

Die Entscheidung der Fuchsbergers, sich in Tasmanien niederzulassen, war eine Luxusentscheidung. Aber auch sie kehrten nach einigen Monaten immer wieder in ihre Heimat nach München zurück.

Lola

Die Lola zählt mittlerweile 17 Jahr, hat kein blondes Haar und auch keines in einer anderen Couleur. Auch wenn sie welches hätte, wäre für sie ein graues Haar kein Thema. Ebenso wenig braucht sie sich über das ein oder andere Fältchen oder ihre schlanke Linie Gedanken zu machen.
So ist das, wenn man als 30 cm große und ca. 3,5 Kilo schwere heiß begehrte Trophäe des Deutschen Filmpreises Jahr für Jahr eine hervorragende Figur macht.
Vor ihrer Zeit überreichte man den Preisträgern ein Filmband in Gold oder Silber.
Dieses Motiv griff die in New York lebende Designerin Mechthild Schmidt auf. Zuerst entwickelte sie die Statuette der Lola, um sie dann zu umwickeln. Sie umhüllte deren zweifelsfrei weibliche Reize mit einem stilisierten güldenen Filmband.
Damit ist eine Irreführung über das Geschlecht der Lola wie in dem gleichnamigen Song der Kinks aus den 70er Jahren ausgeschlossen.

Der erste Einsatz der Lola beim Deutschen Filmpreis von 1999 war schon deshalb spektakulär, weil sie der jüngsten ihrer drei Namensgeberinnen gleich achtmal in die Hände fiel. Das war „Lola rennt“ mit Franka Potente.
Die beiden anderen Lolas spielten Barbara Sukowa in Rainer Werner Fassbinders Film „Lola“ und Greta Garbo in „Der blaue Engel“.

Beim ersten Deutschen Filmpreis 1951, schon sechs Jahre nach Kriegsende, hieß der eine große Gewinner „Das doppelte Lottchen“ nach dem Buch von Erich Kästner. Wenn die Nominierungen und Kategorien damals auch noch sehr übersichtlich waren, ging‘s von da an in jeder Hinsicht stets bergauf.

Dieses Jahr wetteiferten beim Deutschen Filmpreis am 27. Mai im Palais am Funkturm 19 Filme in 19 Kategorien um die Lola. Neben dem Prestige locken zusätzlich nicht zu verachtende Preisgelder. Die Bundesregierung, vertreten durch ihre Beauftragte für Kultur und Medien, ließ sich die Lolas dieses Mal ca. 3 Millionen Euro kosten.
In der Kategorie „Bester Spielfilm“ sind jedem der sechs Filme bereits mit seiner Nominierung 250.000 Euro sicher. Aber die Gelder sind zweckgebunden. Sie müssen in neue Filmprojekte investiert werden und kommen also irgendwann dem Kinobesucher zugute.
Die Preisträger werden in einem sehr transparenten und demokratischen Verfahren von den 1.800 Mitgliedern der Deutschen Filmakademie e. V. gewählt.

Und jetzt ein Satz mit zwei X!
Die Filmakademie zeichnete dieses Jahr den Mitbegründer der X Filme Creative Pool und des X Verleihs mit dem von ihr gestifteten und undotierten Bernd Eichinger Preis aus. Damit ehrt sie Stefan Arndt für seinen langjährigen maßgeblichen Beitrag zur Kinokultur im Sinne des 2012 verstorbenen Namenpatrons des Preises.

Der kleinste gemeinsame Nenner der diesjährigen 19 nominierten Filme inklusive der Kinder- und Dokumentarfilme ist, daß für jeden Film eine barrierefreie Filmfassung erstellt wurde.

Jetzt noch ein Satz mit einem X:
Bei immerhin neun dieser Filme und dem Publikumspreisträger „Fack ju Göhte 2“ bekommen die Zielgruppen mit der App Greta und Starks in wirklich jedem x-beliebigen Kino die Audiodeskription und Untertitel auch tatsächlich ins Ohr oder vors Auge. Das ist nur dank des außerordentlichen Engagements des jeweiligen Verleihs möglich.
Dazu gehört zum Beispiel der X Verleih, der all seine deutschen Filme auf diese Weise für Blinde und Gehörlose im Kinosaal erlebbar macht.

Trotzdem, liebe Filmverleiher: Neun von 19, da geht noch was!

Allerdings hatte auch die Filmakademie den Punkt „barrierefreie Filmfassung“ und deren Zugänglichkeit bei ihrer Entscheidung wahrscheinlich eher nicht auf dem Schirm.
Um diesem in der Filmbranche nicht selten vorherrschenden Phänomen entgegenzuwirken, plädiere ich für eine weitere Kategorie beim Deutschen Filmpreis, nämlich eine

„BARRIEREFREIE LOLA“,

eine Auszeichnung für die beste barrierefreie Filmfassung.

Die Erstellung von Audiodeskriptionen und Untertiteln mit einem qualitativ hohen Niveau ist sehr arbeitsintensiv. Diese spezielle Kunstform sollte auch beim Deutschen Filmpreis entsprechend gewürdigt werden.
Der DBSV (Deutscher Blinden- und Sehbehindertenverband) tut das als Vorreiter bezüglich der Audiodeskription im Rahmen des von ihm veranstalteten Deutschen Hörfilmpreises bereits seit 14 Jahren. Für die Untertitel für Gehörlose scheint es keine vergleichbare Veranstaltung zu geben.
Immer, wenn es um die Auszeichnung von Filmen geht, sollte auch die barrierefreie Filmfassung als gleichberechtigter Partner mit einbezogen werden, um diese von ihrem Image als notwendiges Anhängsel zu befreien, ja genau!!!

Nach der Vorstellung Mechthild Schmidts soll die Figur der Lola Inspiration und Muse, aber auch Dynamik und Wandel verkörpern.

Nächstes Jahr feiert die Lola ihren 18. Geburtstag und wird damit volljährig.
Dann darf und sollte sie auch mehr Verantwortung tragen. Ich lege das Schicksal einer barrierefreien Lola vertrauensvoll in ihre goldenen Hände!

Mängelexemplar

Das Buch ist ein kostbares Kulturgut und hat irgendwie auch eine Seele!
Es möchte, genauso wie alle Dinge und Lebewesen, daß mit ihm respektvoll, sorgfältig und fachgerecht umgegangen wird. Leider ist es aber auch vor Schicksalsschlägen nicht gefeit.
Fehler, die beim Drucken oder Binden auftreten, degradieren das Buch zum Defektexemplar. Die nächste Gefahr lauert beim Transport und der Lagerung. Zieht es sich dabei gut sichtbare und nicht zu korrigierende Beschädigungen zu, wird es als Mängelexemplar abgestempelt und unterliegt nicht mehr der Buchpreisbindung.

Mit einer gewollt verknittert aussehenden Titelseite veröffentlichte die Autorin Sarah Kuttner aus Berlin 2009 ihren Roman „Mängelexemplar“. Ob sich der Buchdeckel auch so anfühlt, wie er aussieht, kann ich mangels eines Exemplars nicht beurteilen.

Ganz genau wissen wird das die Berliner Regisseurin und Drehbuchautorin Laura Lackmann. Beim Lesen des Bestsellers hatte sie sofort einen Film vor Augen und im Jahr 2014 nahm ihr Kopfkino bei den Dreharbeiten Gestalt an. Wer das Mängelexemplar, die 27-jährige Berlinerin Karo, verkörpern sollte, kam ihr jedoch nicht sofort in den Sinn.
Die Wahl fiel beim Casting dann recht schnell auf die gebürtige Berliner Schauspielerin Claudia Eisinger.
Wie gut diese an sich und ganz besonders am gigantischen Lehrstoff eines Jurastudiums verzweifeln kann, bewies sie bereits als Studentin Katharina in „Wir sind die Neuen“.

Im krassen Gegensatz zu dem verknitterten Buchdeckel kann man bei Karos äußerer Erscheinung absolut nichts Mängelexemplarisches feststellen. Dennoch wird die sehr attraktive junge Frau von ihrer Chefin kurz und schmerzlos wie ein ramponiertes Buch ausgemustert.
Sie sei viel zu unbeherrscht und emotional. Und so, wie sich Karo dann in einem Baumarkt aufführt, ihren Freund überfordert und ihre beste Freundin Anna vor den Kopf stößt, scheint da was dran zu sein.
Die Einzige, die ihr gar nichts übel nimmt, und zu der sie sich jederzeit Trost suchend flüchten kann, ist ihre Oma Bille. Den Part der Oma übernimmt Barbara Schöne aus Berlin mit ihrer wundervoll warmherzigen und tiefen Stimme.

Und dann ist da noch Laura Tonke, natürlich auch aus Berlin.
Hier steckt sie nicht als Hedi Schneider in einem Fahrstuhl fest, sondern heißt Anna, besitzt eine Kneipe in Kreuzberg und ist eigentlich Karos beste Freundin.

Wenn sich fünf Frauen als geballte Berlinerinnen-Kompetenz daran machen, eine mal tragische, meist aber komische Berliner Geschichte auf die Leinwand zu bringen, kann ja eigentlich nüscht mehr schiefjehn und das isses auch nicht!
Dazu maßgeblich beigetragen haben aber auch zwei Wahlberlinerinnen.

Zum einen versucht Katja Riemann als Karos Mutter – und eigentlich selbst ein Mängelexemplar – mehr schlecht als recht, ihrer Tochter aus einer tiefen psychischen Krise herauszuhelfen.
Professioneller geht es da schon in der Praxis von Maren Kroymann als Psychotherapeutin Annette zu. Mit stoischer Ruhe und minimalistischen Gesten läßt sie Karo ihr Leben Seite für Seite wie in einem Buch Revue passieren und daraus erzählen.
Darin kommen natürlich auch Männer vor, Christoph Letkowski als Karos Freund, Detlev Buck ist ihr Vater und Maximilian Meyer-Bretschneider mal Kumpel und mal mehr.
Das männliche Geschlecht kommt zwar nicht allzu oft zu Wort, ist aber dennoch unverzichtbar, wie im Leben eben.

Unverzichtbar für den vollen Filmgenuß ist wie immer eine Audiodeskription. Die gibt es auch und ich bekam sie über die App Greta im Kino auf die Ohren.
Dieser frauendominante Film schreit geradezu nach einer Sprecherin für die Hörfilmbeschreibung und das war auch der Fall.
Was ich von der angenehm ruhigen und unaufgeregten Stimme zu hören bekam, war mir sehr vertraut, weil ich bei der Erstellung der Audiodeskription redaktionell mitwirken konnte. Genau gesagt, las mir der Autor den Text seines Manuskriptes zwischen die Dialoge. Wenn mir etwas unklar war, haben wir gemeinsam nach einer neuen Formulierung gesucht.

Die Regisseurin mußte sich einiges einfallen lassen, um Karos diffuse Gedanken und Gemütsschwankungen, wie sie im Buch beschrieben sind, in Bild und Ton darzustellen. Das ist ihr auf beeindruckende Weise geglückt, auch mit Unterstützung durch die jeweils genau passende Filmmusik. Die vielen Bilder mußten dann für die Audiodeskription wieder in Worte gefaßt und in die kurzen Dialogpausen platziert werden. Und ganz subjektiv gesprochen, ich finde, das haben vor allem der Autor, ein Urberliner, und ein bißchen auch ich, jahrzehntelange Wahlberlinerin, ganz gut hinbekommen.
Mein Honorar für diese Tätigkeit kommt übrigens zu 100 % der Kinoblindgänger gemeinnützige GmbH zugute!

Ein Hologramm für den König…

…und für Arne Elsholtz!

Wie Sie sehen, sehen Sie nichts. Aber wenn Sie mal schauen wollen, Sie sehen ja selbst!
Das betrifft aber nicht den Kinobesucher, ganz im Gegenteil.
Nur der vom Jetlag geplagte Amerikaner Alan Clay steht in der saudi-arabischen Wüste und staunt. Von dem, was er hoffte, dort vorzufinden, ist weit und breit nichts zu sehen und diese Erkenntnis erwischt ihn trotz glühender Hitze eiskalt.

Nach einer knapp zweistündigen Autofahrt von der Stadt Djidda über eine menschenleere Wüstenstraße taucht plötzlich wie aus dem Nichts ein Straßenschild auf mit der verheißungsvollen Aufschrift:
„King’s Metropolis of Economy and Trade“
Alans Fahrer Yousef lenkt nun seinen schicken Wagen auf die Zufahrtsstraße zu dem Firmengelände, auf der ein gelangweilter Kontrollposten sitzt und sich die Füße in einem Planschbecken kühlt. Nachdem dieser die beiden durchgewunken hat, setzen sie ihre Fahrt durch das Nichts fort. Der einzige Unterschied ist, daß jetzt der Sand von der Straße gefegt wird.
Endlich taucht ein gewaltiger runder futuristischer Gebäudekomplex am Meer auf und einige Meter entfernt ein großes schwarzes Zelt. In diesem notdürftig eingerichteten Brutkasten ohne Klimaanlage, Telefon- und Internetverbindung ist zu Clays Entsetzen sein Team untergebracht.

Schlechter könnten die Voraussetzungen nicht sein, dem saudischen König persönlich eine US-amerikanische Zukunftstechnologie, ein holographisches Telefonkonferenzsystem, zu präsentieren und zu verkaufen.
Als er wütend hinüber in das futuristische Gebäude marschiert, um sich über diese Mißstände zu beschweren, hat er Mühe, überhaupt jemanden anzutreffen. Und der König hat sich auch seit mindestens 18 Monaten nicht mehr blicken lassen.

Diese Kulisse am Roten Meer, die Alans Hoffnungen auf einen für ihn überlebenswichtigen erfolgreichen Geschäftsabschluß sehr dämpft, ist nicht frei erfunden, sondern Realität in der Region zwischen den heiligen Städten Mekka und Medina.
Dort legte der saudische König Abdullah ibn Abd al-Aziz im Dezember 2005 den Grundstein für das gigantische Projekt „King Abdullah Economic City“, kurz KAEC genannt. Knapp zwei Autostunden entfernt von der wichtigsten saudi-arabischen Hafenstadt Djidda sollte in wenigen Jahren für 22 Milliarden Euro eine Mega-Stadt, eine strahlende Wirtschaftsmetropole nach dem Vorbild Dubais, mit über 2 Millionen Bewohnern aus dem Boden gestampft werden.
Realisiert wurden in den darauffolgenden acht Jahren allerdings nur einige verwaiste Bürogebäude und riesige leerstehende Apartmentkomplexe. Der Rest des ehrgeizigen Projektes ist noch auf dem Reißbrett.
Vielleicht aus diesem Grund wurde der Drehbuchautor und Regisseur Tom Tykwer jedenfalls für die Dreharbeiten der Spielfilmszenen von den Saudis aus ihrer Wüste verjagt.
Eine geeignete Ersatzwüste fand er dafür in Marokko.
Erlaubt wurden ihm aber die Aufnahmen vom architektonisch hochinteressanten Stadtbild Djiddas. Die Bilder aus Mekka stammen von muslimischen Kameraleuten, weil Nichtmuslimen das Betreten der heiligen Stadt verboten ist.

Kein Ersatz, sondern Wunschkandidat für die Rolle des Alan Clay, des 54-jährigen Geschäftsmannes und Pechvogels aus Boston, ist Tom Hanks. Der Schauspieler schätzt sich, wie er in einem Interview sagte, glücklich, nur im Film jemanden zu verkörpern, dem in jeder Hinsicht der Boden unter den Füßen weggezogen wurde. Aber auch der Neustart in Saudi-Arabien steht unter keinem guten Stern. Sogar diverse Sitzgelegenheiten haben sich gegen ihn verschworen und brechen bei den unpassendsten Gelegenheiten unter ihm zusammen.
Und täglich grüßt nicht das Murmeltier, sondern neben einem zerbrochenen Stuhl sein Fahrer Yousef, weil Alan wieder einmal verkatert den Zubringerservice vom Hotel in den Brutkasten verschlafen hat. In dem Land der allgegenwärtigen Wasserflaschen gelingt es ihm doch immer wieder, an alkoholische Getränke zu kommen.
Ähnlich wie Bill Murray kämpft auch Tom Hanks mit dem Phänomen einer Art Zeitschleife, nur mit viel mehr Tempo. Wie auf einem Laufband in einem Fitnessstudio hetzt er immer wieder durch den Tag, ohne seinem Ziel auch nur einen Schritt näher zu kommen.
Welches war das noch gleich?

Aber zu Alans Glück ist die saudi-arabische Ärztin Zahra kein Hologramm, also keine technisch hochkompliziert erstellte photographische Aufnahme, die ein echtes dreidimensionales Abbild des Ursprungsgegenstandes wiedergibt. Sie ist aus Fleisch und Blut und dazu auch noch wunderschön.
Auch der Fahrer Yousef (Alexander Black) ist mit Haut und Haar und für den gestreßten Amerikaner ein Glücksfall. Von dem witzigen, charmanten und oft sprunghaften und widersprüchlichen jungen Mann lernt Alan viel über Land und Leute.

Für die Beschreibung der Bilderflut lassen die Filmfiguren, besonders der mitteilungsbedürftige Yousef, nicht viel Zeit. Aber die Zeit, die blieb, wurde optimal genutzt und ich hätte keine der Informationen missen mögen. Nur als Alan und die Schöne vor den indiskreten Blicken der Nachbarn im wahrsten Sinne des Wortes einmal abtauchen und für eine gefühlte Ewigkeit die Luft anhalten müssen, konnten sich die Hörfilmbeschreiber einmal richtig austoben.

Tom Hanks darf sich damit rühmen, daß ihm gleich zwei der besten deutschen Synchronsprecher und beide aus Berlin ihre Stimme leihen bzw. liehen. Arne Elsholtz, der unter anderem auch Bill Murray synchronisierte, ist leider vor zwei Wochen gestorben.
Jetzt wird Joachim Tennstedt, der im Film „Ein Hologramm für den König“ zu hören ist, den Job wohl alleine übernehmen.